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Das Mädchen Der Verbotenen Regenbögen Rosette Das Aufeinandertreffen zweier einsamer Seelen inmitten der Faszination eines fiktiven schottischen Dorfes ist der Ausgangspunkt einer großen Liebesgeschichte, in der nichts wie eh und je ist. Die Hauptperson - Melisande Bruno - ist das Mädchen der verbotenen Regenbögen, da sie alles nur schwarzweiß sehen kann. Und ihr Gegenpart und gleichzeitig ihre große Liebe ist Sebastian McLaine, ein an den Rollstuhl gefesselter Schriftsteller. Melisande Bruno flieht vor ihrer Vergangenheit, vor allem gelingt es ihr nicht ihr Anderssein zu akzeptieren: sie wurde mit einer seltenen Sehbehinderung geboren, die ihr nicht ermöglicht Farben zu unterscheiden und ihren größten Traum einen Regenbogen zu sehen zu erfüllen. Ihr neuer Arbeitgeber ist Sebastian McLaine, ein berühmter Schriftsteller von Horror-Romanen, der nach einem mysteriösen Autounfall an den Rollstuhl gefesselt ist. Im Schatten lauert eine Figur, die nur darauf wartet, sich von den Wünschen anderer zu naehren ... Zwei einsame Schicksale verflechten sich, vereint durch ihre dunkelsten Träume, wo nichts so ist, wie es scheint. Ein gotischer Roman, der nur darauf wartet, gelesen zu werden ... Erstes Kapitel Ich hob den Blick und reckte mein Gesicht dem sanften Wind entgegen. Diese leichte Brise schien mir Glück zu bringen, fast wie eine gute Fee, ein eindeutiges Zeichen, dass mein Lebensweg eine neue Richtung einschlägt, und dieses Mal sollte der Erfolg nicht ausbleiben. Ich schloss meine rechte Hand noch fester um den Koffer und setzte meinen Weg mit neuer Entschlossenheit fort. Mein Ziel war nicht weit entfernt, wenn ich den vertrauenerweckenden Hinweisen des Busfahrers Glauben schenken wollte und ich hoffte, dass sie wirklich ehrlich waren und mir nicht einfach nur Hoffnung machen sollten. Als ich oben auf dem Hügel ankam, hielt ich inne, zum einen, um wieder zu Atem zu kommen, zum anderen, weil ich meinen Augen nicht traute. Bescheidener Landsitz? So hatte es Frau McMillian am Telefon genannt, mit ihrer den Bewohnern ländlicher Gegenden so eigenen Naivität. Da hatte sie sich wohl einen Scherz erlaubt. Sie konnte das nicht ernst gemeint haben, sie konnte doch nicht so einfältig durch diese Welt gehen. Das Haus ragte ähnlich einem Feenpalast majestätisch und hoheitsvoll in die Höhe. Sollte die Position einst aus dem Wunsch sich im Dickicht und der üppigen Vegetation zu verstecken ausgewählt worden sein, nun … dieser Versuch war offensichtlich kläglich gescheitert. Ganz plötzlich überkam mich eine tiefe Befangenheit und führte mir die Begeisterung vor Augen, mit der ich die Reise von London nach Schottland und von Edinburgh in diesen malerischen, einsamen und ruhigen Ort in den Highlands angetreten hatte. Dieses Stellenangebot stürzte auf mich ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel, ein himmlisches Geschenk in einem trostlosen und hoffnungslosen Augenblick. Ich hatte mich damit abgefunden von einem Büro in das nächste, noch unbedeutender und trostloser als das vorherige, zu wechseln, als Mädchen für alles, mit der mir eigenen Bestimmung von Trugbildern zu leben. Und dann hatte ich zufällig die Anzeige gelesen und das anschließende Telefongespräch, das einen radikalen Umbruch meines Daseins auslöste, ein unverhoffter aber doch stets herbeigesehnter Umzug. Bis noch vor wenigen Minuten erschien es mir Zauberei…. Aber, alles in allem, was hatte sich geändert? Ich atmete durch und zwang meine Beine einen Schritt nach dem anderen zu tun. Dieses Mal war mein Gang nicht mehr so triumphierend wie noch einige Minuten zuvor, sondern tapsig und zögerlich. Da kam die echte Melisande wieder zum Vorschein, die weitaus schwerer war als all die Gewichte, mit denen ich vergebens versucht hatte, sie zu ertränken. So brachte ich das letzte Stück des Weges in einer unvergleichlichen Langsamkeit hinter mich, ich war unendlich froh allein zu sein und niemandem Rechenschaft über den wirklichen Grund meiner Unentschlossenheit ablegen zu müssen. Meine Schüchternheit, mein Schutzmantel mit Eigenleben trotz meiner wiederholten fehlgeschlagenen Versuchen ihn abzulegen, hatte sich wieder einmal in den Vordergrund gedrängt, damit ich ja nicht vergessen sollte, wer ich bin. Als ob ich das jemals vergessen könnte. Ich erreichte das eiserne Tor, das mindestens drei Meter Höhe erreichte, und erlitt erneut einen Anfall von lähmender Unschlüssigkeit. Ich biss mir auf die Lippen und überlegte welche Alternativen mir zur Verfügung standen. Ehrlich gesagt, herzlich wenige. Umzudrehen und wegzulaufen stand außer Frage. Ich hatte die Reisekosten vorgestreckt und so hatte ich nur noch wenig Geld in der Tasche. Ehrlich gesagt, herzlich wenig. Und, außerdem, was erwartete mich in London? Nichts. Absolute Leere. Selbst meine Zimmergenossin erinnerte sich nur mit Schwierigkeiten an meinen Namen, bestenfalls verdrehte sie ihn. Es herrschte eine absolute Stille um mich herum, deren Hall ihrer totalen Starre nur durch das dumpfe Klopfen meines Herzens unterbrochen wurde. Ich setzte den Koffer auf den Weg und kümmerte mich nicht um mögliche Grasflecken. Was soll’s, mir bedeutete das nichts. Ich war in meinem schwarzweißen Reich eingeschlossen, wo auch nicht der kleinste Farbtupfer Einlass fand. Und das nicht im übertragenden Sinne. Ich führte eine Hand an die rechte Schläfe und übte einen leichten Druck mit den Fingerspitzen aus. Ich hatte irgendwo einmal gelesen, dass somit die Anspannung nachlässt und, obwohl ich das dumm und absolut nutzlos fand, führte ich diese Geste trotzdem aus und folgte somit gehorsam einem Ritual, dem ich absolut nicht vertraute, sondern nur einer festen Angewohnheit Respekt zollte. Es war ein angenehmer Trost, Gewohnheiten zu haben. Ich hatte festgestellt, dass sie mich aufheiterten und ich gab niemals eine von ihnen auf. Zumindest nicht in jenem Augenblick. Ich hatte mich mit Gewalt gegen den normalen Lauf der Dinge gewandt, indem ich mich mit dem Strom mitreißen ließ, und jetzt würde ich alles dafür tun, um zurückgehen zu können. Ich weinte meinem Zimmer in London nach, dass so klein wie eine Schiffskabine war, dem zerstreuten Lächeln meiner Mitbewohnerin, den Unfug ihrer dickbauchigen Katze und sogar den abblätternden Wänden. Ganz plötzlich, ohne Vorwarnung, packte meine eine Hand wieder den Lederkoffer, und die andere löste sich von dem Tor, an dem ich mich festgeklammert hatte, ohne es zu merken. Ich wusste nicht, was ich tat – einfach kehrtmachen oder klingeln – aber es ergab sich nie die Möglichkeit das herauszufinden, denn genau in diesem Moment geschahen zwei Dinge gleichzeitig. Ich schaute nach oben, eine Bewegung hinter einem Fenster im ersten Stock hatte meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen und ich meinte einen weißen Vorhang zu sehen, der an seinen Platz zurückfiel. Und dann hörte ich eine weibliche Stimme. Die gleiche, die ich einige Tage zuvor am Telefon gehört hatte. Die Stimme von Millicent Mc Millian, und erschreckenderweise war sie auch noch nah, ganz nah. „Miss Bruno! Das sind doch Sie, oder nicht?” Ich wendete mich schnell in Richtung, aus der die Stimme kam und hatte die Bewegung am Fenster im ersten Stock schon vergessen. Eine Frau mittleren Alters von dünner, drahtiger Gestalt und einer sanften Aura redete unaufhörlich weiter und überschüttete mich mit ihrem Redeschwall. Und ich wurde mitgerissen. „Natürlich sind Sie es? Wer könnte es sonst sein? Wir haben hier nicht oft Besuch in Midnight Rose House, und wir haben schon auf Sie gewartet! Hatten Sie eine angenehme Reise? Hatten Sie Schwierigkeiten, den richtigen Weg zu finden? Haben Sie Hunger? Durst? Ich nehme an, Sie möchten etwas ausruhen... Ich läute sofort nach Kyle, der Ihnen das Gepäck auf Ihr Zimmer bringt…. Ich habe ein besonders schönes Zimmer für Sie ausgesucht, einfach, aber entzückend, im ersten Stock…” Ich versuchte, wenn auch mit wenig Erfolg, zumindest eine ihrer Fragen zu beantworten, aber Mrs. Mc Millian gab ihrem ununterbrochenen Redefluss keinen Einhalt. „Natürlich werden Sie auf der ersten Etage wohnen, wie Herr Mc Laine… Nein, er benötigt keine Hilfe von Ihnen. Er hat ja schon Kyle als Krankenpfleger... In Wirklichkeit ist er so etwas wie der Mann für alle Fälle... Und auch Fahrer... Von wem, weiß man nicht, Herr Mc Laine geht niemals aus….. Ach, ich bin so froh, dass Sie hier sind! Ich hatte etwas weibliche Gesellschaft ganz schön vermisst... Dieses Haus ist etwas furchterregend. Innen zumindest... Hier in der Sonne erscheint alles wundervoll….. Finden Sie nicht auch? Gefällt Ihnen die Farbe? Etwas gewagt, ich weiß… Aber Herr Mc Laine mag es so.” So, da war es wieder, dachte ich mit Verbitterung. Eine Frage, die ich glücklicherweise nicht beantworten musste. Ich folgte der Frau ins Innere des Hofes und anschließend in die riesige Eingangshalle des Hauses. Sie schwatzte unentwegt in glockenhellem Tonfall. Ich beschränkte mich darauf hier und da zu nicken und gleichzeitig warf ich schnelle Blicke auf die Räume, die wir durchquerten. Das Haus war wirklich sehr groß, stellte ich mit Überraschung fest. Ich hatte eine nüchterne, spartanische, männlichere Einrichtung erwartet, wenn man bedenkt, dass der Eigentümer, mein neuer Arbeitgeber, ein alleinlebender Mann war. Offensichtlich war sein Geschmack alles andere als minimalistisch. Die Möbel waren prächtig, prunkvoll, antik. Achtzehntes Jahrhundert, dachte ich, auch wenn ich kein Experte für Antiquariat war. Ich ging etwas schneller, um die Hausdame, die einem Geparden gleich durch die Räume schlich, nicht zu verlieren. „Das Haus ist riesig groß” murmelte ich während einer Pause ihres langen Monologs. Sie warf mir einen Blick über die Schulter zu. „Das ist wahr, Miss Bruno. Aber es ist zur Hälfte geschlossen. Es ist übertrieben groß für eine einzige Person, und überaus anstrengend für meine Wenigkeit. Abgesehen von einer Reinigungsfirma, die für den Großputz engagiert wurde, bin nur ich da. Und Kyle natürlich, aber der hat andere Aufgaben. Und jetzt Sie.” Endlich hielt sie vor einer Türe an und öffnete sie. Ich schloss zu ihr auf, etwas außer Atem. Ich keuchte und war erschöpft. Mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen betrat sie das Zimmer vor mir. „Ich hoffe, es gefällt Ihnen, Miss Bruno. Apropos… liegt der Akzent auf dem O, Brunò, oder Bruno?” „Bruno. Mein Vater stammt aus Italien” antwortete ich, während meine Augen jeden Winkel des Zimmers musterten. Mrs. Mc Millian begann aufs Neue mit ihrer Plauderei und erzählte mir verschiedene Anekdoten von ihrer kurzen Zeit in Italien, in Florenz, während ihrer Jugend und den darauffolgenden Missgeschicken als Kunstgeschichtsstudentin und ihrem Kampf mit der lokalen Bürokratie. Ich hörte ihr nur halb zu, ich war zu aufgeregt, um etwaiges Interesse vortäuschen zu können. Das Zimmer, das sie als einfach bezeichnet hatte, war dreimal so groß wie das Loch, in dem ich in London hauste! Meine anfänglichen Zweifel wurden weggefegt. Ich stellte den Koffer auf die Kommode und betrachtete eingehend das Himmelbett, das genauso antik war wie die restlichen Möbel. Ein Sekretär, ein Schrank, ein Nachttisch, auf dem Holzboden ein Teppich, ein halb geschlossenes Fenster. Ich ging auf es zu und öffnete es weit um den wundervollen Ausblick, der mich umgab, zu genießen. In der Ferne sah man das Dorf, das ich vor kurzem auf meiner Busfahrt gestreift hatte, auf dem Hügel gegenüber gelegen erkannte man ein Stück Fluss, das zu meiner Rechten von einer dichten Vegetation verschlungen wurde, und der Garten unterhalb, wohlgepflegt und mit vielen Pflanzen. „Ich liebe es, mich um den Garten zu kümmern”, setzte die Hausdame unerschrocken ihren Redeschwall fort, während sie sich neben mich stellte. „Ich liebe ganz besonders Rosen. Wie Sie sehen habe ich Ihnen einen Strauß gebracht.” Ich drehte mich um, und nahm erst jetzt die große Vase auf der Kommode wahr, die mit einem üppigen Strauß Rosen gefüllt war. Ich überbrückte die Distanz zwischen mir und den Blumen und tauchte meine Nase in seine fleischigen Blätter. Der Duft machte mich auf der Stelle benommen und stieg mir zu Kopf, was mir ein leichtes Schwindelgefühl verursachte. Das erste Mal in meinen zweiundzwanzig Jahren fühlte ich mich zuhause. So als ob ich endlich in einen sicheren und schützenden Hafen eingelaufen wäre. „Gefallen Ihnen die weißen Rosen? Vielleicht hätten Sie lieber orangefarbene oder rosa Rosen gehabt. Oder gelbe…” Ich wurde von dieser tückischen Frage wieder auf die Erde zurückgeholt, auch wenn sie ganz unverfänglich und ahnungslos von dieser freundlichen Frau gestellt wurde. „Mir gefallen alle. Ich habe keine Vorlieben”, murmelte ich und schloss die Augen. „Ich wette, Ihnen gefallen die roten. Allen Frauen gefallen rote Rosen. Aber mir kamen sie fehl am Platz vor….. ich meine….. Rote Rosen sollten eigentlich nur von einem Verehrer geschenkt werden…. Haben Sie einen festen Freund, Miss Bruno?” „Nein”. Meine Stimme war kaum mehr als ein Hauch von müdem Klang, gerade so wie jemand, der noch nie eine andere Antwort gegeben hat. „Wie dumm von mir. Natürlich haben Sie keinen. Wenn Sie einen hätten, wären Sie nicht hier in diesem gottverlassenen Ort, weit weg von Ihrem Liebsten. Ich bezweifle, dass Sie hier jemand finden werden...” Ich öffnete die Augen wieder. „Ich bin nicht auf der Suche nach einem Verlobten.” Ihr Gesicht hellte sich auf. „Na, dann werden Sie hier nicht enttäuscht werden. Hier ist es praktisch unmöglich jemanden zu treffen. Sie sind fast alle schon vergeben. Sie verloben sich, kaum dass sie aus den Windeln sind, oder spätestens im Kindergarten… Sie wissen schon wie es in diesen kleinen ländlichen Orten zugeht, Neues und Diverses lässt man nicht an sich herankommen.” Und ich war divers. Hoffnungslos divers. „Ich sagte ja schon, das ist kein Problem für mich”, sagte ich mit viel Courage in meinem Tonfall. „Ihre Haare haben wirklich eine herrliche rote Farbe, Miss Bruno. Beneidenswert würde ich sagen. Einer Schottin würdig, auch wenn Sie keine sind.“ Ich fuhr mit meinen Finger zerstreut durch die Haare und versuchte ein gezwungenes Lächeln aufzusetzen. Ich antwortete nicht, ich war diese Art von Kommentaren schon gewohnt. Sie fuhr mit ihrem Palaver fort und ich lenkte mich erneut ab, das Gemüt durch schmerzende Erinnerungen überfordert, die sich am langsamsten verflüchtigen, die die widerspenstigen gegen das Verblassen sind, die am schnellsten wieder hochkommen. Um mich nicht noch einmal von den glühenden Pfeilen der Erinnerung durchstoßen zu lassen, unterbrach ich die Erzählung einer weiteren Anekdote. „Wie sind meine Arbeitszeiten?” Die Frau nickte anerkennend, da sie meine Hingabe an die Arbeit erkannt hatte. „Von morgens neun Uhr bis um fünf Uhr nachmittags. Natürlich haben Sie auch eine Mittagspause. In diesem Zusammenhang möchte ich Sie darüber informieren, dass Herr Mc Laine es vorzieht seine Mahlzeiten in seinem Arbeitsraum in völliger Einsamkeit zu sich zu nehmen. Ich fürchte, er wird nicht gerade eine gute Gesellschaft sein.“ Sie deutete eine traurige Grimasse an, und ihr Tonfall nahm einen entschuldigenden Klang an. „Es ist ein sehr verbitterter Mann. Sie wissen schon.... wegen der Tragödie... Er ist wie ein Löwe im Käfig, und glauben Sie mir ... wenn er brüllt, möchte man am liebsten alles liegen und stehen lassen und weglaufen... So wie es die anderen drei Sekretärinnen vor Ihnen gemacht haben... .“ Ihre Augen schienen mich einer lupenscharfen Kontrolle zu unterziehen. „Sie scheinen mir mit mehr gesundem Menschenverstand und praktischem Sinn ausgestattet ... Ich hoffe, Sie werden es ein bisschen länger aushalten, das wünsche ich mir wirklich sehr... .“ „Trotz meiner schmächtigen und zarten Erscheinung, verfüge ich über unendlich viel Geduld, Mrs. Mc Millian. Ich versichere Ihnen, dass ich mein Bestes geben werde, um der Aufgabe gewachsen zu sein.“, versprach ich mit all dem Optimismus, den ich irgendwie zusammenklauben konnte. Die Frau antwortete mir mit einem breiten Lächeln, ich hatte sie soeben mit meiner feierlichen Aussage erobert. Ich hoffte, nicht die Bärenhaut verkauft zu haben, bevor ich den Bären erlegt hatte. Die Frau ging immer noch lächelnd zur Tür. „Mister Mc Laine erwartet Sie in einer Stunde in seinem Arbeitszimmer, Miss Bruno. Lassen Sie sich nicht einschüchtern. Bieten Sie ihm Paroli, das ist der einzige Weg um sich nicht gleich bei der ersten Gelegenheit wegjagen zu lassen.“ Ich blinzelte versunken in der anfänglichen Aufregung. „Liebt er es seine Mitarbeiter in Verlegenheit zu bringen?“ Sie wurde ernst. „Er ist ein harter, aber gerechter Mann. Sagen wir, er mag keine Hasen und setzt alles daran, sie in einem Happen zu verspeisen. Das Problem ist, dass in seiner Gegenwart viele Löwen zu Angsthasen werden...” Sie grüßte mich mit einem Lächeln und verließ den Raum, ohne den durch ihre letzten Worte erzeugten Wirbelsturm wahrzunehmen, der sich in meinem Kopf einnistete. Ich ging zum Fenster zurück. Der Wind hatte sich gelegt, und wurde durch eine ungewöhnlich schwüle Hitze ersetzt, der eher für den größten Teil des Kontinents üblich war, als für dieses Gebiet. Mit Mühe brachte ich meinen Verstand auf Stand-by, indem ich die schädlichen Gedanken losließ. Er war wieder eine leere Seite, unberührt, frisch, frei von allen Sorgen. Mit der vernichtenden Gewissheit derer, die sich selbst gut genug kennen, wusste ich, dass dieser Frieden relativ war, so vergänglich wie eine Spur im Sand, die nur darauf wartet, von den zurückziehenden Fluten gelöscht zu werden. Der Empfang von Mrs. Mc Millian durfte mich nicht täuschen. Sie war eine einfache Angestellte, nicht mehr und nicht weniger als ich selbst. Es war angenehm, sehr angenehm, wenn ich darüber nachdachte, sie auf meiner Seite zu wissen, und dass sie mir mit solcher Spontaneität ein komplizenhaftes Bündnis angeboten hatte, aber ich durfte nicht vergessen, dass mein Arbeitgeber ein anderer war. Mein Aufenthalt in diesem Hause, so angenehm und so anders als jeder Ort, den ich je gekannt habe, hing ganz und gar von ihm ab. Oder vielmehr von dem Eindruck, den ich auf ihn machen würde. Ich. Ich allein. Von ihm wusste ich viel zu wenig, um mich zu entspannen. Ein einzelner Mann, zu einem Gefängnis verdammt, das schlimmer als der Tod war, abgestellt zu einem halbierten Leben, ein einsamer Schriftsteller mit miesem Charakter... Den verschleierte Anspielungen meiner Komplizin zufolge, handelte es sich um einen Mann, der sich daran ergötzte, andere Menschen in Verlegenheit zu bringen, vielleicht liebte er es seine Rachgier an anderen auszuleben, nachdem er es nicht an seinem einzigen Feind tun konnte: dem Schicksal. Blind, mit verbundenen Augen, gleichgültig gegenüber dem auferlegten Leiden um sich herum, in gewissem Sinne demokratisch. Ich atmete tief durch. Wenn mein Aufenthalt in diesem Haus dazu bestimmt war, von kurzer Dauer zu sein, könnte ich auch auf das Auspacken verzichten. Ich wollte keine Zeit verschwenden. Ich wanderte immer noch ungläubig durch den Raum. Ich verweilte vor dem Spiegel über der Kommode, und betrachtete traurig mein Gesicht. Meine Haare waren rot, gewiss. Ich wusste das, aber nur, weil andere es mir gesagt hatten, ich war nicht in der Lage, die Farbe zu bestimmen. Ich lebte ein Leben in Schwarz-Weiß, ebenso darin gefangen wie Mr. Mc Laine. Nicht in einem Rollstuhl, aber auf meine Weise inkomplett. Ich legte meine Finger auf eine silberne Bürste, die zusammen mit anderen Hygieneartikeln auf der Kommode lag, ein kostbarer Gegenstand, der mir mit unvergleichlicher Großzügigkeit zur Verfügung gestellt wurde. Die Augen blieben auf der große Wanduhr hängen, und sie erinnerten mich, fast Unheil verheißend, an den Termin mit dem Hausherrn. Ich durfte nicht zu spät kommen. Nicht bei unserem ersten Treffen. Vielleicht ist es ja auch das letzte, wenn ich nicht in der Lage sein sollte... Wie hatte es Mrs. Mc Millian genannt? Ach, ja. Ihm Paroli bieten. Ein großes Wort für eine Hasenprinzessin. Mein am häufigsten verwendetes Lieblingswort war Entschuldigung, in allen möglichen Varianten, je nach Situation und Umstand. Früher oder später hätte ich mich für meine Existenz entschuldigt. Ich straffte die Schultern, in einem plötzlichen Anfall von Stolz. Ich hätte meine Haut nur teuer verkauft. Ich hätte mir das Recht, das Vergnügen, in diesem Haus, in diesem Zimmer, in dieser Ecke der Welt zu bleiben, schon verdient. Am Treppenabsatz angelangt, hingen meine Schultern schon wieder, mein Verstand begann zu brüllen, das Herz zu rasen. Meine Gelassenheit hatte wie lange gedauert ...? Eine Minute? Fast ein Rekord. Zweites Kapitel Als ich in der Eingangshalle ankam, wurde ich mir meiner unvermeidlichen Unwissenheit bewusst. Wo war das Arbeitszimmer? Wie sollte ich es finden, wenn ich es gerade so geschafft hatte, bis hierher zu kommen? Kurz bevor ich im Sumpf meiner Verzweiflung versank, wurde ich durch ein willkommenes Einschreiten von Mrs. Mc Millian mit einem breiten Lächeln auf ihrem hageren Gesicht gerettet. „Miss Bruno, ich war gerade auf dem Weg zu Ihnen, um Sie daran zu erinnern....“ Sie warf einen Blick auf die Pendeluhr an der Wand. „Welch eine Pünktlichkeit! Sie sind wirklich ein seltenes Juwel! Sind Sie sicher, dass Sie italienische Wurzeln haben, und nicht Schweizer?“ Sie lachte allein über ihren Scherz. Ich lächelte höflich und versuchte mit ihr Schritt zu halten, während sie die Treppe hinaufstieg. Wir kamen an der Tür zu meinem Schlafzimmer vorbei und gingen offensichtlich auf die schwere Tür am Ende des Gangs zu. Ohne mit ihrem Geplapper einzuhalten, klopfte sie dreimal sanft an der Tür und öffnete sie einen Spalt. Ich blieb hinter ihr stehen, mit zitternden Beinen, während sie vorsichtig in den Raum blickte. „Mister Mc Laine... hier ist Miss Bruno.” „Ist ja auch höchste Zeit. Sie ist zu spät.” Die Stimme klang rau und unfreundlich. Die Hausdame brach in rauschendes Lachen aus, wohlwissend der Unzufriedenheit des Hausherrn. „Nur eine Minute, Sir. Vergessen Sie nicht, dass sie neu in diesem Hause ist. Ich bin Schuld an ihrer Verspätung, weil ...“ „Lassen Sie sie eintreten, Millicent“. Die Unterbrechung war abrupt, fast wie ein Peitschenhieb, und ich schreckte an Stelle der Frau auf, die sich seelenruhig umdrehte und mich anblickte. „Mr. Mc Laine erwartet Sie, Miss Bruno. Bitte, kommen Sie herein.“ Die Frau trat einen Schritt zurück und gab mir ein Zeichen einzutreten. Ich warf ihr einen letzten besorgten Blick zu. Zur Ermutigung flüsterte sie mir zu. „Viel Glück!“ Und siehe da, sie hatte damit genau das Gegenteil erreicht. Mein Gehirn hatte sich in eine breiige Masse verwandelt, ohne jede Logik oder Gefühl für Zeit und Raum. Ich wagte einen zögerlichen Schritt in das Zimmer. Bevor ich irgendetwas sehen konnte, hörte ich die Stimme von vorher, die jemanden verabschiedete. „Du kannst gehen Kyle. Bis morgen. Und sei pünktlich. Ich dulde keine weiteren Verspätungen”. Ein Mann stand ein paar Meter von mir entfernt, eine groß und starke Erscheinung. Er starrte mich an und nickte mir grüßend zu, in seinen Augen flackerte eine stille Wertschätzung, als er an mir vorbei ging. „Guten Abend“ „Guten Abend“, antwortete ich, und starrte ihn länger als nötig an, um den Moment, in dem ich mich zur Närrin machen, die Erwartungen von Mrs. Mc Millian und meine törichten Hoffnungen enttäuscht haben würde, noch etwas aufzuschieben. Die Tür schloss sich hinter mir, und ich erinnerte mich wieder an Anstand und gutes Benehmen. „Guten Abend, Mister Mc Laine. Mein Name ist Melisande Bruno, ich komme aus London und...” „Ersparen Sie mir die Liste Ihrer Kenntnisse, Miss Bruno. Unter anderem eine recht bescheidene.“ Die Stimme klang jetzt gelangweilt. Mein Blick hob sich, endlich dazu bereit, den meines Gesprächspartners zu treffen. Und als dies geschah, dankte ich dem Himmel ihn zuerst begrüßt zu haben. Denn jetzt hätte ich ernsthafte Schwierigkeiten gehabt, mich sogar an meinen eigenen Namen zu erinnern. Er saß auf der anderen Seite des Schreibtischs, im Rollstuhl, eine Hand stützte sich auf den Rand und berührte das Holz, mit der anderen spielte er mit einem Füllhalter, die dunklen unergründlichen Augen starr auf mich gerichtet. Und zum x-ten Male bedauerte ich es nicht in der Lage zu sein, Farben zu erkennen. Ich hätte ein Jahr meines Lebens dafür gegeben, um die Farben seines Gesichts und seines Haares zu unterscheiden. Aber diese Freude war mir nicht gegönnt. Ohne Widerruf. In einem Anflug von klarem Denken dachte ich, dass es auch so schön ist: das Gesicht mit einer unnatürlichen Blässe, schwarze Augen im Schatten von langen Wimpern, schwarze wellige dichte Haare. „Sind Sie vielleicht stumm? Oder taub?” Ich prallte nach einem Fall aus luftiger Höhe wieder auf der Erde auf. Ich konnte fast den Aufprall meiner Glieder auf dem Boden hören. Ein tosendes und bedrohliches Getöse, gefolgt von einem unheimlichen und verheerendem Knirschen. „Entschuldigung, ich war etwas abgelenkt“, murmelte ich und errötete sofort. Er sah mich mit einer für meinen Geschmack übertriebenen Aufmerksamkeit an. Es schien als würde er sich jede einzelne Linie meines Gesichtes einprägen, sein Blick blieb auf meinem Hals ruhen. Ich errötete noch mehr. Zum ersten Mal wünschte ich mir inständig, dass ich meinen Geburtsfehler mit einem anderen menschlichen Wesen teilen könnte. Es wäre weniger peinlich gewesen zu wissen, dass Herr Mc Laine, in seiner aristokratischen und triumphierenden Schönheit, die Röte, die sich in Windeseile auf jedem Zentimeter bloßer Haut ausbreitete, nicht wahrnehmen könnte. Ich wippte vor lauter Unbehagen mit den Füßen angesichts dieser unverschämten Sichtprüfung. Er setzte seine Analyse fort, um zu meinem Haare zu kommen. „Sie sollten sich ihre Haare färben. Oder Sie werden am Ende für Feuer gehalten. Ich würde nicht unter dem Ansturm von hundert Feuerwehrmännern enden wollen.“ Sein unergründlicher Ausdruck hellte sich ein wenig auf, und ein Funken Belustigung glänzte in seinen Augen. „Ich habe diese Farbe nicht gewählt” sagte ich, indem ich all meine Würde aufbrachte, zu der ich fähig war. „Aber der Schöpfer.“ Er hob eine Augenbraue. „Sind Sie religiös, Miss Bruno?” „Und Sie, Sir?” Er legte den Füller auf den Schreibtisch, ohne seinen Blick von mir abzuwenden. „Es gibt keine Beweise, dass Gott existiert”. „Aber auch keine, dass er nicht existiert” antwortete ich herausfordernd und überraschte mich selbst am meisten über die Vehemenz meiner Worte. Seine Lippen verzogen sich in ein spöttisches Lächeln, dann zeigte er auf einen kleinen Polstersessel. „Setzen Sie sich.” Es war mehr ein Befehl als eine Einladung. Dennoch gehorchte ich ohne zu zögern. „Sie haben meine Frage nicht beantwortet, Miss Bruno. Sind Sie religiös?” „Ich bin gläubig, Mister Mc Laine” bestätige ich mit leiser Stimme. „Aber ich bin nicht sehr praktizierend. Besser gesagt, ich bin es überhaupt nicht.” „Schottland ist eine der wenigen englischsprachigen Nationen, wo der Katholizismus mit Inbrunst und unvergleichlicher Hingabe praktiziert wird.“ Seine Ironie war unverkennbar. „Ich bin die Ausnahme, die die Regel bestätigt ... Sagt man das nicht so? Sagen wir, ich glaube nur an mich selbst und an alles was ich berühren kann.“ Er lehnte sich erschöpft in seinen Rollstuhl zurück und trommelte mit den Fingerspitzen auf die Armlehnen. Doch ich glaubte nicht, nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde, dass er verletzlich oder zerbrechlich wäre. Sein Gesichtsausdruck war einer von denen, die durch Flammen gegangen sind, und keine Angst haben sich noch einmal in sie zu stürzen, wenn sie es für erforderlich hielten. Oder einfach, wenn sie Lust dazu hatten. Mit Mühe löste ich meinen Blick von seinem Gesicht. Es war hell, fast perlfarben, eine glänzendes und strahlendes Weiß, anders als die üblichen Gesichter um mich herum. Es war anstrengend, ihn zu betrachten, und seiner hypnotischen Stimme zuzuhören. Ein Schlangenbeschwörer, und jede Frau würde sich erfreut seinem Zauber hingeben, dem geheimnisvollen Bann, der von ihm, seinem perfekten Antlitz, seinem spöttischen Blick ausging. „Also Sie sind meine neue Sekretärin, Miss Bruno.” „Wenn Sie meine Anstellung bestätigen, Mr. Mc Laine“ stellte ich klar und hob meinen Blick. Er lächelte zweideutig. „Warum sollte ich Sie nicht anstellen? Weil Sie nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen? Sie halten mich für sehr oberflächlich, wenn Sie denken, dass ich jetzt in der Lage wäre, sie wegzuschicken oder ... hier zu behalten, nur auf Grund einer Plauderei.“ „Auch ich kenne Sie noch nicht genug, um ein so wenig schmeichelhaftes Urteil ihnen gegenüber abzugeben“, stimmte ich lächelnd zu. „Aber ich bin mir durchaus bewusst, dass eine fruchtbare Arbeitsbeziehung auch von einer unmittelbaren Sympathie, von einem guten ersten Eindruck abhängt.“ Sein Lachen war so unerwartet, dass ich zusammenzuckte. Genau so abrupt, wie es eingesetzt hatte, hörte es auf. Er starrte mich kalt und eisig an. „Glauben Sie wirklich, dass es einfach ist jemanden zu finden, der bereit ist in dieses von Gott und der Welt verlassene Dorf zu ziehen, weit weg von jeder Art der Unterhaltung, von jedem Einkaufszentrum oder Diskothek? Sie waren die Einzige, die auf die Anzeige geantwortet hat, Miss Bruno.“ Der Spaß lauerte im Hinterhalt, hinter der Kälte seiner Augen. Eine schwarze Eisplatte, durchzogen von einem dünnen Riss guter Stimmung, die meine Seele erwärmte. „Dann muss ich mir wohl wegen der Konkurrenz keine Sorgen machen“, sagte ich und rieb die Hände nervös im Schoß. Er musterte mich weiterhin, mit der gleichen irritierenden Neugier, mit der man ein seltenes Tier beobachtet. Ich schluckte, um eine fiktive und gefährlich wacklige Leichtigkeit zur Schau zu stellen. Für einen Moment, der gerade dazu ausreichte, den Gedanken zu formulieren, sagte ich mir, dass ich von diesem Haus, diesem mit Büchern vollgestopften Zimmer, diesem beunruhigenden und schönem Mann weglaufen müsste. Ich fühlte mich wie ein hilfloses Kätzchen nur wenige Zentimeter vom Rachen des Löwen entfernt. Grausames Raubtier, hilflose Beute. Dann war das Gefühl wie weggeblasen, und ich betrachtete mich selbst wie eine Närrin. Vor mir war ein Mann von überwältigender Persönlichkeit, arrogant und anmaßend, aber seit langer Zeit in einen Rollstuhl gefesselt. Ich war das aktuelle Opfer, ein schüchternes Mädchen, ängstlich und Änderungen gegenüber misstrauisch. Warum sollte ich ihn nicht einfach tun lassen? Wenn es ihm Freude bereitet, sich über mich lustig zu machen, warum sollte ich ihn an der einzigen Gelegenheit an Unterhaltung und Abwechslung, die er hatte, hindern? In gewissem Sinn war es eine edle Geste von mir. „Was denken Sie von mir, Miss Bruno?” Erneut zwang ich ihn dazu eine Frage zu wiederholen, und erneut hatte ich ihn überrumpelt. „Ich dachte nicht, dass Sie so jung sind.“ Er versteifte sich sofort, und ich verlor die Sprache, aus Angst ihn in irgendeiner Weise verletzt zu haben. Er fasste sich wieder und ein weiteres seiner Herzklopfen verursachenden Lächeln ging mir durch Mark und Bein. „Tatsächlich?“ Ich wand mich auf meinem Stuhl, unsicher, wie ich fortfahren sollte. Dann entschloss ich mich dazu, all meinen Mut zusammenzunehmen und, angespornt durch seinen an meine Augen in einem stillen Tanz, aber deswegen nicht weniger aufregend, gehefteten Blick, sprach ich weiter. „Nun ... Sie haben Ihr erstes Buch mit zwanzig, vor fünfzehn Jahren geschrieben, wenn ich mich richtig erinnere. Und doch scheinen Sie nur wenig älter zu sein als ich“, bemerkte ich fast abwesend. „Wie alt sind Sie, Miss Bruno?” „Zweiundzwanzig, Sir”, antwortete ich, erneut von der Tiefe seiner Augen völlig aus der Reihe gebracht. „Ich bin wirklich alt für dich, Miss Bruno“, sagte er lächelnd. Dann senkte er den Blick, und die kalte Winternacht umschlang ihn erneut, noch grausamer als eine Schlange. Alle Spuren von Wärme waren verschwunden. „Wie auch immer, Sie können beruhigt sein. Sie brauchen keine Angst vor sexuellen Belästigungen haben, während Sie in Ihrem Bett schlafen. Wie Sie sehen können, bin ich zur Unbeweglichkeit verurteilt.“ Ich schwieg, weil ich nicht wusste, was ich sagen soll. Sein Ton war bitter und hoffnungslos, sein Gesicht wie aus Stein gemeißelt. Seine Augen sondierten meine, auf der Suche nach etwas, das sie nicht zu finden schienen. Er erlaubte sich ein kleines Lächeln. „Wenigstens haben Sie kein Mitleid. Das freut mich. Ich will keines, ich brauche es nicht. Ich bin glücklicher als viele andere, Miss Bruno, weil ich frei bin, durch und durch, uneingeschränkt.“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Was machen Sie noch hier? Sie können gehen.“ Der steife Abschied verwirrte mich. Ich stand unsicher auf, und er nutzte die Gelegenheit, seinen Ärger an mir auszulassen. „Immer noch hier? Was wollen Sie? Schon das erste Gehalt? Oder möchten Sie über ihren freien Tag sprechen?” klagte er mich wütend an. „Nein, Mister Mc Laine.” Ungelenk ging ich auf die Türe zu. Ich hatte schon die Hand an der Klinke, als er mich aufhielt. „Morgen früh um neun, Miss Bruno. Ich schreibe gerade ein neues Buch, der Titel ist Tote ohne Begräbnis. Finden Sie ihn gruselig?“ Sein Lächeln breitete sich aus. Der plötzliche Stimmungswechsel musste ein dominantes Merkmal seines Charakters sein. Ich musste mich zukünftig daran erinnern, oder ich riskierte mindestens zwanzig Mal pro Tag eine hysterische Krise zu bekommen. „Klingt interessant, Sir“, antwortete ich vorsichtig. Er warf den Kopf zurück und brach in schallendes Gelächter aus. „Interessant! Ich wette, Sie haben noch nie eines meiner Bücher gelesen, Miss Bruno. Mir scheinen Sie etwas dünnhäutig zu sein... Du würdest die ganze Nacht kein Auge zu tun, von Alpträumen gequält ...“ Er lachte wieder, sprang vom Sie zum Du mit der gleichen Sprunghaftigkeit, wie seine Stimmungsänderungen. „Ich bin nicht so empfindlich, wie es scheint, Sir“, antwortete ich zerknirscht, eine weitere Welle von Gelächter verursachend. Mit seinen Händen lenkte er den Rollstuhl mit katzenartiger und bewundernswerter Gewandtheit, wie man sie nach jahrelanger Gewohnheit erwirbt, und begab sich in außerordentlicher Geschwindigkeit auf meine Seite. So nah, dass all meine Versuche einen vernünftigen Gedanken zu fassen, scheiterten. Instinktiv trat ich einen Schritt zurück. Er tat so, als ob er meine Bewegung nicht bemerkt hätte, und wies auf die Bibliothek zu meiner Rechten. „Nimm das vierte Buch von links, drittes Regal.” Gehorsam nahm ich das Buch, das er angegeben hatte. Der Titel war mir vertraut, weil ich vor meiner Abreise eine Internet-Suche über ihn gemacht hatte, aber eigentlich hatte ich noch nie etwas von ihm gelesen. Horror war nicht gerade mein Stil, sondern eher für starke Nerven gedacht, und entsprach so gar nicht meinen sanft und romantischen Vorlieben. „Zombies auf Wanderschaft”, las ich laut. „Es ist für den Anfang das Beste. Es ist das weniger..... wie soll ich sagen? Weniger gruselige?“ Er lachte herzlich, klar und deutlich über mich und mein sicherlich nicht sonderlich verhülltes Unbehagen, das aus jeder Pore meines Körpers drang. „Warum fängst du nicht schon heute Abend damit an es zu lesen? Genau richtig um dich für deinen neuen Job vorzubereiten“, schlug er mit lachenden Augen vor. „Okay, das werde ich tun“, sagte ich mit wenig Begeisterung. „Bis morgen früh, Miss Bruno”, entließ er mich, die Atmosphäre war wieder ernst geworden. „Schließe dein Zimmer ab. Ich möchte nicht, dass Hausgeister oder irgendeine andere schreckliche Kreatur der Finsternis dich heute Nacht heimsuchen. Du weißt schon ...“ Er machte eine Pause, ein Blitz der Heiterkeit im Dunkel seiner Augen. „Wie ich schon sagte, es ist nicht einfach, Angestellte in dieser Gegend zu finden.“ Ich versuchte ein Lächeln, was mir alles im allem nicht gerade überzeugend gelang. „Gute Nacht, Mister Mc Laine.“ Bevor ich die Tür schloss, kamen mir die Worte über die Lippen, ohne dass ich sie zurückhalten konnte. „Ich glaube nicht an Geister oder Kreaturen der Finsternis.“ „Sicher?“ „Es gibt keine Beweise für ihre Existenz, Sir“, antwortete ich, während ihn unbeabsichtigt nachäffte. „Aber auch keine, das sie nicht existieren“, antwortete er. Er drehte den Rollstuhl und kehrte hinter seinen Schreibtisch zurück. Ich schloss ganz sachte die Tür, mit dem Herz in der Hose. Vielleicht hatte er ja Recht und Zombies existieren wirklich. Denn in diesem Moment fühlte ich mich wie einer von ihnen. Völlig benommen mit einem Gehirn, das durchdrehte, fühlte ich mich hin- und hergerissen, ich konnte nicht mehr zwischen echt und unecht unterscheiden. Das war noch schlimmer als Farben nicht erkennen zu können. Ich aß lustlos zusammen mit Mrs. Mc Millian zu Abend, mit den Gedanken ganz woanders, in ganz anderer Gesellschaft. Ich hatte Angst, dass ich diese erst am nächsten Morgen wiederfand, wenn ich zu dem zurückkehrte, bei dem ich sie gelassen hatte. Irgendetwas in mir sagte, dass mein vertrauensvolles Herz diese in Hände gegeben hatte, in denen sie nicht gut aufgehoben war. Von dem Gespräch an diesem Abend mit der Haushälterin blieb mir nur wenig in Erinnerung. Sie sprach allein, ohne ein Ende zu finden. Sie schien im siebten Himmel zu sein, nachdem sie jetzt endlich jemanden zum Reden hatte. Oder besser gesagt, jemanden, der zuhörte. In diesem Sinne war ich die perfekte Besetzung. Ich war zu höflich, sie zu unterbrechen, zu respektvoll, um mein mangelndes Interesse zu bekunden, zu beschäftigt damit, an etwas anderes zu denken, um allein sein zu wollen. Ich hätte trotzdem an ihn gedacht. Eine Stunde später in meinem Zimmer, machte ich es mir in meinem Bett bequem, den Kopf an die Kissen angelehnt, dann schlug ich das Buch auf und vertiefte mich in seine Zeilen. Schon auf der zweiten Seite war ich von Angst gepeinigt, was an und für sich verwerflich ist, wenn man bedenkt, dass es sich ja nur um ein Buch handelte. Trotz des gesunden Menschenverstands, mit dem ich theoretisch ganz gut ausgestattet war, wurde die Atmosphäre im Raum stickig, und der Wunsch nach frischer Luft wurde immer dringender. Barfuß durchquerte ich den dunklen Raum und öffnete das Fenster. Ich saß auf dem Fensterbrett, tauchte in die laue Frühsommernacht ein, deren Stille nur durch das Zirpen der Grillen und den Ruf einer Eule gebrochen wurde. Es war schön dort zu sein, Lichtjahre von der Hektik Londons entfernt, von seinem drängenden Rhythmus, immer am Rande der Hysterie. Die Nacht war eine schwarze Decke, abgesehen von der Helligkeit einiger Sterne hier und da. Ich mochte die Nacht, und dachte müßig, dass ich gern ein Geschöpf der Finsternis gewesen wäre. Die Dunkelheit war meine Verbündete. Ohne Licht ist alles schwarz, und meine genetische Unfähigkeit, Farben zu unterscheiden, verlor an Bedeutung. In der Nacht waren meine Augen identisch mit denen einer anderen Person. Für einige Stunden fühlte ich mich nicht anders. Eine momentane Erleichterung, die aber so erfrischend wie Wasser auf erhitzte Haut wirkte. Am nächsten Morgen wachte ich durch das Klingeln des Weckers auf und blieb ein paar Minuten gedankenverloren im Bett liegen. Nach einer ersten Benommenheit, erinnerte ich mich daran, was am Tag zuvor geschehen war, und erkannte den Raum. Ich kleidete mich an und ging die Treppe hinunter, die tiefe Stille um mich herum schüchterte mich fast ein bisschen ein. Doch der Anblick von Millicent Mc Millian, fröhlich und redselig wie immer, zerstreute alle trüben Gedanken und ließ meine wilden Gedanken wieder zur Ruhe kommen. „Haben Sie gut geschlafen, Miss Bruno?“. sagte sie. „Besser wie nie zuvor“, antwortete ich, und überraschte mich selbst über diese Auskunft. Seit Jahren hatte ich mich nicht mehr so unbeschwert dem Schlaf hingegeben und die negativen Gedanken wenigstens für ein paar Stunden verdrängt. „Möchten Sie Kaffee oder Tee?“ „Tee, bitte“, antwortete ich, während ich am Küchentisch Platz nahm. „Gehen Sie ruhig ins Wohnzimmer, ich werde es Ihnen dort servieren.“ „Ich frühstücke lieber mit Ihnen“, sagte ich während ich ein Gähnen unterdrückte. Die Frau schien zufrieden zu sein und begann in der Küche zu hantieren. Sie begann mit dem üblichen Geschwätz, und ich konnte somit uneingeschränkt an Monique denken. Was machte sie wohl um diese Zeit? Hatte sie bereits gefrühstückt? Der Gedanke an meine Schwester lud mir wieder die schwere die Last auf meine schmalen Schultern und so war ich froh als die dampfende Tasse Tee vor mir stand. „Danke, Mrs. Mc Millian.“ Ich nippte mit Vergnügen an der heißen und wohlduftenden Flüssigkeit, während die Haushälterin den Toast und eine Reihe von Schalen mit verschiedenen einladenden Marmeladen servierte. „Nehmen Sie die Himbeermarmelade. Sie ist phantastisch.“ Ich griff nach dem Tablett, das Herz schlug mir bis zum Hals. Mein Anderssein überflutete mich erneut mit einer Welle von dunklem stinkendem Schlamm. Warum ich? Und gab es auf dieser Welt noch andere, die so waren wie ich? Oder war ich eine einzelne Anomalie? Eine Laune der Natur? Ich griff nach irgendeiner Schüssel, in der Hoffnung, dass die alte Frau zu konzentriert auf ihr Gespräch als meinen möglichen Fehler zu bemerken. Die Marmeladen waren fünf, so hatte ich eine Chance zu fünf, zwei zu zehn, zwanzig Prozent die richtige beim ersten Versuch zu erwischen. Sie war weit weniger abgelenkt als ich dachte und korrigierte mich schnell. „Nein, Miss. Das ist Orange.“ Sie lächelte und wurde sich der Aufregung, die sich in meinem Körper ausbreitete und der Schweißperlen, die sich auf meiner Stirn bildeten, nicht bewusst. Sie reichte mir eine kleine Schüssel. „Hier, man kann sie leicht mit der Erdbeermarmelade verwechseln.“ Sie bemerkte mein gezwungenes Lächeln nicht, und nahm ihre Geschichte einer ihrer amourösen Abenteuer mit einem jungen Florentiner, der sie wegen einer Südamerikanerin verlassen hatte, wieder auf. Ich aß widerstrebend, immer noch wegen des kleinen Vorfalls zuvor angespannt, und ich hatte schon bereut, den Vorschlag alleine zu essen, nicht angenommen zu haben. In diesem Fall gäbe es keine Probleme. Potenziell kritische Situationen zu vermeiden: das war mein Mantra. Das war schon immer so. Ich durfte nicht zulassen, dass die herrliche Atmosphäre dieses Hauses mich in die Versuchung führt, die notwendige Vorsicht zu vergessen. Mrs. Mc Millian schien eine kluge Frau zu sein, intelligent und fürsorglich, aber viel zu gesprächig. Ich konnte nicht auf ihre Diskretion zählen. Sie machte eine kurze Pause um ihren Tee zu trinken, und ich nutzte die Gelegenheit, ihr einige Fragen zu stellen. „Arbeiten Sie schon lange bei Mr. Mc Laine?“ Ihre Augen begannen zu leuchten, glücklich darüber neue Anekdoten zum Besten geben zu können. „Ich bin seit 15 Jahren hier. Ich kam ein paar Monate nach dem Unfall von Mr. Mc Laine. Der, bei dem er…. sie verstehen schon. Alle früheren Hausangestellten wurden weggeschickt. Es scheint, dass Herr Mc Laine ein sehr fröhlicher Mensch, voller Lebenslust und immer bester Laune war. Jetzt haben sich die Dinge leider geändert.“ „Was ist passiert? Ich meine ... der Unfall? Das ist ... Verzeihen Sie meine Neugier, sie ist nicht zu entschuldigen.“ Ich biss mir auf die Lippen, aus Angst, missverstanden zu werden. Sie schüttelte den Kopf. „Es ist normal Fragen zu stellen, das ist Teil der menschlichen Natur. Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Im Dorf sagten sie mir, dass Herr Mc Laine genau einen Tag nach dem Autounfall heiraten sollte, aber natürlich wurde daraus nichts. Einige sagen, er war betrunken, aber das sind meiner Meinung nach einfach nur unfundierte Gerüchte. Was man ganz sicher weiß, ist, dass er von der Straße abkam, um einem Kind auszuweichen.“ Meine Neugier war durch ihre Worte neu entfacht. „Ein Kind? Ich hatte online gelesen, dass der Unfall in der Nacht geschehen ist.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Ja, scheinbar handelte es sich um den Sohn des Lebensmittelhändlers. Er war von zu Hause weggelaufen, weil er sich entschlossen hatte, sich dem Zirkus, der in Gegend auf Tournee war, anzuschließen.“ Ich verarbeitete diese Nachricht. Das erklärte den plötzlichen Stimmungswechsel von Mr. Mc Laine, seine ständige Unzufriedenheit, sein Unglücklich sein. Wie konnte man das nicht verstehen? Seine Welt war aufgrund eines unglücklichen Schicksals auseinandergefallen, in tausend Scherben zersplittert. Ein junger Mann, reich, gut aussehend, ein erfolgreicher Schriftsteller, der kurz davor stand, seinen Traum von der großen Liebe zu verwirklichen ... Und dann verlor er innerhalb von wenigen Sekunden all das, was er hatte. Ich hatte so ein Unglück nie erlebt, ich konnte es mir nur vorstellen. Man kann nicht verlieren, was man nicht hat. Mein einziger und ewiger Begleiter war schon das Nichts. Ein kurzer Blick auf meine Armbanduhr bestätigte mir, dass es Zeit war zu gehen. Mein erster Arbeitstag. Mein Herz schlug schneller, und in einem Moment von klarem Verstand fragte ich mich, ob dies von dem neuen Job, oder von dem geheimnisvollen Hausherrn abhing. Ich nahm zwei Stufen auf einmal, in der völlig unvernünftigen Angst zu spät zu sein. Im Flur traf ich auf Kyle, den Krankenpfleger und Mann für alle Fälle. „Guten Tag!“ Ich verlangsamte meinen Schritt und schämte mich meiner Eile. Ich musste den Eindruck einer unsicheren oder, was noch schlimmer war, einer überspannten Person gemacht haben. „Guten Morgen!“ „Miss Bruno, nicht wahr? Kann ich du sagen? Im Grunde genommen sitzen wir im selben Boot, auf Gedeih und Verderb einem verrückten Irren ausgesetzt.“ Die grobe und brutale Rohheit seiner Worte erstaunten mich. „Ich weiß, ich bin respektlos meinem Arbeitgeber gegenüber, und so weiter. Du wirst schon sehen und mir bald Recht geben. Wie heißt du? „Melisande.“ Er mimte eine unbeholfene Verbeugung. „Es freut mich sehr, dich kennenzulernen, Melisande Rotschopf. Dein Name ist wirklich seltsam, es ist kein schottischer Name … Obwohl du scheinst mir schottischer zu sein als ich.“ Ich lächelte aus reiner Höflichkeit und versuchte, an ihm vorbei zu kommen, immer noch in der Angst, zu spät zu kommen. Aber er versperrte mir den Weg, fest mit breiten Beinen stand er mitten im Flur. Nur durch das rechtzeitige Einschreiten einer dritten Person konnte die verfahrene Situation entwirren. „Miss Bruno! Ich kann Verzögerungen nicht ausstehen!“ Der Ruf kam zweifellos von meinem neuen Arbeitgeber und ich bekam eine Gänsehaut im Nacken. Kyle trat schnell zur Seite und ließ mich vorbei. „Viel Glück, Melisande Rotschopf. Du wirst es brauchen.“ Ich warf ihm einen wütenden Blick zu und lief auf die Tür am Ende des Flurs zu. Sie stand halb offen, und eine Rauchwolke drang aus ihr heraus. Sebastian Mc Laine saß hinter dem Schreibtisch, genau wie am Vortag, eine Zigarre zwischen den Fingern, mit unnachgiebigem Gesicht. „Schließen Sie die Türe, bitte. Und dann setzen Sie sich. Wir haben schon genug Zeit damit vergeudet, dass Sie mit dem Rest des Personals Freundschaft schließen.“ Sein Ton klang hart und beleidigend. Eine innerer Aufruhr trieb mich zu einer Antwort, ein waghalsiges Lamm vor dem Schlachtbeil. „Es war reine Höflichkeit. Oder bevorzugen Sie vielleicht eine ungehobelte Sekretärin? In diesem Fall kann ich die Zelte auch sofort abbrechen.“ Meine Impulsantwort erwischte ihn völlig unvorbereitet. In seinem Gesicht blitzte ein Funken Überraschung auf, wahrscheinlich der gleiche, den mein Gesicht wiederspiegelte. Ich war noch nie so wagemutig gewesen. „Und ich hatte Sie schon als zahnlosen Schosshund eingestuft ... Da war ich wohl voreilig ... Wirklich voreilig.“ Ich konnte mich kaum noch auf meinen wackeligen Beinen halten und setzte mich ihm gegenüber, völlig zerknirscht über meine rücksichtslose Offenheit. Und angsterfüllt über die möglichen explosiven Folgen. Mein Arbeitgeber schien alles andere als beleidigt zu sein. Er lächelte. „Wie ist Ihr Vorname, Miss Bruno?“ „Melisande“, antwortete ich automatisch. „Nach Debussy, nehme ich an. Waren Ihre Eltern Musikliebhaber? Musiker vielleicht sogar?“ „Mein Vater war Bergmann“, gab ich ungern zu. „Melisande ... Ein ausgefallener Name für die Tochter eines Bergmanns“, stellte er mit vibrierenden Stimme eines zurückhaltenden Lachens fest. Er machte sich über mich lustig, und trotz der Vorsätze des Tages zuvor, war ich nicht sicher, ob ich das zulassen wollte. Oder es wäre zu seiner Lieblingsbeschäftigung geworden. Ich straffte die Schultern und versuchte die verlorene Fassung wiederzuerlangen. „Und Sebastian, warum? Vom Heiligen Sebastian vielleicht? Wirklich nicht unbedingt eine passende Wahl.“ Er nahm den Schlag hin und kräuselte die Nase für den Bruchteil einer Sekunde. „Zieh deine Krallen wieder ein, Melisande Bruno. Ich führe keinen Krieg mit dir. Wenn es so wäre, hättest du keine Chance zu gewinnen. Nie. Nicht einmal in deinen kühnsten Träumen.“ „Ich träume nie, Sir“, antwortete ich so würdevoll wie es möglich. Er schien von meiner Antwort beeindruckt, die vor Aufrichtigkeit triefte. „Du kannst dich glücklich schätzen. Träume sind immer irgendwie Betrug. Wenn es Albträume sind, rauben sie dir den Schlaf. Wenn sie schön sind, ist das Erwachen doppelt bitter. Alles in allem ist es besser nicht zu träumen.“ Seine betörenden Augen lösten sich nie von den meinen. „Du bist eine interessante Person Melisande. Klein aber oho, und noch dazu witzig”, fügte er neckend hinzu. „Schön, dann habe ich ja die notwendigen Qualifikationen für diese Arbeit“, sagte ich trocken. Ich zerbiss mir mit den Zähnen die Unterlippe, schon wieder von Reue geplagt. Was geschah mit mir? Ich hatte noch nie mit so schamloser Unüberlegtheit reagiert. Ich musste das unterbinden, bevor ich vollständig die Kontrolle verlor. Er grinste nun von einem Ohr zum anderen, grenzenlos amüsiert. „Die hast du tatsächlich. Ich bin sicher, dass wir gut miteinander auskommen werden. Eine Sekretärin, die nicht träumen kann, genauso wie ihr Chef. Da besteht wohl eine Wahlverwandtschaft zwischen uns, Melisande. Seelenverwandt, in einem gewissen Sinne. Abgesehen davon, dass einer von uns mehr als eine hat, und das schon seit langer Zeit ... .“ Bevor ich seinen obskuren Worten einen Sinn geben konnte, wurde er wieder ernst, mit gleichgültigem Blick, einem unergründlicher Ausdruck im Gesicht, weit weg und ohne ein Funken Leben. „Du musst ein Fax mit den ersten Kapiteln des Buchs an meinen Verleger senden. Weißt du, wie das geht?“ Ich nickte, und mit einem Stich im Herzen wurde mir klar, dass ich unser verbales Duell jetzt schon vermisste. Ich wünschte, es wäre von unendlicher Dauer. Ich hatte aus diesem Schlagaustausch eine für mich neu entdeckte Energie aus einer Wunderquelle geschöpft, die mich mit einer Vitalität erfüllte, die mich fast bersten ließ. Die nächsten zwei Stunden vergingen wie im Flug. Ich verschickte mehrere Faxe, öffnete die Post, schrieb Ablehnungsbriefe für verschiedene Einladungen und räumte seinen Schreibtisch auf. Er, in aller Stille, schrieb am Computer, runzelte die Stirn, die Lippen fest aufeinander gepresst, die weißen eleganten Hände flogen über die Tastatur. So gegen Mittag rief er meine Aufmerksamkeit mit einer Handbewegung auf sich. „Du kannst eine Pause machen, Melisande. Vielleicht möchtest du etwas essen, oder einen Spaziergang machen.“ „Vielen Dank, Sir.“ „Hast du mit dem Buch begonnen, das ich dir gegeben habe?“ Sein Gesicht war noch weit weg, bewegungslos, aber ein Funken guter Laune blitzte in den schwarzen Augen auf. „Sie hatten Recht, Sir. Es ist nicht gerade mein Ding“, gab ich in aller Aufrichtigkeit zu. Seine Mundwinkel hoben sich leicht und formten ein schiefes Lächeln, das meinen Schutzpanzer durchdrang. Und ich dachte immer, er wäre härter als Stahl. „Ich zweifelte nicht daran. Ich wette, du bist eher ein Romeo-und- Julia-Typ.“ Es lag kein bisschen Ironie in seiner Stimme, er machte nur eine Beobachtung. „Nein, Sir.“ Es war die natürlichste Sache für mich, ihm zu widersprechen, als ob wir uns schon ewig kannten, und ich konnte einfach nur ich selbst sein, ohne Ausflüchte oder Masken. „Ich liebe einfach nur Geschichten mit Happy End. Das Leben an sich ist schon bitter genug, um es mit einem Buch noch schlimmer zu machen. Wenn ich schon nicht nachts träumen kann, dann will ich es zumindest am Tag tun. Wenn ich schon nicht im Leben träumen kann, dann will ich es zumindest mit einem Buch tun.“ Er wägte meine Worte mit Bedacht ab, und nahm sich dafür so lange Zeit, dass ich dachte, er würde mir keine Antwort mehr geben. Als ich im Begriff war mich zu verabschieden, hielt er mich zurück. „Hat Mrs. Mc Millian dir die Herkunft des Namens dieses Hauses erklärt?“ „Sie hat es vielleicht getan“, gab ich mit einem verhaltenen Lächeln zu. „Ich fürchte jedoch, dass ich ihr nur mit halbem Ohr zugehört habe.“ „Gut gemacht, ich schalte auch immer nach dem zehnten Wort ab“, lobte er mich ganz ohne Ironie. „Ich war noch nie ein gutes Opfer. Ich bin durch und durch Egoist.“ „Manchmal muss man ein Egoist sein“, sagte ich, ohne nachzudenken. „Oder man wird von den Erwartungen der Anderen zerdrückt werden. Und es endet damit, dass man nicht das eigenen Leben lebt, sondern das, das andere für einen entschieden haben.“ „Sehr weise, Melisande Bruno. Du hast mit deinen zweiundzwanzig Jahren den Schlüssel zur spirituellen Gelassenheit gefunden. Das schafft nicht jeder.“ „Gelassenheit?“ wiederholte ich bitter. „Nein, die Weisheit etwas zu verstehen, heißt nicht unbedingt, diese zu akzeptieren. Weisheit kommt aus dem Kopf, das Herz folgt anderen Wegen, unabhängige und gefährliche Wege. Es neigt dazu, fatale Umwege zu machen.“ Er bewegt sich mit dem Rollstuhl auf meine Seite des Schreibtischs mit einem Blick, der mich durchbohrte. „Und? Was ist? Wollen Sie nun wissen, was es mit dem Namen Midnight Rose auf sich hat, oder nicht?“ „Mitternachtsrose“, übersetzte ich, während ich mit meiner inneren Aufregung kämpfte, die mir seine Nähe verursachte. Ich vermied schon lange Zeit jede Art von männlicher Gesellschaft, seit meiner ersten und einzigen Verabredung. Dies war so katastrophal verlaufen, dass ich für immer geheilt war. „Genau. In dieser Gegend erzählt man sich eine Legende, seit Jahrhunderten, vielleicht auch seit Jahrtausenden, die besagt, dass wenn wir die Blüte einer Rose um Mitternacht erleben, unser größter und geheimster Wunsch wie durch einen Zauber erfüllt wird. Auch wenn es sich um einen dunklen und verfluchten Wunsch handelt.“ Er ballte die Hände zu Fäusten, fast als ob er mich mit seinem Blick herausforderte. „Wenn der Wunsch, den Zweck hat, uns glücklich zu machen, dann ist er nie dunkel und verflucht“, sagte ich leise. Er starrte mich aufmerksam an, als ob er seinen Ohren nicht trauen könnte. Ihm entwich ein fast dämonisches Lachen. Ein Schauer lief mir eiskalt über den Rücken. „Sehr weise, Melisande Bruno. Das gestehe ich dir zu. Das sind abscheuliche Worte für ein Mädchen, das keiner Fliege etwas zu leid tun würde, ohne eine Träne zu vergießen.“ „Eine Fliege vielleicht. Bei einer Stechmücke hätte ich keine Skrupel“, gab ich lapidar zu Antwort. Erneut wurde er aufmerksam, eine kleine Flamme, die die Kälte seiner dunklen Augen wärmte. „Was habe ich schon alles über Dich erfahren, Miss Bruno. In wenigen Stunden habe ich entdeckt, dass Du die Tochter eines Bergmanns bist, der gerne Debussy hört, dass du nicht im Stande bist zu träumen und Stechmücken hasst. Warum nur, frage ich mich. Was haben dir diese armen Geschöpfe nur angetan?“ Der Spott in seiner Stimme war nicht zu verkennen. „Von wegen arme Geschöpfe“, antwortete ich prompt. „Sie sind Parasiten, Blutsauger. Es sind nutzlose Insekten, im Gegensatz zu Bienen und auch nicht so nett wie Fliegen.“ Er schlug sich auf die Schenkel und lachte. „Nette Fliegen? Du bist schon sehr seltsam, Melisande, und wirklich spaßig.“ Launischer als jegliches Aprilwetter wechselte seine Laune drastisch. Das Lachen verendete in einem Hustenanfall und er schaute mich erneute durchdringend an. „Stechmücken sind Blutsauger, weil sie keine andere Wahl haben. Es ist ihre einzige Ernährungsquelle, kann man ihnen das etwa verdenken? Sie haben sehr feine Geschmacksnerven im Vergleich zu den vielgerühmten Fliegen, die sich in menschlichen Abfällen suhlen.” Ich starrte auf den mit Papier überladenen Schreibtisch, und fühlte mich unter dem Blick seiner kalten Augen unbehaglich. „Was würdest du anstelle der Stechmücke machen, Melisande? Würdest du darauf verzichten, dich zu ernähren? Würdest du lieber vor Hunger sterben, um nicht Parasit genannt zu werden?“ Sein Ton war fordernd, so als ob er eine Antwort erwartete. Und ich gab nach. „Wahrscheinlich nicht. Aber ich bin mir nicht so ganz sicher. Ich müsste eine Mücke sein, um ganz sicher zu gehen. Ich würde gerne glauben, dass ich eine Alternative finden könnte. Ich vermied es sorgfältig ihn anzusehen. „Es gibt nicht immer Alternativen, Melisande“. Einen Augenblick lang zitterte seine Stimme unter dem Gewicht eines Leidens, von dem ich keine Ahnung hatte, mit dem er sich seit fünfzehn langen Jahre jeden Tag abfinden musste. „Wir sehen uns um zwei Uhr, Miss Bruno. Seien sie pünktlich.“ Als ich mich zu ihm umdrehte, hatte er den Rollstuhl schon gewendet, sein Gesicht hatte er von mir weggedreht. Im Bewusstsein einen Fauxpas begangen zu haben, fühlte sich mein Herz an, als ob es von einem Schraubstock zerquetscht würde, aber es gab keine Möglichkeit der Abhilfe. Schweigend verließ ich den Raum. Drittes Kapitel Punkt zwei Uhr erschien ich im Büro. Kyle kam gerade mit einem unberührten Tablett in den Händen heraus. Er verströmte die Atmosphäre von jemandem, der alles liegen und stehen lassen und sich ans andere Ende der Welt verziehen möchte. „Er hat sehr schlechte Laune und will nichts essen“, murmelte er. Der Gedanke, dass ich die unfreiwillige Ursache seiner Stimmung sein könnte, versetzte mir einen Stich im tiefsten Inneren, in jeder Faser meines Körpers, in jeder einzelnen Zelle. Ich hatte noch nie jemandem etwas angetan, ich bewegte mich fast auf Zehenspitzen, um niemanden zu stören und achtete aufmerksam auf jedes Wort, um ja niemanden zu verletzen. Ich trat über die Schwelle, mit einer Hand an der Tür, die Kyle offen gelassen hatte. Als ich eintrat, hob er seinen Blick. „Ah, Sie sind es. Kommen Sie herein, Miss Bruno. Legen Sie bitte einen Zahn zu.“ Ohne weitere Zeit zu verschwenden, gehorchte ich ihm. Er presste einige mit einer feinen männlichen Kalligraphie beschriebenen Blätter auf den Schreibtisch. „Versenden Sie diese Briefe. Einen an den Direktor meiner Bank und die anderen an die unten aufgeführten Adressen.“ „Sofort, Mister Mc Laine“, antwortete ich mit Ehrerbietung. Als ich in sein Gesicht blickte, stellte ich mit Freude fest, dass das Lächeln zurückgekehrt war. „Wie sind wir auf einmal so förmlich, Miss Bruno. Es besteht keine Eile. Die Briefe sind nicht wirklich wichtig. Es geht bei ihnen nicht um Leben oder Tod. Ich führe eh' schon seit vielen Jahren das Leben eines Toten.“ Trotz der Härte seiner Aussage schien er seine gute Laune wiedergefunden zu haben. Sein Lächeln war ansteckend und wärmte meine aufgewühlte Seele. Zum Glück schmollte er nie zu lange, auch wenn seine Wutausbrüche jähzornig und heftig waren. „Können Sie Auto fahren, Melisande? Ich müsste Sie in die Dorfbücherei schicken, um einige Bücher abzuholen. Sie wissen schon, Recherche.“ Das Lächeln wurde durch eine Grimasse ersetzt. „Ich kann natürlich nicht hingehen“, fügte er hinzu, als ob es eine Erklärung bedurfte. Verlegen ballte ich die Blätter in meinen Händen und lief Gefahr, sie völlig zu zerknittern. „Ich habe keinen Führerschein, Sir“, entschuldigte ich mich. Die Überraschung veränderte seine wunderschönen Gesichtszüge. „Und ich dachte, dass die heutige Jugend es nicht erwarten könnte, erwachsen zu werden nur um offiziell fahren zu dürfen. Sie tun es ja ohnehin schon vorher, heimlich halt.“ „Ich bin anders, Sir“, sagte ich lakonisch. Und das war ich wirklich. Fast schon außerirdisch, mit meinem Anderssein. Er schaute mich forschend mit diesen schwarzen Augen an, die fast noch durchdringender als Röntgenstrahlen waren. Ich hielt seinem Blick stand und versuchte so aus dem Stehgreif eine plausible Ausrede zu finden. „Ich habe Angst zu fahren, und deswegen würde ich wahrscheinlich nur eine Katastrophe nach der anderen verursachen“, erklärte ich schnell, während ich die Blätter glättete, die ich selbst zuvor zerknittert hatte. „Nach so viel Aufrichtigkeit Ihrerseits, klingt das mir eher nach einer Ausrede“, befand er. „Es ist die Wahrheit. Ich könnte wirklich... .“ Ich verlor meine Stimme für einen langen Augenblick, dann versuchte ich es erneut. „Ich könnte wirklich jemanden töten.“ „Der Tod ist das kleinere Übel“, flüsterte er. Er senkte seine Augen auf seine Beine und zuckte mit seinem Unterkiefer. Im Geist verfluchte ich mich. Schon wieder war es passiert. Ich baue wirklich ständig Mist, auch wenn ich nicht hinter dem Lenkrad saß. Eine Gefahr für die Öffentlichkeit, sträflicher Weise unsensibel und nur dazu fähig, ständig ins Fettnäpfchen zu treten. „Habe ich Sie vielleicht gekränkt, Mister Mc Laine?“ Die Angst sickerte durch jedes Wort meiner Frage, und erweckte ihn aus seiner Erstarrung. „Melisande Bruno, eine junge Frau, die was weiß ich woher kam, die so schräg und lustig ist, wie wenn sie aus einem Cartoon entsprungen wäre... Wie kann dieses Mädchen den großen Schriftsteller des Grauens, den teuflischen und perversen Sebastian Mc Laine beleidigen?“ Seine Stimme war flach, ganz im Gegensatz zu der Härte seiner Worte. Ich wrang meine Hände, da ich genauso aufgeregt war wie bei unserem ersten Zusammentreffen. „Sie haben Recht, Sir. Ich bin ein Niemand. Und…“ Seine Augen verengten sich zu bedrohenden Schlitzen. „Ach was. Sie sind nicht ein Niemand. Sie sind Melisande Bruno. Also sind Sie jemand. Lassen Sie sich niemals von irgendwem demütigen, auch nicht von mir.“ „Ich sollte lernen, den Mund zu halten. Bevor ich in dieses Haus kam gelang mir das sogar sehr gut“, murmelte ich bestürzt und senkte den Kopf. „Midnight Rose verfügt über die Macht das Schlechteste aus Ihnen herauszuholen, Melisande Bruno? Oder ist es meine Wenigkeit, die über solch erstaunlichen Fähigkeiten verfügt?“ Er drehte sich mit einem wohlwollenden Lächeln, mit der Großmut eines Herrschers zu mir. Ich nahm glücklich dieses implizite Friedensangebot an und gewann mein Lächeln zurück. „Ich glaube, es hängt von Ihnen ab, Sir“, gab ich mit leiser Stimme zu, als ob ich eine Todsünde beichtete. „Ich wusste ja, dass ich ein Teufel bin“, sagte er ernst. „Aber bis zu diesem Grad? Da bleiben mir doch die Worte weg...“ „Wenn Sie möchten, reiche ich Ihnen ein Wörterbuch“, sagte ich lachend. Die Atmosphäre war heiter, und auch mein Herz fühlte sich erleichtert. „Ich glaube, der eigentliche Teufel sind Sie, Melisande Bruno“, fuhr er stichelnd fort. „Satan selbst hat Sie mir gesandt, um meine Ruhe zu stören.“ „Ruhe? Sind Sie sicher, dass Sie das nicht mit Langeweile verwechseln?“ spaßte ich. „Wenn dem so war, dann ist es mit Ihnen hier damit vorbei, das ist gewiss. Vielleicht werde ich es, wenn es in diesem Tempo weitergeht, am Ende auch noch bedauern“, antwortete er mit Nachdruck. Wir lachten und fanden uns beide auf der gleichen Wellenlänge, als jemand an der Tür klopfte. Drei Mal. „Mrs. Mc Millian“, kündigte er an, ohne seinen Blick von meinem Gesicht abzuwenden. Ich tat es, wenn auch widerwillig, um die Haushälterin hereinzubitten. „Dr. Mc Intosh ist hier, Sir!“ sagte die gute Frau mit einem Hauch von Angst in ihrer Stimme. Die Miene des Schriftstellers verfinsterte sich augenblicklich. „Es ist schon wieder Dienstag?“ „Ja, Sir. Möchten Sie, dass ich ihn Ihr Schlafzimmer bitte?“, fragte sie betulich. „In Ordnung. Und rufen Sie Kyle!“, befahl er in einem Ton, der so trocken wie eine Zentner Staub war. Er drehte sich zu mir, noch steifer. „Wir sehen uns später, Miss Bruno.“ Ich folgte der Hausdame auf die Treppe. Sie reagierte auf meine unausgesprochene Frage. „Dr. McIntosh ist der Hausarzt. Er kommt jeden Dienstag um Mr. Mc Laine zu besuchen. Abgesehen von seiner Lähmung, ist er fit wie ein Turnschuh, aber es ist eine Gewohnheit, und auch eine Vorsichtsmaßnahme.“ „Sein...“ Ich zögerte, da ich bei der Wahl des Wortes unsicher war. „... Zustand ist irreversibel?“ „Leider ja, es gibt keine Hoffnung“, war ihre traurige Bestätigung. Am Fuße der Treppe wartete ein Mann, der seinen Instrumentenkoffer hin- und herschwang. „Und Millicent? Hat er schon wieder meinen Besuch vergessen?“ Der Mann zwinkerte mir zu, auf der Suche meine Sympathie zu gewinnen. „Sie sind die neue Sekretärin, nicht wahr? Es wird Ihre Aufgabe sein, ihn an die nächsten Termine zu erinnern. Jeden Dienstag um drei Uhr nachmittags.“ Er streckte mir seine Hand mit einem freundlichen Lächeln entgegen. „Ich bin der Hausarzt. John McIntosh.“ Er war ein großer Mann, fast so groß wie Kyle, aber älter, so zwischen sechzig und siebzig ungefähr. „Und ich bin Melisande Bruno“, sagte ich, während ich seinen Händedruck erwiderte. „Ein exotischer Namen für eine Frau, die den schottischen Frauen in Schönheit in nichts nachsteht.“ Die Bewunderung in seinen Augen sprach Bände. Ich schenkte ihm dankbar ein Lächeln. Vor meiner Ankunft in diesem Dorf, das man selbst auf einer Landkarte nicht findet, befand man mich als adrett, vielleicht auch noch anmutig, meistens aber passabel. Aber niemals hübsch. Mrs. Mc Millians Blick hellte sich bei dem Kompliment auf, als wäre sie meine Mutter und ich ihre Tochter, die verheiratet werden muss. Zum Glück war der Doktor älter und verheiratet, wen man dem großen Trauring an seinem Fingerring Glauben schenken durfte, ansonsten hätte sie sich sicherlich sofort daran gemacht, eine schöne Hochzeit in der idyllischen Umgebung von Midnight Rose zu organisieren. Nachdem sie ihn nach oben begleitet hatte, kam sie zu mir zurück, mit einem schelmischen Ausdruck in ihrem hageren Gesicht. „Schade, dass er verheiratet ist. Er wäre eine großartige Partie für sie.“ Schade, dass er alt ist, hätte ich noch gern hinzugefügt. Ich biss mir gerade rechtzeitig noch auf die Zunge, da ich mich daran erinnerte, dass Mrs. Mc Millian mindestens 50 Jahre alt war und wahrscheinlich fand sie den Arzt attraktiv und begehrenswert. „Ich bin nicht auf der Suche nach einem Verlobten“, erinnerte ich sie vehement. „Ich hoffe, Sie wollen mir nicht auch noch Kyle andrehen.“ Sie schüttelte verneinend den Kopf. „Der ist auch verheiratet. Das heißt….. er lebt getrennt, ein seltener Fall in dieser Gegend hier. Trotzdem mag ich ihn nicht. Er hat etwas Furchteinflößendes an sich und etwas anstößiges.“ Ich wollte schon anfangen ihr klar zu machen, dass ein potentieller Er vor allem mir gefallen müsste, aber ich verzichtete darauf. Vor allem, weil auch ich Kyle nicht mochte. Er war nicht gerade der Typ von Mann, von dem ich träumen wollte, es sei denn ich wäre dazu überhaupt in der Lage. Nein, ich war unfair. Die Wahrheit war, dass es nach dem Zusammentreffen mit dem rätselhaften und komplizierten Sebastian Mc Laine schwierig war, jemanden zu finden, der ihm das Wasser reichen konnte. Im Geist schimpfte ich mich selbst eine dumme Kuh. Es war pathetisch und banal, ins Netz des schönen Schriftstellers zu gehen. Er war nur mein Arbeitgeber, und ich wollte nicht wie Millionen anderer Sekretärinnen enden, die sich hoffnungslos in ihren Chef verliebten. Rollstuhl hin oder her, Sebastian Mc Laine war außerhalb meiner Reichweite. Unbestreitbar. „Ich gehe nach oben“, sagte ich. „Wie lange dauern in der Regel die Arztbesuche?“ Die Gouvernante lachte fröhlich. „Länger als Herr Mc Laine ertragen kann.“ Sie begann mit einer Litanei von Geschichten über die Arztbesuche. Ich erstickte ihre Versuche im Keim, da ich felsenfest davon überzeugt war, dass, wenn dies mir nicht rechtzeitig gelungen wäre, ich mich am folgenden Dienstag immer noch mit dem fortlaufenden Anhören ihrer Geschichten an der gleichen Stelle befunden hätte. Ich war auf dem Treppenabsatz, meine Schritte wurden von den weichen Teppichen gedämpft, als ich sah, dass Kyle aus einem Schlafzimmer auftauchte. Es schien mir das unseres gemeinsamen Arbeitgebers zu sein. Er bemerkte mich und blinzelte mir vertraulich zu. Ich blieb für mich, da ich entschlossen hatte, ihn zu ignorieren. Mrs. Mc Millian hatte schon Recht, dachte ich, während er zu mir aufschloss. Er hatte etwas zutiefst beunruhigendes an sich. „Jeden Dienstag die gleiche Geschichte. Ich wünschte, McIntosh würde mit diesen unnötigen Arztbesuchen aufhören. Das Ergebnis ist doch immer dasselbe. Sobald er weg ist, muss ich die schlechte Laune seines Patienten ausbaden.“ Sein Lächeln wurde breiter. „Und du“. Ich zuckte mit den Achseln. „Das ist unsere Aufgabe, oder nicht? Wir werden auch dafür bezahlt?“ „Vielleicht nicht genug. Er ist wirklich unerträglich.“ Sein Ton war so respektlos, dass ich mich darüber entsetzte. Ich war nicht sicher, ob es nur die typische Offenheit der Leute vom Land war, die in ihrem gnadenlosen Urteil echt war. Da war noch etwas andere dabei, so eine Art Neid gegenüber denjenigen, die sich es leisten konnten, nicht zu arbeiten, oder wenn schon, dann als ein Hobby, wie Mc Laine. Neid ihm gegenüber, auch wenn er an den Rollstuhl gefesselt ist, und somit noch gefangener als ein Sträfling im Zuchthaus war. „Du solltest nicht so reden“, ermahnte ich ihn, meine Stimme wurde immer leiser. „Und wenn er dich hört?“ „Es ist nicht einfach, hier Personal zu finden. Es wäre schwer, mich zu ersetzen.“ Er stellte dies als eine Tatsache hin, in herablassendem Ton, so als ob er ihm einen Gefallen täte. Die Worte waren genau dieselben, die Mc Laine verwendet hatte, und ich wurde mir bewusst, dass sie der Wahrheit entsprachen. „Hier gibt es keine Gelegenheiten für ein bisschen Vergnügen“, fuhr er in anzüglich schmeichelnden Ton fort. Wie zufällig, so schien es zumindest, strich er mir eine Haarsträhne aus der Stirn. Sofort zuckte ich zurück, sein heißer Atem auf meinem Gesicht war mir äußerst unangenehm. „Vielleicht wird es dir das nächste Mal, wenn ich dich berühre, besser gefallen“, sagte er, ohne gekränkt zu sein. Die Sicherheit, mit der ich sprach entfesselte meine Wut. „Es wird kein nächste Mal geben“, zischte ich. „Ich suche keine Ablenkungen, und ganz bestimmt nicht solche.“ „Ist schon gut. Sicher. Vorerst.“ Ich schwieg stoisch, auch wenn ich ihm nur allzu gern ihm eine vors Schienbein getreten oder ein Ohrfeige ins Gesicht gegeben hätte. Ich marschierte den Gang entlang und ignoriere sein verhaltenes Lachen. Ich war gerade dabei, die Tür zu meinem Zimmer zu öffnen, als die von Mc Laine aufgerissen wurde und ich deutlich seine bei weitem nicht mehr unterdrückte Stimme hören konnte. „Raus! Verlassen Sie dieses Haus, McIntosh! Und wenn Sie mir wirklich einen Gefallen tun wollen, dann lassen Sie sich hier nicht mehr blicken.“ Der Arzt reagierte ruhig, als ob er solche Zornesausbrüche gewohnt wäre. „Ich komme am Dienstag zur gleichen Zeit wieder, Sebastian. Ach, ich bin froh zu sehen, dass Du kerngesund bist. Dein Aussehen und Dein Körper können es ohne Probleme mit einem Zwanzigjährigen aufnehmen.“ „Was für eine gute Nachricht, McIntosh.“ Die Ironie in der Stimme des Anderen war nicht zu überhören. „Das sollte ich doch glatt feiern. Vielleicht gehe ich auch eine Runde tanzen.“ Der Arzt schloss die Tür, ohne zu antworten. Als er sich umdrehte, erblickte er mich und bemühte sich um ein müdes Lächeln. „Sie werden sich schon noch an seine Stimmungsschwankungen gewöhnen. Er ist liebenswürdig, wenn er will. Und das heißt, sehr selten.“ Ich übernahm eilig die Verteidigung meines Chefs. „An seiner Stelle würde jeder...“ McIntosh lächelte weiterhin. „Nicht jeder. Jeder Mensch reagiert auf seine eigene Weise, Miss. Denken sie daran. Nach fünfzehn Jahren sollte er sich zumindest damit abgefunden haben. Aber ich fürchte, dass Sebastian die Bedeutung dieses Wortes nicht kennt. Er ist so…“ Er hielt kurz inne. „…leidenschaftlich. Im weitesten Sinne des Wortes. Er ist hitzköpfig, ein Vulkan, impulsiv, stur. Es ist eine schreckliche Tragödie, die ausgerechnet ihm wiederfahren ist.“ Er schüttelte den Kopf, so als ob er sich die göttliche Bestimmung nicht erklären könnte, dann grüßte er mich kurz und ging. An diesem Punkt wusste ich nicht, was tun. Ich liebäugelte mit der Tür zu meinem Zimmer. Sie strahlte so süß, dass mir fast schwindlig wurde. Ich hatte Angst, Mc Laine nach seinem jüngsten Wutausbruch entgegenzutreten. Auch wenn er nicht gegen mich gerichtet war. Und erneut wurde mir die Entscheidung abgenommen. „Miss Bruno! Kommen Sie sofort her!" Um diese dicke Eichentür zu durchdringen, musste er aus voller Kehle rufen. Das war für meine schon angekratzten Nerven zu viel. Ich öffnete seine Türe, die Füße setzten sich automatisch einer vor den anderen. Es war das erste Mal, dass ich sein Schlafzimmer betrat, aber der Einrichtung brachte ich kein Interesse entgegen. Meine Augen wurden wie von einem Magneten von der auf dem Bett liegenden Figur angezogen. „Wo ist Kyle?“, herrschte er mich streng an. „Er ist das nachlässigste Wesen, dem ich je begegnet bin.“ „Ich werde nach ihm suchen“, bot ich an und war froh eine plausible Ausrede dafür zu haben, diesem Raum, diesem Mann, diesem Augenblick so schnell wie möglich zu entkommen. Er betäubte mich allein mit der Kraft seines kalten Blickes. „Nachher. Jetzt kommen Sie herein.“ Irgendwie ließ der Schrecken nach, genau rechtzeitig, dass ich mit erhobenem Haupt in sein Zimmer trat. „Kann ich etwas für Sie tun?“ „Und was könnten Sie für mich tun?“ Ein leichtes Zittern, ein Anzeichen von Ironie, glitt über seine vollen Lippen. „Mir Ihre Beine geben? Würden Sie das tun, Melisande Bruno? Wenn es möglich wäre? Was sind Ihnen Ihre Beine wert? 1 Million, 2 Millionen, 3 Millionen Pfund?“ „Ich würde es nie für Geld tun“, antwortete ich zügig. Er stützte sich auf seine Ellbogen, und schaute mich durchdringend an. „Und aus Liebe? Würden Sie es aus Liebe tun, Melisande Bruno?“ Er machte sich über mich lustig, wie immer, sagte ich mir. Und doch hatte ich für ein paar Momente den Eindruck, dass mich unsichtbare Windböen in seine Arme trieben. Dieser Augenblick des plötzlichen Wahnsinns ging vorüber, ich nahm mich zusammen und erinnerte mich wieder daran, dass ich eine unbekannte Person vor mir hatte, nicht den strahlenden Prinzen mit der glänzenden Rüstung, von dem ich nicht einmal träumen konnte. Und ganz gewiss kein Mann, der sich in mich verlieben könnte. Unter normalen Umständen wäre ich nie in diesem Raum gewesen, um am intimsten Moment einer Person teil zu haben. Der Moment, wo es keine Masken gibt, wo man jede Verteidigung ablegt und von jeder Formalität, die von der Außenwelt auferlegt wurde, entblößt ist. „Ich habe nie geliebt, Sir“, antwortete ich nachdenklich. „Also weiß ich nicht, was ich in diesem Fall tun würde. Würde ich mich derart für die geliebte Person opfern? Ich weiß es nicht. In der Tat, ich weiß es wirklich nicht.“ Seine Augen ruhten fest auf mir, als ob er seinen Blick nicht von mir abwenden könnte. Oder vielleicht stellte ich mir das nur so vor, aber es war genau das, was ich in diesem Moment fühlte. „Es ist eine rein akademische Frage, Melisande. Glaubst du, dass, wenn du wirklich in jemanden verliebt wärst... Würdest du ihm deine Beine geben, oder deine Seele?“ Aus seinem Gesichtsausdruck konnte man nichts erkennen. „Würden Sie es tun, Sir?“ Er brach in ein schallendes Lachen aus, das im Raum ganz unerwartet wie ein frischer Frühlingswind widerhallte. „Ich würde es tun, Melisande. Vielleicht, weil ich geliebt habe, und ich weiß, wie es sich anfühlt.“ Er warf mir einen Blick von der Seite zu, so als wenn er einige Fragen von meiner Seite erwarten würde, aber ich schwieg. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Er hätte von Weinen oder von Astronomie sprechen können, das Ergebnis wäre das gleiche gewesen. Ich war nicht in der Lage, über das Thema der Liebe zu diskutieren. Denn ich hatte keine Ahnung hatte, was das ist. „Schieb‘ den Rollstuhl näher heran“, sagte er schließlich in Befehlston. Ich war froh eine Aufgabe erfüllen zu dürfen, auf die ich vorbereitet war, und gehorchte ihm. Seine Arme dehnten sich durch die Anstrengung und mit vollendeter Leichtigkeit glitt er in sein Folterinstrument, das ihm so verhasst als auch nützlich und wertvoll war. „Ich verstehe, wie Sie sich fühlen“, bemerkte ich in einem Anflug von Mitgefühl. Er hob seinen Blick, um mich anzusehen. Eine Vene pochte ihm an der rechten Schläfe, vor Aufregung über meinen Kommentar. „Du hast keine Ahnung, wie ich mich fühle“, sagte er lapidar. „Ich bin anders. Anders, weißt du?“ „Ich bin von Geburt an anders, Sir. Glauben Sie mir, ich kann Sie verstehen“, verteidigte ich mich mit schwacher Stimme. Er versuchte, meinen Blick zu erhaschen, aber ich weigerte mich ihn anzusehen. Da klopfte es an der Tür, und ich war erleichtert, dass Kyle gekommen war, der mit einer nichtssagenden Miene fragte. „Brauchen Sie mich, Mister Mc Laine?“ Den Schriftsteller überkam einen Wutanfall. „Wo hast du gesteckt, du Faulpelz?“ Es blitzte ein Funken der Revolte in den Augen des Krankenpflegers auf, aber er entschied keine Bemerkung zu machen. „Warten Sie im Arbeitszimmer auf mich, Miss Bruno“, befahl mir Mc Laine, mit noch vor unterdrückter Gewalt zitternder Stimme. Ich blickte nicht zurück, als ich das Zimmer verließ. Viertes Kapitel Es vergingen einige Tage, bevor ich mit dem Besitzer von Midnight Rose die Magie der ersten Stunde, die wir anschließend verloren hatten, wiederfand. Ich mied Kyle wie die Pest, um ja auch nicht nur die kleinste Hoffnung in ihm zu wecken. Jedes Mal, wenn wir uns trafen, füllten sich seine Augen mit Begierde, stets auf der Suche meinen Blick zu kreuzen. Aber ich hielt ihn auf Sicherheitsabstand und hoffte, dass dies ausreichend wäre, ihn von erneuten unerwünschten Annäherungsversuchen abzuhalten. Andererseits begann ich die Gesellschaft von Mrs. Mc Millian zu schätzen. Sie war ein geistreiche Frau und auf keinen Fall so geschwätzig, wie ich sie fälschlicherweise auf den ersten Blick beurteilt hatte. Sie war Mr. Mc Laine treu bis ins Knochenmark, und diese Tatsache brachte uns sehr zusammen. Ich erledigte meine Aufgaben mit leidenschaftlichem Fleiß, und war glücklich darüber, dass ich ihm zumindest einen Teil der Last von seinen Schultern abnehmen konnte. Ich vermisste unsere Wortgefechte, und mein Herz drohte zu explodieren, als sie wieder begannen. Genauso unerwartet, wie beim ersten Mal. „Verdammt!“ Ich hob ruckartig den Kopf, da ich über einige Dokumente gebeugt war, die ich gerade in Ordnung brachte. Seine Augen waren geschlossen, mit einem verletzlichen Ausdruck auf seinem jungenhaften Gesicht, der ich mich erweichen ließ. „Ist alles in Ordnung?“ Sein Blick war eiskalt, und ich bedauerte es fast, dass er seine Augen wieder geöffnet hatte. „Das ist von meinem verdammten Verleger“, erklärte er, und wedelte mit einem Blatt in der Hand. Es war ein Brief, der mit der Morgenpost gekommen war und den ich nicht bemerkt hatte. Ich war für das Sortieren der Post zuständig, und ich bedauerte, ihm den Brief nicht sofort gegeben zu haben. Vielleicht war er ja wütend auf mich, weil ich ihm eine wichtige Botschaft vorenthalten hatte. Seine nächsten Worte enthüllten jedoch das Geheimnis. „Ich wünschte, dieser Brief wäre unterwegs verloren gegangen“, sagte er angewidert. „Er möchte, dass ich ihm den Rest des Manuskripts schicke.“ Mein Schweigen schien seine Wut zu anzufachen. „Und ich habe keine anderen Kapitel, die ich ihm senden kann.“ „Ich sehe Sie seit Tagen schreiben“, wagte ich verwirrt anzubringen. „Es gibt Tage, da schreibe ich solchen Mist, der es nur verdient dort zu enden, wo er letztendlich auch endet“ meinte er und zeigte auf den Kamin. Ich hatte es wohl bemerkt, dass das Feuer am Vortag angezündet worden war, und ich war auch erstaunt darüber, da die Temperaturen noch ausgesprochen sommerlich waren, aber ich hatte nicht nach einer Erklärung gefragt. „Versuchen Sie doch, mit Ihrem Verleger zu reden. Möchten Sie, dass ich ihn anrufe?“, schlug ich schnell vor. „Ich bin sicher, dass er es verstehen wird ...“ Er unterbrach mich mit einer Handbewegung, als ob er eine lästige Fliege verjagen würde. „Verstehen was? Dass ich eine kreative Krise habe? Dass ich eine klassische Schreibblockade durchlebe?“ Sein spöttisches Lächeln ließ mein Herz höher schlagen, gerade so, als ob er es sanft berührt hätte. Er warf den Brief auf den Schreibtisch. „Mit dem Buch geht es nicht voran. Zum ersten Mal in meiner Karriere scheine ich nichts mehr zu Schreiben zu haben, meine Quelle ist versiegt.“ „Dann machen Sie etwas anderes“, sagte ich impulsiv. Er sah mich an, als ob ich verrückt geworden wäre. „Wie bitte?“ „Gönnen Sie sich eine Pause, einfach um zu sehen, was mit Ihnen los ist“, sagte ich verzweifelt. „Und was soll ich tun? Etwa joggen? Eine Autofahrt? Oder ein Tennismatch?“ Der Sarkasmus in seiner Stimme war so scharf, dass er mich zerriss. Ich konnte fast die klebrige Hitze von dem Blut spüren, das aus den Wunden sprudelte. „Es gibt nicht nur Hobbys für den Körper“, sagte ich und senkte den Kopf. „Sie könnten etwas Musik hören. Oder lesen.“ So, jetzt hätte er mich in einem Augenblick abserviert, als jemand der die größte Anhäufung von Unsinn der Geschichte von sich gegeben hatte. Stattdessen waren seine Augen wachsam auf mich gerichtet. „Musik. Das ist keine schlechte Idee. Ich hab‘ ja nichts Besseres zu tun, nicht wahr?“ Er zeigte auf einen Plattenspieler, auf dem obersten Brett des Regals. „Nehmen Sie ihn runter, bitte.“ Ich kletterte auf den Stuhl und hob ihn nach unten, während ich die Details bewunderte. „Das ist wunderschön. Ein Original, nicht wahr?“ Er nickte, während ich den Plattenspieler auf den Schreibtisch setzte. „Ich bin schon immer ein Liebhaber von alten Dingen gewesen, auch wenn dies hier eher zum modernen Antiquariat gehört. In der roten Schachtel finden Sie Vinyl-Schallplatten.“ Ich stand vor dem Regal, die Arme ließ ich kraftlos hängen. Da waren zwei dunkle Schachteln von ähnlicher Größe auf dem gleichen Regalbrett, wo vorher der Plattenspieler stand. Ich befeuchtete meine trockenen Lippen mit der Zunge, meine Kehle war ausgedörrte. Er rief mich voller Ungeduld. „Nun machen Sie schon, Miss Bruno. Klar, gehe ich nirgendwo hin, aber das rechtfertigt nicht Ihre Langsamkeit. Was ist los? Sind Sie eine Schnecke? Oder er haben Sie das Kyle abgeguckt?“ Ich würde mich nie an seinen Sarkasmus gewöhnen können, dachte ich wütend, als ich eine eilige Entscheidung traf. War es vielleicht an der Zeit, mich zu meiner sonderbaren Anomalie zu bekennen, oder sollte ich den Weg des geringsten Widerstands gehen, so wie in der Vergangenheit? Das heißt, einfach eine Schachtel zufällig greifen und hoffen, es wäre die richtige? Ich konnte sie nicht vorher öffnen und den Inhalt erspähen, sie waren mit großen Stücken Klebeband verschlossen. Mit dem Gedanken an die schrecklichen Kommentare, die ich über mich ergehen lassen müsste, wenn ich die Wahrheit sagen würde, traf ich eine Entscheidung. Ich kletterte auf den Stuhl und hob eine Schachtel nach unten. Ich stellte sie auf den Tisch ohne ihn anzusehen. Ich hörte schweigend zu, wie er darin wühlte. Überraschenderweise war es die richtige. Und ich fing wieder an zu atmen. „Hier ist sie!“ Er reichte mir eine Platte. Debussy. „Warum diese?“ fragte ich. „Weil ich Debussy mit neuen Augen sehe, seit ich weiß, dass Ihr Namen als Tribut an ihn gewählt wurde.“ Die primitive Einfachheit seiner Antwort nahm mir den Atem, mein Herz wand sich zwischen den Qualen der Hoffnung. Und diese waren einfach zu schön um wahr zu sein. Ich konnte nicht träumen. Vielleicht, weil mein Geist bei der Geburt bereits das erkannt hatte, was mein Herz nicht zu tun gedachte. Dass Träume niemals Wirklichkeit werden. Zumindest nicht meine. Die Musik nahm an Volumen zu und füllte den Raum. Zuerst sanft, dann etwas energischer, bis sie sich in ein aufregendes verführerisches Crescendo steigerte. Mc Laine schloss die Augen und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, sog das Tempo und den Rhythmus auf, machte diese zu seinen eigenen und beging somit einen autorisierten Diebstahl. Ich beobachtete ihn, und nutzte so die Tatsache aus, dass er mich nicht sehen konnte. In diesem Moment schien er mir furchtbar jung und zerbrechlich, als ob ihn eine einfache Windböe erfassen und davon tragen könnte. Auch ich schloss die Augen bei diesem unglaublichen und lächerlichen Gedanken. Er gehörte mir nicht. Er würde mir nie gehören. Rollstuhl hin oder her. Je früher ich dies erkannt hätte, desto eher würde ich meinen gesunden Menschenverstand wiederfinden, meinen tröstliche Aufgabe, mein seelisches Gleichgewicht. Ich konnte nicht den Käfig aufs Spiel setzen, in dem ich mich absichtlich eingeschlossen hatte, und das Risiko eingehen, schrecklich für eine bloße Fantasie, die eher einer Jugendlichen zustand, zu leiden. Die Musik hörte auf, feurig und mitreißend. Wir öffneten die Augen im gleichen Augenblick. Seine spiegelten die übliche Kälte wieder. Meine waren beschlagen und schläfrig. „Das Buch wird so nichts“ verfügte er. „Lassen Sie den Plattenspieler verschwinden, Melisande. Ich würde gern ein wenig schreiben, oder besser gesagt, alles neu schreiben.“ Er wendete sich mit einem strahlenden Lächeln an mich. „Die Idee mit der Musik war brillant. Danke.“ „Aber ich denke ... Ich habe doch nichts Besonderes getan“, stammelte ich, wich seinem Blick und jenen Tiefen aus, in denen ich regelmäßig Gefahr lief, mich zu verlieren. „Nein, sie haben wirklich nichts Besonderes getan“, gab er zu, und meine Moral sank in den Keller, weil er mich auf so schnelle Weise verabschiedet hatte. „Sie sind das Besondere, Melisande. Sie, nicht das, was Sie sagen oder tun.“ Sein Blick kreuzte den meinen, fest entschlossen, ihn, wie üblich, zu erfassen. Er hob die Augenbrauen, mit dieser Ironie, die ich mittlerweile so gut kannte. „Danke, Sir“, antwortete ich zerknirscht. Er lachte, als ob ich einen Witz erzählt hätte. Ich verübelte es ihm nicht. Er fand mich amüsant. Immerhin, besser als nichts. Ich dachte an unser Gespräch vor ein paar Tagen zurück, als er mich fragte, ob ich aus Liebe meine Beine oder meine Seele gegeben hätte. Ich antwortete damals, dass ich nie geliebt hatte, und deshalb nicht wüsste, wie ich gehandelt hätte. Jetzt wurde mir bewusst, dass ich diese Fangfrage jetzt vielleicht beantworten könnte. Er zog den Computer vor sich und begann zu schreiben, und schloss mich aus seiner Welt aus. Ich nahm meine Arbeit wieder auf, obwohl mein Herz aufs Heftigste flatterte. Mich in Sebastian Mc Laine zu verlieben glich einem Selbstmord. Und ich hatte keine Ambitionen ein Selbstmordattentäter zu werden. Richtig? Ich war ein Mädchen mit gesundem Menschenverstand, praktisch, vernünftig, das nicht in der Lage war, zu träumen. Nicht einmal mit offenen Augen. Oder zumindest war es bisher so gewesen, musste ich mich selbst korrigieren. „Melisande?“ „Ja, Sir?“ Ich drehte mich zu ihm, und war darüber erstaunt, dass er mit mir gesprochen hatte. Wenn er mit dem Schreiben begann, vergaß er alles und alle um sich herum. „Ich habe Lust auf Rosen“, sagte er und deutete auf die leere Vase auf dem Schreibtisch. Bitten Sie bitte Millicent sie zu füllen.“ „Natürlich, Sir.“ Ich packte die Keramikvase mit beiden Händen. Ich wusste, wie schwer sie war. „Rote Rosen“ präzisierte er. „Wie dein Haar.“ Ich wurde rot, auch wenn nichts Romantisches in dem war, was er gesagt hatte. „Wie Sie wünschen, Sir.“ Ich konnte fühlen, wie sein Blick meinen Rücken durchdrang während ich vorsichtig die Tür vorsichtig öffnet und in den Flur trat. Ich ging ins Erdgeschoss hinunter mit der Vase fest in den Händen. „Mrs. Mc Millian? Hallo?“ Es war keine Spur von der älteren Haushälterin zu finden und dann erinnerte ich mich entfernt an etwas, aber es war zu schwach, um es greifen zu können. Die Gouvernante hatte mir beim Frühstück etwas gesagt… über ihren freien Tag ... Hatte sie sich auf heute bezogen? Schwer zu sagen. Die Mc Millian war eine Quelle von verwirrenden Informationen, und nur selten gelang es mir, ihr von Anfang bis zum Ende zuzuhören. Auch in der Küche war kein Zeichen von ihr. Untröstlich stellte ich die Vase auf den Tisch neben eine Schale mit frischem Obst. Wundervoll. Ich stellte fest, dass nun ich diejenige sei, die die Rosen im Garten auszuwählen hatte. Eine Aufgabe, die jenseits meiner Fähigkeiten lag. Es wäre einfacher, eine Wolke zu ergreifen und mit ihr Walzer zu tanzen. Mit einem eindringlichen Brummen in den Ohren, und dem Gefühl einer bevorstehenden Katastrophe, ging ich hinaus. Der Rosengarten lag vor mir, brennend wie ein Feuer aus Blütenblättern. Rot, gelb, rosa, weiß, sogar blau. Schade, dass ich in schwarz und weiß lebte, in einer Welt, wo alles nur Schatten war. In einer Welt, wo Licht etwas Unerklärliches war, etwas Unbestimmtes, etwas Verbotenes. Ich konnte nicht einmal davon träumen, Farben zu unterscheiden, weil ich nicht wusste, was sie eigentlich waren. Und das von Geburt an. Ich tat einen unsicheren Schritt in Richtung Rosengarten, meine Wangen glühten. Ich musste eine Ausrede erfinden, um meine Rückkehr nach oben ohne Blumen zu rechtfertigen. Es war eine Sache zwischen zwei Schachteln auszuwählen, aber eine andere gleichfarbige Rose zu schneiden. Rot. Wie ist rot? Wie sollte man sich etwas vorstellen, das man noch nie, nicht einmal in einem Buch, gesehen hatte? Ich trat auf eine abgebrochene Rose. Ich beugte, um sie aufzuheben, sie war welk, schlaff in ihrem Pflanzentod, aber sie dufteten noch immer. „Was machst du hier?“ Ich schob die Haare wirsch aus der Stirn, und bedauerte zutiefst, dass ich sie nicht in den üblichen Dutt gebunden hatte. Sie waren lange im Nacken und bereits schweißgetränkt. „Ich soll Rosen für Mr. Mc Laine pflücken“, antwortete ich lakonisch. Kyle lächelte mich mit dem gewohnt irritierenden süffisanten Lächeln an. „Brauchst du Hilfe?“ Mit diesen einfach so dahingesagten leeren und scheinheiligen Worten tat sich für mich ein Fluchtweg auf, eine unerwartete Lösung des Problems, die es sogleich festzuhalten galt. „Eigentlich solltest du das tun, aber du warst ja nirgendwo zu finden. Wie üblich“, sagte ich bissig. Ein Schauer huschte über sein Gesicht. „Ich bin kein Gärtner. Ich arbeite eh schon zu viel.“ Bei dieser Erklärung konnte ich ein Lachen nicht verhindern. Ich hielt eine Hand vor den Mund, so als ob ich die Heiterkeit abschwächen wollte. Er starrte mich wütend an. „Das ist die Wahrheit. Wer hilft ihm sich zu waschen, anzuziehen, zu bewegen?“ Der Gedanke an einen nackten Sebastian Mc Laine rief fast einen Kurzschluss in mir hervor. Ihn waschen, anziehen ... das waren Aufgaben, die ich sehr gerne übernommen hätte. Der folgende Gedanke, dass dies nie meine Angelegenheit sein würde, ließ mich säuerlich antworten. „Aber für die meiste Zeit des Tages hast du frei. Natürlich, du stehst zur Verfügung, wirst aber selten gestört“, legte ich noch oben drauf. „Komm schon und hilf mir.“ Er entschloss sich mir zu helfen, auch wenn er noch verärgert war. Ich drückte ihm die Schere in die Hand und sagte lächelnd. „Rote Rosen.“ „Wie Sie wünschen“, grummelte er und machte sich an die Arbeit. Als endlich der Strauß fertig war, begleitete ich ihn in die Küche, wo wir die Vase holten. Es schien mir praktischer und einfacher zu sein, die Aufgabe unter uns aufzuteilen. Er würde den Keramiktopf tragen und ich die Blumen. Mc Laine schrieb noch mit ganzem Eifer. Er hielt erst inne, als er uns zusammen eintreten sah. „Jetzt verstehe ich, warum du so lange gebraucht hast“, zischte er mich an. Kyle verabschiedete sich schnell, nachdem er die Vase ungelenk auf dem Schreibtisch platziert hatte. Einen Moment lang befürchtete ich, dass sie umkippen würde. Er war schon weg, als ich mich daran machte die Rosen in der Vase anzuordnen. „War das eine so schwierige Aufgabe, dass du jemand um Hilfe bitten musstest?“ fragte er, und seine Augen funkelten vor unkontrollierter Wut. Ich schnappte nach Luft wie ein Fisch, der dummerweise den Köder angebissen hatte. „Die Vase war ziemlich schwer“, entschuldigte ich mich. „Das nächste Mal nehme ich sie nicht mit.“ „Sehr weise.“ Seine sanfte Stimme war trügerisch. In Wahrheit glich er mit seinem Gesicht, das von einem Zweitagebart überschattet war, einem bösen Dämon, der aus der Unterwelt aufgestiegen war, um mich zu schikanieren. „Ich habe Mrs. Mc Millian nicht gefunden“, beharrte ich. Ein Fisch, der sich noch immer an den Köder klammerte und nicht verstanden hatte, dass er am Haken hing. „Ah, stimmt, es ist ihr freier Tag“, gab er zu. Aber dann kehrte seine vorübergehend abgeflachte Wut wieder zurück. „Ich dulde keine Liebesbeziehungen zwischen meinen Mitarbeitern.“ „Das würde mir nie in den Sinn kommen!“, war meine impulsive Antwort, die ich mit einer solchen Aufrichtigkeit vorbrachte, dass ich mir ein zustimmendes Lächeln von seiner Seite verdiente. „Das freut mich.“ Seine Augen waren kalt trotz des Lächelns. „Das gilt natürlich nicht für mich. Ich habe überhaupt nichts dagegen eine Beziehung mit den Mitarbeitern zu haben, ich.“ Er betonte diese Worte um so die Verhöhnung auch noch zu verstärken. Zum ersten Mal hatte ich große Lust ihm einen Faustschlag zu verpassen und ich erkannte, dass es bestimmt nicht das letzte Mal sein würde. Da ich mich nicht an demjenigen abreagieren konnte, der es meiner Meinung nach verdient hätte, presste ich meine Hände um den Blumenstrauß, wobei ich nicht an die Dornen gedacht hatte. Der Schmerz ereilte mich plötzlich, so als ob ich gegen Dornen immun wäre, da ich damit beschäftigt war, anderen Stacheln entgegenzuwirken. „Autsch!“ Ich zog meine Hand schnell zurück. „Hast du dich gestochen?“ Mein Blick sagte mehr als tausend Worte. Er streckte seine Hand aus, um die meine zu ergreifen. „Zeig‘ mir.“ Ich streckte sie ihm wie ein Roboter entgegen. Der Tropfen Blut hob sich deutlich von der weißen Haut ab. Dunkel, schwarz für meine abnormalen Augen. Rotkarmin für seine normalen Augen. Ich versuchte meine Hand zurückzuziehen, aber sein Griff war zu kräftig. Ich beobachtete ihn verwirrt. Seine Augen ruhten fest auf meinem Finger, wie trunken oder hypnotisiert. Und dann war es, wie üblich, vorbei. Sein Gesichtsausdruck änderte sich so sehr, dass es mir nicht gelang, etwas von ihm abzulesen. Er schien plötzlich wie angewidert, und wandte sich in Eile ab. So befreite sich meine Hand und ich führte meinen Finger an den Mund, um das Blut zu saugen. Sein Kopf drehte sich erneut in meine Richtung, wie wenn er durch eine unaufhaltsame und unangenehme Kraft angetrieben würde. In seinem Gesicht spiegelten sich Entsetzen und Leid wieder. Nur für einen kurzen Augenblick jedoch. Überraschend und bar jeder Logik. „Das Buch geht gut voran. Ich habe meine Schreibblockade überwunden“, sagte er, als ob auf eine nie von mir gestellte Frage antworten würde. „Könntest du mir bitte eine Tasse Tee bringen?“ Ich klammerte mich an seine Worte, wie ein Ertrinkender, dem die Rettungsleine zugeworfen wird. „Ja, ich kümmere mich sofort darum.“ „Wirst du das dieses Mal alleine zustande bringen?“ Seine Ironie war nach dem erschreckenden Blick von zuvor fast angenehm. „Ich werde es versuchen“, antwortete ich, und beschloss das Spiel mitzuspielen. Diesmal traf ich Kyle nicht, und ich war erleichtert. In der Küche bewegte ich mit größerer Sicherheit als im Garten. Da ich jede Mahlzeit dort zusammen mit Mrs. Mc Millian einnahm, kannte ich alle ihre Verstecke. Ich fand problemlos den Teekessel im Schrank neben dem Kühlschrank, und die Teebeutel in einer Blechdose in einem anderen. Mit dem Tablett in den Händen ging ich wieder nach oben. Mc Laine sah nicht auf, als er mich eintreten sah. Offenbar hatten seine Ohren wie Radarantennen bereits registriert, dass ich allein war. „Ich habe sowohl Zucker als auch Honig mitgebracht, da ich nicht wusste, wie Sie Ihren Tee am liebsten trinken. Und auch Milch.“ Er grinste, als er das Tablett sah. „War es dir nicht zu schwer?“ „Ich bin schon irgendwie klar gekommen“, sagte ich würdevoll. Mich gegen seine verbalen Witze zu verteidigen, wurde langsam zu einer unverzichtbaren Gewohnheit, die ohne Frage dem tragischen Ausbruch von vor wenigen Minuten vorzuziehen ist. „Sir…“ Es war der Moment gekommen, eine wichtige Frage zu stellen. Er schenkte mir ein Lächeln voll ehrlichem gutem Willen, wie ein Monarch der seinem Untertan wohlgesinnt ist. „Ja, Melisande Bruno?“ „Ich wollte wissen, wann mein freier Tag sein wird“, sagte ich furchtlos in einem Atemzug. Er breitete seine Arme aus und streckte sich genüsslich, bevor er antwortete. „Freier Tag? Du bist noch nicht einmal richtig angekommen, und schon willst du mich loswerden?“ Ich verschob das Gewicht von einem auf den anderen Fuß, während ich ihn beobachtete wie er einen Löffel Milch und einen Löffel Zucker in den Tee gab und danach vorsichtig daran nippte. „Heute ist Sonntag, Sir. Der freie Tag von Mrs. Mc Millian. Und morgen ist es genau eine Woche, dass ich hier bin. Vielleicht sollten wir darüber reden, Sir.“ Von seiner Miene war abzulesen, dass er nicht bereit wäre, mir einen freien Tag zu gewähren. „Melisande Bruno, denkst du vielleicht, dass ich dir keinen freien Tag gebe?“, fragte er spöttisch, so als ob er meine Gedanken gelesen hätte. Ich murmelte schon etwas wie nein, ich würde doch an so etwas nicht im Traum denken, völlig absurd, als er fortfuhr. „… denn dann hast du absolut Recht.“ „Vielleicht habe ich Sie nicht recht verstanden, Sir. Ist das wieder einer Ihrer Scherze?“ Ich bemühte mich, nicht die Kontrolle zu verlieren und so war meine Stimme eher schwach. „Und wenn es dem nicht so ist?“, erwiderte er und blickte mich mit seinen Augen an, die so unergründlich waren wie ein Ozean. Ich starrte ihn mit offenem Mund an. „Aber Mrs. Mc Millian ...“ „Auch Kyle hat keine freien Tage“, erinnerte er mich mit einem verschmitzten Lächeln. Ich hatte das dringende Gefühl, dass er sich aufs Beste amüsierte. „Er hat keine festen Arbeitszeiten so wie ich“, sagte ich genervt. Ich hatte große Lust, das Dorf und die Umgebung des Hauses zu erkunden, und es nervte mich, dass ich für meine Rechte kämpfen musste. Er verzog keine Miene. „Er steht immer zu meiner Verfügung.“ „Und wann sollte ich denn mal rauskommen?“ fragte ich etwas lauter. „In der Nacht vielleicht? Ich habe von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang frei ... Anstatt zu schlafen, soll ich ein bisschen spazieren gehen? Im Gegensatz zu Kyle lebe ich hier, ich gehe nicht abends nach Hause.“ „Wag‘ es nicht in der Nacht auszugehen. Es ist gefährlich.“ Seine gedämpften Worte prägten sich in mein Bewusstsein ein und verursachten ein schwaches Aufflackern eines Wutanfalls. „Wir befinden uns in einer Sackgasse“, sagte ich mit genauso kalter Stimme wie er. „Ich möchte die Umgebung kennenlernen, aber Sie geben mir dazu keinen Tag frei. Andererseits jedoch raten Sie mir eindringlich davon ab, nachts auszugehen, weil Sie es für gefährlich halten. Was soll ich denn dann tun?“ „Du bist noch schöner, wenn du wütend bist, Melisande Bruno“, beobachtete er völlig unangemessen. „Die Wut verleiht deinen Wangen ein wunderschönes Rosa“. Ich räkelte mich für einen köstlichen Moment in der Freude über dieses Kompliment, doch dann nahm der Zorn doch Überhand. „Und, was ist jetzt? Werde ich also einen freien Tag haben?“ Er lächelte mich schief an und meine Wut verblasste, sie wurde durch eine Erregung ganz anderer und unvorstellbarer Art ersetzt. „Ok, nehmen Sie den Sonntag“, stimmte er schließlich zu. „Sonntag?“ Er hatte sich so schnell nachgegeben, dass es mich verwirrte. Er war so schnell in seinen Entscheidungen, dass ich bezweifelte ihm folgen zu können. „Aber es ist auch der Tag von Frau Mc Millian ... Sind Sie sicher, dass ...?“ „Millicent hat nur den Morgen frei. Sie können den Nachmittag haben.“ Ich nickte ohne Überzeugung. Im Moment musste ich damit zufrieden sein. „Einverstanden.“ Er zeigte auf das Tablett. „Könnten Sie das bitte in die Küche bringen?“ Ich war schon an der Tür angekommen, als mich ein Gedanke wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf. „Warum ausgerechnet Sonntag?“ Ich drehte mich zu ihm um. Auf seinem Gesicht lag der Ausdruck einer Klapperschlange, und plötzlich war mir alles klar. „Denn heute ist Sonntag, und so muss ich ganze sieben Tage warten.“ Ein Pyrrhussieg. Ich war so wütend, dass ich fast versucht war, ihm das Tablett entgegenzuschleudern. „Das geht schon vorüber“ wiegelte er amüsiert ab. „Und, schlagen Sie beim Hinausgehen nicht die Tür zu.“ Ich war versucht, genau das zu tun, aber leider behinderte mich das Tablett. Ich hätte es auf dem Boden abstellen müssen und so verzichtete ich darauf. Wahrscheinlich hätte er es noch mehr genossen. In dieser Nacht habe ich zum ersten Mal in meinem Leben geträumt. Fünftes Kapitel Ich sah irgendwie gespensterhaft aus, so in meinem Nachthemd, das im unsichtbaren Wind flatterte. Sebastian Mc Laine streckte mir freundlich die Hand entgegen. „Möchtest du mit mir tanzen, Melisande Bruno?“ Er stand still und unbeweglich am Fußende meines Bettes. Ohne Rollstuhl. Seine Gestalt zitterte blass und war nur schemenhaft, wie in einem Traum, zu sehen. Ich überwand die Entfernung zwischen uns so schnell wie der Wind. Er lächelte mich so charmant an, erhaben über jeden Zweifel und über mein Glück, da es sich in seinem Gesicht widerspiegelte. „Mr. Mc Laine... Sie können gehen… .“ Meine Stimme war naiv, sie hallte wie das eine kleine Mädchen nach. Er erwiderte mein Lächeln, die Augen jedoch waren traurig und dunkel. „Wenigstens in meinen Träumen, ja. Möchtest Du mich nicht Sebastian nennen, Melisande? Zumindest im Traum?“ Ich war verlegen und gab nur widerwillig die Förmlichkeiten auf, selbst in dieser phantastischen und unwirklichen Situation. „In Ordnung... Sebastian.“ Seine Hände schlangen sich um meine Taille in einem festen und doch spielerischen Griff. „Kannst du tanzen, Melisande?“ „Nein.“ „Dann lass mich dich führen. Meinst du, du schaffst das?“ Er starrte mich jetzt argwöhnisch an. „Ich glaube, es gelingt mir nicht“, gab ich ehrlich zu. Er nickte, meine Aufrichtigkeit hatte ihn keineswegs verwirrt. „Nicht einmal im Traum?“ „Ich träume nie“, antwortete ich ungläubig. Und doch war es genau das, was im Moment geschah. Es war eine unumstößliche Tatsache, oder nicht? Es konnte nicht wahr sein. Ich im Nachthemd in seinen Armen, die Zärtlichkeit in seinem Blick, kein Rollstuhl in Sicht. „Ich hoffe, dass du nicht enttäuscht sein wirst, wenn du aufwachst“, sagte er nachdenklich. „Warum sollte ich?“ wandte ich ein. „Ich werde das Thema des ersten Traum deines Lebens sein. Bist du enttäuscht?“ Er starrte mich ernsthaft und voller Zweifel an. Er zog sich etwas zurück, und ich krallte meine Finger in seine Arme wie wilde Klauen. „Nein, bleib bei mir. Bitte.“ „Möchtest du mich wirklich in deinem Traum haben?“ „Dich und niemand anderes “, sagte ich kühn. Ich träumte, wiederholte ich in mir. Ich konnte alles sagen, was mir durch den Kopf ging, ohne dass ich Angst vor irgendwelchen Folgen haben müsste. Er lächelte mich wieder an, noch schöner als zuvor. Er führte mich schwungvoll und beschleunigte das Tempo, sobald ich die Schritte lernte. Es war in furchterregender Weise ein echter Traum. Meine Fingerspitzen nahmen den geschmeidigen Cashmere-Pullover wahr und darunter sogar seine harten Muskeln. Plötzlich hörte ich ein Geräusch, als ob eine Pendeluhr die Stunden schlug. Mir entwich ein Kichern. Selbst hier! Ich liebte das Geräusch der Uhr nicht sonderlich, es war eher ein kreischender Ton, furchterregend und alt. Sebastian löste sich von mir mit gerunzelter Stirn. „Ich muss gehen.“ Ich zuckte zusammen, so als ob ich von einer Kugel getroffen worden wäre. „Musst du wirklich?“ „Ich muss, Melisande. Auch Träume gehen zu Ende.“ Seine sanften Worte schmeckten nach Trauer und Abschied. „Kommst du wieder?“ Ich konnte ihn nicht einfach kampflos gehen lassen. Er beobachtete mich sorgfältig, wie er es auch immer im Laufe des Tages in der Realität tat. „Warum sollte ich nicht zurückkommen, jetzt wo Du das Träumen gelernt hast?“ Dieses poetische Versprechen ließ meinen Herzschlag langsam zur Ruhe kommen, der schon allein bei der Vorstellung ihn nicht mehr wieder zu sehen, unregelmäßig wurde. Der Traum verblasste wie die Flamme einer Kerze, die langsam erlischt. Und auch die Nacht neigte sich ihrem Ende. Das erste, was ich sah, als ich die Augen zu öffnete, war die Decke mit Holzbalken. Dann das wegen der Hitze halb geöffnete Fenster. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben geträumt. Millicent Mc Millian schenkte mir ein freundliches Lächeln, als sie mich in der Küche sah. „Guten Morgen, mein Liebe. Haben Sie gut geschlafen?“ „So gut wie nie zuvor in meinem Leben“, antwortete ich lakonisch. Bei der Erinnerung an den Helden in meinem Traum lief mein Herz Gefahr zu bersten. „Das freut mich“, sagte die Haushälterin, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, auf was ich mich bezog. Sie begann mir einen detaillierten Bericht über den Tag im Dorf zu erzählen. Vom Gottesdiensts, von Menschen, die sie getroffen hatte, ich aber nicht einmal ihre Namen kannte. Wie immer ließ ich sie reden, während in meinem Kopf viel angenehmere Bilder schwirrten, die Augen immer fest auf die Uhr gehaftet, in fieberhafter Erwartung, ihn wieder zu sehen. Es war kindisch, zu glauben, dass es ein anderer Tag sein würde, wenn er sich anders verhalten hätte. Es war ein Traum gewesen, und nichts weiter. Aber unerfahren wie ich nun mal in dieser Hinsicht war, gab ich mich der Illusion hin, dass es in der Wirklichkeit eine Fortsetzung haben könnte. Als ich ins Arbeitszimmer eintrat, war er damit beschäftigt Briefe mit einem silbernen Brieföffner zu öffnen. Er hob kaum merklich den Blick bei meinem Erscheinen. „Schon wieder ein Brief von meinem Verlag. Ich habe mein Handy gerade deswegen ausgeschaltet, dass er mich in Ruhe lässt! Ich hasse Leute ohne Fantasie... Sie haben keine Ahnung von der Welt eines Künstlers, seinem Bedarf an Zeit und Raum...“ Sein rauer Ton brachte mich auf die Erde zurück. Keine Begrüßung, keine besondere Anerkennung, kein zärtlicher Blick. Herzlich willkommen zurück in der Realität, begrüßte ich mich selbst. Wie dumm, das Gegenteil anzunehmen! Deshalb war ich nie zuvor in der Lage, zu träumen. Weil ich nicht daran glaubte, weil ich nicht darauf hoffte, weil ich nicht wagte zu hoffen. Ich musste wieder zur alten Melisande werden, wie sie war bevor sie in dieses Haus kam, bevor sie ihn traf, bevor sie der Illusion erlag. Aber vielleicht werde ich ja wieder träumen. Schon allein der Gedanke daran wärmte mich mehr als eine Tasse Tee von Mrs. Mc Millian oder die blendenden Sonnenstrahlen, die durch das Fenster drangen. „Und? Warum stehen Sie da so rum wie ein Denkmal? Setzen Sie sich, zum Donnerwetter noch mal!“ Ich setzte mich gegenüber von ihm, ganz folgsam, der Tadel saß noch wie ein Stachel in der Haut. Er reichte mir den Brief mit ernster Miene. „Schreiben Sie ihm. Sagen Sie ihm, er wird sein Manuskript zum geplanten Termin erhalten.“ „Sind Sie sicher, dass Sie es schaffen? Ich meine... Sie schreiben alles neu...“ Er reagierte verärgert auf das, was er als Kritik betrachtete. „Es sind meine Beine, die gelähmt sind, nicht mein Gehirn. Ich hatte für einen Moment eine Krise. Aus und vorbei. Ganz bestimmt.“ Ich entschied, dass es besser war den ganzen Morgen lang zu schweigen und sah ihn mit ungewöhnlicher Energie auf die Computer-Tasten einhacken. Sebastian Mc Laine war ein launisches und temperamentvolles Heißblut. Es war auch überhaupt nicht schwer, ihn zu hassen, stellte ich bei meinen geheimen Studien fest. Und er war schön. Zu schön, und er war sich dessen bewusst. Das machte ihn gleich umso mehr hassenswert. In meinem Traum war er mir als ein nicht existierendes Wesen erschienen, die Projektion meiner Wünsche, nicht ein richtiger Mann, aus Fleisch und Blut. Der Traum war ein Lügengebilde, ein wunderschönes Lügengebilde. Plötzlich zeigte er auf die Rosen. „Tausch sie bitte aus. Ich hasse sie verwelken zu sehen. Ich möchte immer frische hier haben.“ Ich fand meine Stimme wieder. „Das werde ich sofort erledigen.“ „Und sei vorsichtig, dass du dich dieses Mal nicht schneidest.“ Die Härte seines Tons verblüffte mich. Ich war nie angemessen auf seine häufigen Wutausbrüche voll Zerstörung vorbereitet. Um ja kein Risiko einzugehen, nahm ich die volle Vase und ging nach unten. Auf halbem Weg auf der Treppe traf ich die Haushälterin, die mir helfend entgegeneilte. „Was ist passiert?“ „Er will neue Rosen“, sagte ich atemlos. „Er sagt, er hasst es zu sehen wie sie verwelken.“ Die Frau sah gen Himmel. „Jeden Tag eine andere Laune“. Wir trugen die Vase in die Küche, und dann ging sie um frische Rosen zu holen, rote natürlich. Ich sackte in einen Stuhl, als ob die unheimliche Atmosphäre des Hauses mich angesteckt hatte. Es gelang mir nicht, den Traum dieser Nacht aus meinem Kopf zu verdrängen, zum einen, weil er der erste in meinem Leben war und ich die Gänsehaut, die diese Entdeckung mit sich brachte, noch nicht überwunden hatte, und zum anderen, weil er so lebensecht gewesen war, so schmerzhaft lebensecht. Der Klang der Uhr erschreckte mich. Er war so schrecklich, dass ich ihn sogar in meinem Traum vernahm. Vielleicht war es genau dieses Detail, das alles so wirklich machte. Unaufhaltsam und hilflos schossen mir Tränen in die Augen. Ein Schluchzen entkam meiner Kehle, das selbst meine notorische Selbstkontrolle überwand. In diesem Zustand fand mich die Haushälterin, als sie zurück in die Küche kam. „Hier sind die frischen Rosen für unseren Herrn und Meister“, sagte sie fröhlich. Dann bemerkte sie meine Tränen und griff sich an die Brust. „Miss Bruno! Was ist passiert? Fühlen Sie sich nicht gut? Es wird doch nicht wegen der Schelte von Mr. Mc Laine sein? Er ist ein Schelm, störrisch wie ein Esel, und doch, wenn er sich daran erinnert, kann er auch liebenswert sein ... Machen Sie sich keine Sorgen, egal was er Ihnen gesagt haben mag, er hat es bereits vergessen.“ „Genau das ist das Problem“, sagte ich mit Tränen in den Augen, aber sie hörte mich schon nicht mehr, da sie selbst wieder eifrig losschwatzte. „Ich mache Ihnen einen Tee, der wird Ihnen gut tun. Ich erinnere mich daran, dass einmal in dem Haus, wo ich vorher gearbeitet habe ... " Schweigsam ertrug ich ihr Geschwätz und schätzte ihren, wenn auch gescheiterten, Versuch, mich abzulenken. Ich nippte an dem heißen Getränk und gab vor, mich besser zu fühlen, und lehnte ihr Angebot mir zu helfen freundlich ab. Die Rosen hätte ich nach oben gebracht. Die Frau bestand jedoch darauf, mich zumindest bis zum Treppenabsatz zu begleiten, und ihrer freundlichen Haltung gegenüber, wagte ich es nicht abzulehnen. Als ich in das Arbeitszimmer zurückkehrte, war ich wieder die übliche Melisande, die Augen getrocknet, mit ruhigem Herzen und gefasster Stimmung. Die Stunden vergingen schwer wie Blei, in einer Stille, die so schwarz wie meine Stimmung war. Mc Laine ignoriert mich die ganze Zeit über und wendete sich nur an mich, wenn er es absolut nicht vermeiden konnte. Der krampfhafte Wunsch, dass endlich die Dämmerung kommen sollte, glich dem am Morgen, als ich mir sehnlichst wünschte, ihn wiederzusehen. Waren tatsächlich nur wenige Stunden in der Zwischenzeit vergangen? „Sie können gehen, Miss Bruno“ verabschiedete er mich ohne mir in die Augen zu sehen. Ich wünsche ihm einfach einen guten Abend, genauso respektvoll und kühl wie er. Auf seinen Wunsch hin suchte ich nach Kyle als ich ein Schluchzen hörte, das aus dem Raum unter der Treppe kam. Ich riss die Augen auf und hatte keine Ahnung, was zu tun war. Nach langem Zögern, erreichte ich die Ursache des Geräusches, und was ich da sah, erstaunte mich sehr. Mit dem Gesicht im Halbdunkeln, einem undeutlichen Profil, das vernehmlich die Nase hochzog, erkannte ich Kyle. Der Mann hatte ein Papiertaschentuch in der Hand geballt und schien nur eine blasse Kopie des Möchtegernplayboys die letzten Tage zu sein. Ich starrte ihn voller Erstaunen einfach an, denn mir fehlten die Worte. Er nahm mich plötzlich wahr und trat einen Schritt hervor. „Und, tu‘ ich dir leid? Oder willst du dich über mich lustig machen?“ Ich fühlte mich wie in Voyeur, der auf frischer Tat ertappt wurde. Ich verdrängte die dringende Versuchung, mich zu rechtfertigen. „Mr. Mc Laine sucht nach dir. Er möchte zum Abendessen in sein Zimmer. Aber…. Bist du in Ordnung? Kann ich etwas für dich tun?“ Seine Wangen waren mit dunklen Flecken bedeckt, und ich spürte, dass er wohl aus Verlegenheit errötete. Ich trat einen Schritt zurück, auch im übertragenden Sinne. „Nein, sorry, vergiss, was ich gesagt habe. Alles, was ich tue, ist mich in die Angelegenheiten der Anderen einzumischen.“ Er schüttelte den Kopf, ungewöhnlich galant. „Du bist zu entzückend, um überzeugend einen Naseweis abzugeben, Melisande. Nein, ich ... Ich bin nur über die Scheidung verärgert.“ Erst dann erkannte ich, dass er nicht ein Taschentuch in der Hand hatte, sondern ein zerknülltes Blatt Papier. „Es ist vorbei. Alle meine Versuche, den Bruch zu kitten, sind gescheitert.“ Für einen Moment musste ich fast lachen. Versuche? Und wie sahen die aus? Obszöne Vorschläge an die einzige junge Frau weit und breit? „Es tut mir leid“, sagte ich voller Unbehagen. „Mir auch.“ Er trat einen weiteren Schritt vor und trat aus dem Schatten. Sein Gesicht war tränenüberströmt, was die schlechte Meinung, die ich mir von ihm gemacht hatte, dementierte. Ich blieb stehen und sah ihn verlegen an. Was sagen Knigges Anstandsregeln über Personen, die gerade eine Scheidung durchleben? Wie sind sie zu trösten? Was soll man sagen, ohne dass man sie verletzt? Ach ja, zu Zeiten des Freiherrn von Knigge gab es noch keine offiziellen Scheidungen. „Ich werde Herrn Mc Laine sagen, dass es dir nicht gut geht“, sagte ich. Er schien in Panik zu geraten. »Nein, nein! Ich bin noch nicht reif für die zivilisierte Welt, und ich fürchte, dass Mc Laine nur eine passende Gelegenheit wartet, um mich für immer von Midnight Rose zu verjagen. Nein, ich brauch nur ein bisschen Zeit, um mich zu fassen und dann komme ich.“ „Dich zu fassen, klar doch“, wiederholte ich ohne jede Überzeugung. Kyle sah wirklich schrecklich aus, zerzauste Haare, das Gesicht von Tränen gerötet, die weiße Uniform zerknittert, als ob er in ihr geschlafen hätte. „Wie du meinst. Also dann, gute Nacht“, verabschiedete ich ihn. Ich wollte mich nur noch so schnell wie möglich in mein Zimmer zurückziehen. Es war ein langer Tag gewesen, schrecklich lange, und ich war nicht in der Stimmung jemanden zu trösten, höchstens mich selbst. Er nickte mir zu, als ob er seiner eigenen Stimme nicht traute. Ich machte einen Abstecher in die Küche, bevor ich nach oben ging. Mir war nicht nach Abendessen und es war meine Pflicht, die nette Mrs. Millian darüber zu informieren. Sie empfang mich mit einem strahlenden Lächeln und deutete auf Topf auf dem Herd. „Ich koche Suppe. Ich weiß, es ist warm, aber wir können uns ja nicht bis September nur von Salat ernähren.“ Schuldgefühle überkamen mich. Feig änderte ich meine Antwort, die mir bereits auf der Zunge lag. „Ich liebe Suppe, ganz egal, ob warm oder nicht.“ Bevor sie zu plappern begann, erzählte ich ihr von Kyle, ließ allerdings die peinlichsten Details außen vor. „Es scheint wirklich sehr verärgert über seine Scheidung zu sein“, stellte ich fest, während ich am Tisch Platz nahm. Sie nickte und rührte weiterhin in der Suppe. „Die Beziehung war zum Scheitern verurteilt. Seine Frau zog vor Monaten nach Edinburgh und es wird gemunkelt, dass sie bereits einen Anderen hat. Sie wissen schon, was böse Zungen so sagen... Er ist sicherlich auch kein Heiliger, aber er ist mit dieser Gegend hier verbunden und wollte das Dorf nicht verlassen.“ Ich nahm den Krug und schenkte mir ein Glas Wasser ein. „Ist das der Grund, warum er nicht von hier weg will?“ Die Haushälterin schöpfte die Suppe in die Teller, und ich fing sofort an gierig zu essen. Ich war hungriger, als ich dachte. „Kyle tut nichts anderes als ständig rumzumäkeln, dass er von diesem Ort, von dem Haus, von Mr. Mc Laine ordentlich die Nase voll hat, aber vom Weggehen sieht er wohlweislich ab. Wer sonst würde ihm eine Anstellung geben?“ Ich starrte sie über den Tellerrand hinweg neugierig an. „Ist er nicht ein qualifizierter Krankenpfleger?“ Die Mc Millian brach ein Brötchen akribisch in zwei Teile. „Das ist er schon, sicherlich, aber er ist mittelmäßig und faul. Sie können sicherlich nicht sagen, dass er sich hier zu Tode arbeitet. Und oft riecht er nach Alkohol. Damit meine ich nicht, dass er ein Trunkenbold sei, aber ...“ Ihre Stimme ließ ihre Ablehnung deutlich werden. „Ich liebe dieses Haus“, sagte ich, ohne nachzudenken. Die Frau war verblüfft. „Wirklich, Miss Bruno?“ Ich senkte meinen Blick auf den Teller, meine Wangen brannten. „Ich fühle mich hier zu Hause“, erklärte ich. Und ich erkannte, dass ich die Wahrheit sagte. Trotz der launischen Höhen und Tiefen meines faszinierenden Schriftstellers fühlte ich mich in diesen Wänden wohl, weit weg von dem erdrückendem Leid meiner Vergangenheit. Die Mc Millian begann erneut los zu plappern, und erleichtert aß ich den Rest meiner Suppe. Mein Verstand lief zweigleisig und uneben, und das Ziel blieb immer, unvermeidlich, Sebastian Mc Laine. Ich war hin- und hergerissen zwischen dem unbändigen Drang wieder von ihm zu träumen, und dem Wunsch die Illusionen einfach hinter mir zu lassen. Ein paar Minuten später, spähte Kyle herein, grimmiger als je zuvor. „Ich hasse Mc Laine von ganzem Herzen“, sagte er. Die Haushälterin unterbrach ihren Satz, um ihn zu rügen. „Schämen Sie sich, schlecht von dem zu reden, der Ihnen zu essen gibt.“ „Es ist besser vor Hunger zu sterben, als mit ihm zu tun zu haben“, war seine wütende Antwort. Die Bitterkeit in seiner Stimme ließ mich erschaudern. Er war kein treuer Diener, das hatte ich schon erkannt, aber sein Hass war fast fühlbar. Kyle öffnete den Kühlschrank und nahm sich zwei Dosen Bier. „Gute Nacht, meine sehr verehrten Damen. Ich gehe auf mein Zimmer und feiere meine Scheidung.“ Ein nervöses Zucken ließ seinen rechten Augenwinkel tanzen. Die Haushälterin und ich schauten uns schweigend an, bis er den Raum verlassen hatte. „Das war wirklich sehr taktlos gewesen so von dem armen Mr. Mc Laine zu sprechen“, waren ihre ersten Worte. Dann schaute sie mich finster an. „Glauben sie, dass er sich umbringen will?“ Ich lachte los, bevor ich mich zurückhalten konnte. „Er scheint mir nicht gerade der Typ dazu zu sein“ beruhigte ich sie. „Das ist wahr! Er ist zu oberflächlich, um tiefere Gefühle für jemanden zu hegen“, sagte sie mit Abscheu. Die Sorge um Kyle löste sich auf wie Tau in der Sonne, und sie ging dazu aufzulisten, warum es ihrer Meinung nach besser ist auf dem Land statt in der Stadt zu leben. Ich half ihr das Geschirr abzuwaschen, und wir zogen uns auf unsere Zimmer zurück. Ich im ersten Stock und sie in einem Raum direkt neben der Küche im Erdgeschoss. Ich wälzte mich hin und her und es dauerte ziemlich lange bis einschlief, dann fiel ich in einen unruhigen Schlaf. Am Morgen fühlten sich meine Wangen von den Tränen gehärtet an, die ich nicht erinnerte in der Nacht vergossen zu haben. In dieser Nacht träumte ich nicht von Sebastian. Am nächsten Tag war Dienstag und Mc Laine war schon am frühen Morgen verärgert. „Heute, pünktlich wie die Maurer, wird McIntosh hier antanzen“, sagte er düster. „Ich kann ihn nicht davon abbringen hier zu erscheinen. Ich habe alles versucht. Ich hab ihm gedroht, ich hab ihn gebeten. Es scheint als würde keiner meiner Versuche zu ihm durchdringen. Der ist noch schlimmer als ein Geier.“ „Vielleicht will er ja nur sicherstellen, dass es Ihnen gut geht“, sagte ich, eigentlich nur um überhaupt etwas zu sagen. Er haftete seinen Blick auf meine Augen, dann brach er in schallendes Gelächter aus. „Melisande Bruno, du bist eine ... Der liebe McIntosh kommt, weil er es für seine Pflicht hält, nicht weil er eine besondere Zuneigung für mich empfindet.“ „Pflicht? Ich verstehe nicht ... Meiner Meinung nach ist seine alleinige Absicht, Sie zu untersuchen. Er muss ein gewisses Interesse daran haben“, sagte ich hartnäckig. Mc Laine verzog das Gesicht. „Meine liebe ... Du wirst doch nicht eine von denen sein, die so naiv sind zu glauben, dass alles ist, wie es scheint? Es ist nicht alles schwarz oder weiß, es gibt es auch grau, nur um eine von vielen zu nennen.“ Ich antwortete nicht, was sollte ich sagen? Dass er die Wahrheit über mich erfahren hat? Dass es für mich wirklich nichts anderes als weiß und schwarz gibt, und zwar so viel, dass es einem schlecht davon wird. „McIntosh hat Schuldgefühle wegen des Unfalls und denkt mit seinen regelmäßigen Besuchen würde er somit Buβe tun, auch wenn mir das nicht gefällt“, fügte er hämisch hinzu. „Schuldgefühle?“ wiederholte ich. „Inwiefern?“ Ein Blitz erleuchtete das Fenster hinter ihm, gefolgt von tosendem Donner. Er sah sich nicht um, als ob er seine Augen nicht von den Meinen lösen könnte. „Da zeichnet sich sintflutartiger Regen ab. Vielleicht wird dies McIntosh davon abhalten, heute zu kommen.“ „Das bezweifle ich. Das ist nur ein Sommergewitter. Eine Stunde und alles ist vorbei“, sagte er pragmatisch. Er sah mich mit einem so intensiven Blick an, dass mir ein Schauer über den Rücken lief. Er war ein seltsamer Mann, aber mit so viel Ausstrahlung, die alle anderen Fehler in den Schatten stellen. „Möchten Sie, dass ich die restlichen Regale aufräume?“ fragte ich nervös, um seinem festen Blick zu entkommen. „Hast du letzte Nacht gut geschlafen, Melisande?“ Die Frage überraschte mich. Er sprach mit einem lockeren Ton, in dem allerdings eine gewisse Dringlichkeit lag, die mir eine ehrliche Antwort abforderte. „Nicht besonders“. „Keine Träume?“ Seine Stimme war hell und klar wie das Wasser eines ruhigen Flusses und ich ließ mich von dem erfrischenden Strom mitreißen. „Nein, heute Nacht nicht.“ „Wolltest du träumen?“ „Ja“, antwortete ich beschwingt. Unser Gespräch war surreal, aber ich war bereit, es unendlich weiterzuführen. „Vielleicht wird es wieder geschehen. Die Stille dieses Ortes ist ideal, um sich in Träume zu schaukeln“, sagte er kühl. Er wendete sich wieder seinem Computer zu und hatte mich schon vergessen. Phantastisch, dachte ich mir und fühlte mich gedemütigt. Er hatte mir, wie einem Hund, einen Knochen zugeworfen, und ich war so dumm gewesen, ihn sofort zu ergreifen, als wenn verhungern müsste. Und ich war wirklich hungrig. Hungrig nach unseren Blicken, nach unseren intensiven Verständnis, nach seinen unerwarteten Lächeln. Ich beugte mich wieder über meine Arbeit. In diesem Moment dachte ich an Monique. Sie verstand es Männern den Kopf zu verdrehen, sie in einem Netz aus Lügen und Träumen zu fangen, ihre Aufmerksamkeit mit vollendetem Geschick zu gewinnen. Ich hatte sie einmal gefragt, wie sie die Kunst der Verführung gelernt hätte. Zuerst antwortete sie. „Das kann man nicht lernen, Melisande. Oder man hat’s oder man kann nur davon träumen.“ Dann drehte sie sich zu mir um und ihr Gesichtsausdruck war etwas weicher geworden. „Wenn du erst mal in mein Alter kommst, dann wirst du schon wissen, was zu tun ist, du wirst schon sehen.“ Jetzt war ich dem besagten Alter, und ich stand noch schlechter da als zuvor. Meine männlichen Bekanntschaften waren immer sporadisch und von kurzer Dauer gewesen. Jeder Mann präsentierte mir immer die gleichen Fragen: Wie heißt du? Was arbeitest du? Was für ein Auto hast du? Sobald sie erfuhren, dass ich keinen Führerschein besaß, beobachteten sie mich wie ein seltenes Tier, als ob ich an einer schrecklichen ansteckenden Krankheit leiden würde. Und ganz bestimmt legte ich gewisse Vertraulichkeiten nicht auf den Tisch. Ich strich mit der Hand über den Einband eines Buches. Es war eine kostbare Ausgabe aus marokkanischem Leder von Jane Austens ‚Stolz und Vorurteil‘. „Ich wette, dass ist dein Lieblingsbuch.“ Ich hob schnell den Kopf. Mc Laine beobachtete mich mit halbgeschlossenen Lidern, ein gefährliches Blitzen inmitten des schwarzen Meers. „Nein“, sagte ich, und ordnete das Buch ins Regal. „Es gefällt mir, aber es ist nicht mein Favorit.“ „Dann ist es ‚Stürmische Höhen‘.“ Er schenkte mir ein unerwartetes atemberaubendes Lächeln. Mein Herz machte einen Sprung, und um ein Haar wäre ich fast ins Leere gefallen. „Auch nicht“, sagte ich und stellte mit Freude fest, dass meine Stimme fest und sicher klang. „Das geht nicht unbedingt gut aus. Wie ich schon sagte, ich liebe Geschichten mit Happy End.“ Er drehte den Rollstuhl, und stellte sich damit mit andachtsvoller Miene nur wenige Schritte von mir entfernt. „‘Überredung‘, auch von Austen. Es geht bestens aus, das kann man nicht leugnen.“ Er versuchte es nicht einmal, das Vergnügen zu verbergen, und auch ich war leidenschaftlich dabei. „Ich gebe zu, es ist nett, aber immer noch weit entfernt. Das Buch lebt vom Warten und ich bin alles andere als gut im Warten. Zu ungeduldig. Ich würde vorher aufgeben oder meinen Wunsch ändern.“ Jetzt war meine Stimme etwas frivol. Ohne dass ich es merkte, war ich tatsächlich dabei mit ihm zu flirten. „Jane Eyre“. Er hatte nicht mit meinem Lachen gerechnet und schaute mich weiterhin verblüfft an. Es dauerte einige Minuten, bevor ich ihm antworten konnte. „Endlich! Ich dachte schon, sie würden nie darauf kommen ...“ Der Schatten eines Lächelns huschte über sein finsteres Gesicht „Da hätte ich sofort darauf kommen müssen. Eine Heldin mit trauriger und einsamer Vorgeschichte, ein Mann mit leidvoller Vergangenheit, ein Happy End nach tausend Nöten. Romantisch. Leidenschaftlich. Realistisch.“ Jetzt lächelte auch sein Mund, ebenso wie die Augen. „Melisande Bruno, bist du dir bewusst, dass du dich in mich verlieben könntest, so wie Jane Eyre in Mr. Rochester, der ganz zufällig auch noch ihr Arbeitgeber ist?“ „Sie sind nicht Mr. Rochester“, sagte ich leise. „Ich bin genauso launisch wie er“ wendete er mit einem halben Lächeln ein und ich konnte nichts anderes tun, als zurückzulächeln. „Das ist wahr. Aber ich bin nicht Jane Eyre“. „Auch wahr. Sie war blass, hässlich, bedeutungslos“, sagte er schleppend. „Niemand, der bei klarem Verstand ist und Augen im Kopf hat, könnte das von dir sagen. Dein rotes Haar kann man schon von weitem sehen“. „Das scheint mit nicht gerade ein Kompliment zu sein ...“, beklagte ich mich scherzhaft. „Wer sich von den anderen abhebt, egal auf welche Weise, ist nie hässlich, Melisande“, sagte er sanft. „Dann bedanke ich mich freundlichst.“ Er grinste. „Von wem hast du diese Haare, Miss Bruno? Von deinen Eltern italienischer Herkunft? " Die Erwähnung meiner Familie legte einen trüben Schleier auf das Glücksgefühl des Augenblicks. Ich löste meinen Blick von ihm und begann wieder die Bücher in die Regale einzuordnen. „Meine Großmutter hatte rote Haare, hat man mir erzählt. Meine Eltern nicht und auch nicht meine Schwester.“ Er kam mit dem Rollstuhl neben meinen Beinen zum Stehen, die durch die Mühe die Bücher einzuordnen, gedehnt waren. Auf diese geringe Entfernung konnte ich seinen zarten Duft einatmen. Eine geheimnisvolle und verführerische Mischung aus Blumen und Gewürzen. „Und was macht eine zierliche Sekretärin mit roten Haaren und italienischen Vorfahren in einem abgelegenen schottischen Dorf?“ „Mein Vater emigrierte, um seine Frau und Tochter zu ernähren. Ich wurde in Belgien geboren.“ Ich versuchte verzweifelt nach einer Möglichkeit, das Thema zu wechseln, aber das war nicht einfach. Seine Nähe verwirrte meine Gedanken, verknotete sie in einem Knäuel, das nur schwer zu entwirren war. „Von Belgien nach London und dann nach Schottland. Und das mit nur zweiundzwanzig Jahren. Du musst zugeben, dass das zumindest außergewöhnlich ist.“ „Lust, die Welt kennenzulernen“, sagte ich zurückhaltend. Ich schaute zu ihm. Die Runzeln auf seiner Stirn verschwanden wie Schnee in der Sonne und machten einer gesunden Neugier Platz. Es gab keine Möglichkeit ihn abzulenken. Draußen tobte ein heftiger Sturm und ein ähnlicher Kampf fand in meinem Inneren statt. Mit ihm zu sprechen war normal, spontan, befreiend, aber ich konnte nicht, ich durfte nicht hemmungslos reden, sonst würde ich es bereuen. „Lust, die Welt kennenzulernen und um dann in dieser abgelegenen Ecke der Welt zu landen?“ Sein Ton war deutlich mit Skepsis durchsetzt. „Du musst mir keine Lügen auftischen, Melisande Bruno. Ich richte dich nicht, auch wenn es so scheinen mag.“ Etwas in meinem Innern zerbrach in Stücke und gab Erinnerungen frei, die ich für immer begraben glaubte. Nur einmal hatte ich jemandem vertraut und das hatte ein schlechtes Ende. Nur das Schicksal hatte eine Tragödie verhindert. Meine Tragödie. „Ich lüge nicht. Auch hier kann man etwas über die Welt lernen“, sagte ich lächelnd. „Ich bin noch nie in den Highlands gewesen. Und außerdem bin ich noch jung, und kann immer noch reisen, anschauen und neue Orte entdecken.“ „Und so schlägst du also vor, abzureisen“. Seine Stimme war hatte nun einen heiseren Ton. Ich drehte mich zu ihm. Ein Schatten hatte sich auf sein Gesicht gelegt. Er hatte etwas Verzweifeltes, Wütendes, Gieriges an sich in diesem Moment. Mir fehlten die Worte und starrte ihn einfach an. Er machte eine schnelle Drehung mit dem Rollstuhl und bewegte sich in Richtung Schreibtisch. „Keine Sorge. Wenn du weiterhin so faul bist, schicke ich dich höchstpersönlich weg und dann kannst du deine Weltreise fortsetzen.“ Seine harten Worte trafen mich fast wie ein Eimer Eiswasser, der auf mich geworfen wurde. Er hielt vor dem Fenster, beide Hände krallten sich an den Rollstuhl, die Schulter war stocksteif. „Sie hatten Recht. Der Sturm ist bereits vorbei. Es gibt also keine Möglichkeit, McIntosh heute zu meiden. Es scheint, dass ich immer alles falsch machte.“ „Oh, schau, ein Regenbogen“. Er rief mich, ohne sich umzudrehen. „Kommen Sie her und sehen Sie selbst, Miss Bruno. Ist es nicht ein faszinierendes Schauspiel? Ich bezweifle, dass Sie schon einmal einen gesehen haben.“ „Doch, ich habe schon mal einen gesehen“, konterte ich und blieb bewegungslos. Ein Regenbogen war das grausame Symbol dessen, was mir zeitlebens verweigert wurde. Die Wahrnehmung von Farben, ihr wunderbares Zusammenspiel, ihr archaisches Geheimnis. Meine Stimme war so zerbrechlich wie eine Eisschicht, meine Schultern noch steifer als seine. Er hatte erneut eine Mauer zwischen uns errichtet, hoch und unüberwindbar. Eine uneinnehmbare Festung. Oder vielleicht war ich diejenige, die es dieses Mal zuerst getan hat. Sechstes Kapitel „Möchtest du mit mir Abendessen, Melisande Bruno?“ Ich starrte ihn mit großen Augen an, weil ich davon überzeugt war, nicht richtig gehört zu haben. Er hatte mich stundenlang ignoriert, und die wenigen Male, die er sich dazu herabgelassen hatte, mit mir zu reden, war er unsympathisch und kalt. Anfangs wollte ich ablehnen, weil ich über sein kindisches und sprunghaftes Verhalten verärgert war, aber dann hatte doch die Neugier gesiegt. Oder vielleicht war es die Hoffnung sein schräges, freundliches und einladendes Lächeln wiedersehen zu dürfen. Ganz egal, aus welchen Gründen auch immer, meine Antwort war: Ja. Mrs. Mc Millian war von der Nachricht so geschockt, dass sie während der ganzen Zeit, in der sie uns das Abendessen servierte, keinen Ton von sich gab, was bei uns Beiden ein stilles Schmunzeln verursachte. Mc Laine hatte sich entspannt und nicht mehr diesen strengen Ausdruck im Gesicht, den ich so zu fürchten gelernt hatte. Unser gemeinsames Schweigen brachen wir erst als die Haushälterin aus dem Raum ging und uns alleine ließ. „Wir haben es tatsächlich geschafft, dass es der guten Millicent die Stimme verschlagen hat... Ich glaube, damit sind wir rekordverdächtig“, bemerkte er mit einem Lachen, das bis ins Innerste meines Herzen drang. „Definitiv“ stimmte ich zu. „Es ist ein wirklich ein titanisches Unterfangen. Ich dachte nicht, dass ich das je erleben würde.“ „Da hast du Recht.“ Er zwinkerte mir zu und griff nach einem Fleischspieß. Das improvisierte Abendessen war informell, aber sehr lecker, und seine Gesellschaft das Einzige, das ich mir hätte wünschen können. Ich versprach mir, nicht das Geringste zu tun, um diese idyllische Atmosphäre zu ruinieren, aber dann fiel mir ein, dass das nicht nur von mir abhing. Mein Gegenüber hatte bereits mehrfach bewiesen, wie einfach es ist ihn, auch ohne ersichtlichen Grund, zu verärgern. In diesem Moment lächelte er, und ich verspürte einen Stich bei dem Gedanken, nicht die genaue Farbe seiner Augen und seiner Haare zu kennen. „Und, Melisande Bruno, gefällt Dir Midnight Rose?“ Mir gefällst du, vor allem, wenn du so unbeschwert und in Frieden mit dir und der Welt bist. Laut sagte ich: „Wem würde es nicht gefallen? Es ist ein Stückchen Paradies, weit weg von Hektik, Stress, Alltagsroutine.“ Er hörte auf zu essen, als ob er sich mit meiner Stimme als Nahrung begnügte. Und auch ich begann etwas langsamer zu kauen, um ja nicht den Zauber, der zerbrechlicher als Glas und schwereloser als ein Blatt im Herbstwind war, zu zerstören. „Für jemanden, der aus London kommt, muss es wohl so sein“, räumte er ein. „Bist du viel gereist?“ Ich führte das Weinglas zum Mund, bevor ich antwortete. „Weniger als mir lieb ist. Aber ich habe eines erkannt: die Welt entdeckt man in den kleinen Ecken, Falten und Furchen, nicht in den großen Städten.“ „Deine Weisheit steht deiner Schönheit in nichts nach“, sagte er ernst. „Und was entdeckst du in diesem sonderbaren schottischen Dorf?“ „Das Dorf habe ich noch nicht gesehen“, erinnerte ich ihn ohne Groll. „Aber Midnight Rose ist ein interessanter Ort. Es kommt mir vor, als ob man hier die Welt anhalten kann, und die Zukunft nicht vermisst.“ Er hörte meinen Worten kopfschüttelnd zu. „Du hast das Wesen dieses Hauses in so wenig Zeit erfasst... Ich habe es bis heute noch nicht geschafft... .“ Ich antwortete nicht, die Furcht die soeben wiedereroberte Intimität zu zerstören, lähmte meine Zunge. Er schaute mich aufmerksam an, so wie er es oft tat, so als ob ich ein Forschungsobjekt auf dem Glasträger und er das Mikroskop wäre. Die nächste Frage war wohl überlegt, aber explosiv und Vorbote einer drohenden Katastrophe. „Hast du Familie, Melisande Bruno? Leben deine Angehörigen noch?“ Es schien nicht eine Frage zu sein, die einfach nur so gestellt wurde. Sie beherbergte ein brennendes und echtes Interesse. Ich überspielte mein Zögern, indem ich noch einen Schluck Wein trank, und in der Zwischenzeit überlegte ich mir die Antwort. Wenn ich erzählen würde, dass meine Schwester und mein Vater noch am Leben sind, hätte dies eine Lawine unangenehmer Fragen losgetreten, denen ich mich im Moment nicht stellen wollte. Ich war realistisch: diese Einladung zum Abendessen hatte er nur ausgesprochen, weil er sich an diesem Abend langweilte und er etwas Abwechslung suchte. Und ich, die noch unbekannte Sekretärin, erfüllte diesen Zweck in geradezu idealer Weise. Es würde ein kein weiteres Abendessen geben. Ich entschied mich für die Unwahrheit, denn sie war leichter und nicht so kompliziert. „Ich bin allein auf der Welt“. Erst als meine Stimme erlosch, wurde mir klar, dass das nicht einmal gelogen war. In meiner Absicht war es eine Lüge, aber wenn man es genau betrachtete, eben doch nicht. Ich war allein, egal was auch passierte. Ich konnte auf niemanden zählen, außer auf mich selbst. Unter dieser Tatsache litt ich so sehr, dass ich beinahe den Verstand verloren hatte, aber dann habe ich mich daran gewöhnt. Es war absurd, traurig, schmerzhaft, aber wahr. Ich hatte mich daran gewöhnt, nicht geliebt zu werden. Unverstanden zu sein. Einsam. Absurderweise schien er über meine Antwort erfreut zu sein, so als ob es die richtige war. Die richtige für was, hätte ich nicht sagen können. Er hob das halbleere Weinglas und prostete mir zu. „Auf was?“ frage ich ihn und erwiderte seine Geste. „Auf dass du weiterhin träumen kannst, Melisande Bruno. Und dass deine Träume wahr werden.“ Seine Augen lächelten mir über das Glas hinweg zu. Ich gab es auf, ihn verstehen zu wollen. Sebastian Mc Laine war ein lebendiges Rätsel, und sein Charisma, seine animalische Anziehungskraft reichten als Antwort aus. In dieser Nacht träumte ich zum zweiten Mal. Die Szene war identisch mit der vorherigen: Ich im Nachthemd, er am Fußende meines Bettes in dunkler Kleidung, vom Rollstuhl keine Spur. Er streckte mir seine Hand entgegen, ein Lächeln hob seine Mundwinkel. „Tanz mit mir, Melisande“. Sein Ton war sanft, süß, geschmeidig wie Seide. Es war eine Aufforderung, kein Befehl. Und seine Augen ... Zum ersten Mal hatten sie einen bittenden Blick. „Träume ich?“ Ich dachte, ich hätte das nur gedacht, stattdessen hatte ich es tatsächlich gefragt. „Nur, wenn du möchtest, dass es ein Traum ist. Andernfalls ist es Realität“, sagte er kategorisch. „Aber Sie können gehen ...“ „Im Traum ist alles möglich“, sagte er und führte mich in einen Walzer, genau wie beim ersten Mal. Eine Woge der Wut erfasste mich. Warum waren in MEINEM Traum die Alpträume anderer Leute nichtig, während mein eigener fortbestand und zwar in seiner heftigsten Vollkommenheit? Es war MEIN Traum, aber er ließ sich nicht zähmen und auch nicht abschwächen. Seine Eigenständigkeit war bizarr und irritierend. Und mit einem Mal hörte ich auf zu denken, es war als ob es wichtiger war in seinen Armen zu versinken, anstatt mich über meine persönlichen Dramen zu ereifern. Er war unverschämt schön, und ich fühlte mich geehrt, dass ich ihn in meinen Träumen haben durfte. Wir tanzten für eine lange Zeit, im Takt mit einer nicht vorhandenen Musik, unsere Körper in perfekter Harmonie. „Ich dachte schon, dass ich nicht mehr träumen würde“, sagte ich und strich mit meiner Hand über seine Wange. Sie war glatt, heiß, fast glühend. Seine Hand nahm meine und unsere Finger verflochten sich. „Auch ich dachte, dass du nicht mehr träumen würdest.“ „Du siehst so echt aus...“, flüsterte ich. „Aber du bist ein Traum ... Du bist zu sanft um etwas anderes zu sein ...“ Er lachte amüsiert und zog mich fester an sich. „Bist du böse auf mich?“ Ich sah ihn schmollend an. „Manchmal würde ich dir gerne eine reinhauen.“ Er schien nicht beleidigt zu sein, eher zufrieden mit dieser Antwort. „Das mache ich absichtlich. Ich liebe es, dich zu necken.“ „Warum?“ „So ist es leichter, dich auf Abstand zu halten“. Der schrille Ton der Pendeluhr drängte sich in den Traum und entfachte eine Unzufriedenheit in mir. Denn er begann erneut sich zurückzuziehen. Wie wenn es ein Signal dafür gewesen wäre. „Bleib bei mir“, bat ich ihn. „Ich kann nicht.“ „Es ist mein Traum und da entscheide ich“, erwiderte ich beleidigt. Er streckte seine Hand aus, um mit einer federleichten Bewegung liebevoll über mein Haar zu streichen. „Die Träume verflüchtigen sich, Melisande. Wir verhelfen ihnen zum Leben, aber sie sind nicht ganz unser Eigen. Sie haben ihren eigenen Willen, und entscheiden, wann sie zu einem Ende kommen.“ Ich trotzte wie ein Kind. „Das gefällt mir nicht.“ Über sein Gesicht huschte ein Anflug einer ungewöhnlichen Schwere. „Das gefällt niemandem, aber die Welt ist die Ungerechtigkeit par excellence.“ Ich habe versucht mich an den Traum zu klammern, aber meine Arme waren zu schwach, und mein Schrei war nur ein Flüstern. Er verschwand so schnell wie beim ersten Mal. Ich fand mich wieder, mit offenen Augen und einem ohrenbetäubenden Lärm, den ich mit Bestürzung als meinen eigenen unregelmäßigen Herzschlag wiedererkannte. Selbst mein Herz machte, was es wollte, es war als ob mir gar nichts mehr angehörte. Ich hatte keinen einzigen Teil meines Körpers mehr unter Kontrolle. Was mich jedoch am meisten bestürzte war, dass selbst mein Geist und meine Gefühle außer Kontrolle geraten waren. Der Brief kam an diesem Morgen an, und hatte die gleiche zerstörerische Wirkung eines Steins, den man in einen ruhenden Teich wirft. Sein Fall endet an einem bestimmten Punkt, aber seine Auswirkungen sind noch lange durch konzentrische immer größer werdende Kreise sichtbar. Meine Stimmung war bestens und ich begann den Tag, indem ich eine Melodie vor mich hin summte. Das war nicht wirklich ich. Mrs. Mc Millian servierte das Frühstück in religiöser Stille, und war äußerst damit beschäftigt so zu tun, als ob sie es kein bisschen interessieren würde, was bei unserem Essen am Abend zuvor geschehen war. Ich beschloss, nicht erst lange um den heißen Brei herumzureden. Ich wollte jegliche Zweifel klären, bevor sie sich ihre eigenen Gewissheiten schaffen würde, die meinem Ruf und vielleicht auch dem von Herrn Mc Laine schädlich sein könnten. Jede sentimentale Hoffnung, die ich ihm gegenüber hegte, war ausschließlich ein Produkt meiner Träume, und ich durfte mich nicht deren verblassenden Herrlichkeit hingeben. “Mrs. Mc Millian ...” “Ja, Miss Bruno?“ Sie bestrich eine Scheibe Toast mit Butter und stellte die Frage, ohne aufzublicken. „Mr. Mc Laine fühlte sich letzte Nacht einsam, und bat mich, ihm Gesellschaft zu leisten. Wenn ich nicht gewesen wäre, hätte er sicher Sie gefragt, oder Kyle“, sagte ich mit fester Stimme. Sie rückte ihre Brille zurecht und nickte. „Natürlich, Miss. Ich hätte nie etwas Schlechtes dabei gedacht. Es ist ganz offensichtlich, dass das nicht häufiger vorkommt.“ Die Überzeugung in ihren Worten ließ mich erschauern, obwohl ihre Aussage sicherlich Sinn machte. Alles in allem, war auch ich davon überzeugt. Es gab keinen Grund zu hoffen, dass der begehrteste Junggeselle in der Region sich in mich verliebt. Er saß im Rollstuhl, er war nicht blind. Meine Welt in schwarz und weiß war der andauernde lebende Beweis meines Andersseins. Ich konnte mir nicht den Luxus erlauben, das zu vergessen. Niemals. Oder sie wäre in tausende Bruchstücke zerborsten. Ich ging die Treppe wie an jedem anderen Tag hinauf. Ich fühlte mich unruhig, trotz der Ruhe, die ich zur Schau trug. Sebastian Mc Laine lächelte schon, als ich die Tür öffnete, und so flog mein Herz geradewegs ins Paradies. Ich hoffte, dass ich es dort nie wieder holen müsste. „Guten Morgen, Sir“, begrüßte ich ihn ruhig. „Wie sind wir heute formell, Melisande“, sagte er tadelnd, als ob wir uns näher gekommen wären als nur ein einfaches gemeinsames Abendessen. Meine Wangen brannten, und ich war mir sicher, dass ich errötete, obwohl ich keine Ahnung von der wirklichen Bedeutung dieser Worte hatte. Rot war eine dunkle Farbe, gleich dem Schwarz in meiner Welt. „Es ist nur aus Respekt Ihnen gegenüber, Sir“, sagte ich und milderte meinen formellen Ton mit einem Lächeln. „Ich habe nicht unbedingt viel dazu getan, um Respekt von Dir zu verdienen“, sinnierte er. „Im Gegenteil, ich bin dir sicherlich manchmal unausstehlich vorgekommen.“ „Nein, Sir“, antwortete ich, während ich mich auf einem Minenfeld bewegte. Die Gefahr, seinen Zorn zu entfachen, lauerte überall, bei jedem unserer verbalen Schlagabtausche, und ich durfte nicht unachtsam werden. Auch wenn mein Herz dies bereits getan hatte. „Erzähle mir keine Märchen. Das ertrage ich nicht“, gab er zurück mit seinem wunderbaren Lächeln. Ich setzte mich ihm gegenüber und bereitete mich auf die Aufgaben vor, für die ich bezahlt wurde. Mich in ihn zu verlieben war sicherlich nicht eine von ihnen. Ganz außer Frage. Er deutete auf einen Stapel Post auf seinem Schreibtisch. „Trenn‘ bitte die Post zwischen privaten und geschäftlichen Angelegenheiten.“ Seinen Blick von seinen mit einer unbekannten Zärtlichkeit erfüllten Augen abzuwenden, war nicht einfach. Ich spürte sie weiterhin auf mir ruhen, heiß und unwiderstehlich, und ich hatte große Mühe mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ein Brief erregte meine Aufmerksamkeit, weil kein Absender verzeichnet war, und ich die Handschrift auf dem Umschlag kannte. Und da das noch nicht genügte, der Empfänger war nicht mein geliebter Schriftsteller, sondern ich selbst. Wie gelähmt hielt ich den Umschlag in den Fingern, während sich in meinem Kopf widersprüchliche Gedanken breit machten. „Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“ Ich hob meinen Kopf und unsere Blicke trafen sich. Er starrte mich aufmerksam an, und ich merkte, dass er dies schon die ganze Zeit getan hatte. „Nein, ich ... Es ist alles in Ordnung ... Es ist nur…“ Und plötzlich befand ich mich in einem Labyrinth, einem Dilemma: soll ich es ihm von dem Brief sagen oder nicht? Wenn ich nichts sagte, bestände die Gefahr, dass es Kyle ihm später erzählen würde. Er übernahm normalerweise die Post und legte sie ihm auf den Schreibtisch. Oder vielleicht hatte er es gar nicht bemerkt, dass ein Brief einen anderen Empfänger hatte. Konnte ich darauf hoffen und den Brief zu einem späteren Zeitpunkt zur Seite legen? Nein, unmöglich. Mc Laine war zu analytisch und es entging ihm nichts. Das Gewicht meiner Lüge trat zwischen uns. Er streckte seine Hand aus und brachte mich so in starke Bedrängnis. Er spürte meine Unentschlossenheit, und verlangte es mit seinen eigenen Augen zu sehen. Mit einem schweren Seufzer reichte ich ihm den Umschlag. Er löste seinen Blick von mir für nur eine Sekunde, gerade lang genug, um den Namen auf dem Umschlag zu lesen, dann sah er mich erneut an. Die Feindseligkeit spiegelte sich in seinen Augen wieder, ein Gefühl so dick wie Nebel, klamm wie Blut, schwarz wie Misstrauen. „Wer schreibt dir, Melisande Bruno? Ein Verlobter in der Ferne? Ein Verwandter? Ah, nein, wie dumm von mir. Du hast mir ja gesagt, dass sie alle tot sind. Und? Vielleicht ein Freund?“ Er spielte mir den Ball zu und ich ergriff ihn ohne zu Zögern und fuhr mit meiner Lüge fort. „Das wird meine ehemalige Mitbewohnerin sein. Jessica. Ich wusste, dass sie mir schreiben würde, ich hatte ihr die Adresse gegeben“, sagte ich und war selbst davon überrascht, wie die Worte so natürlich und doch so falsch aus meinem Mund flossen. „Dann lies ihn doch. Du wirst es doch kaum erwarten können. Mach dir keine Sorgen, Melisande.“ Seine Stimme war honigsüß mit einem Spritzer erschreckender Grausamkeit. In diesem Moment wurde mir klar, dass mein Herz noch da war, entgegen meiner früheren Annahme. Es war aufgebläht, synkopisch, vom Rest meines Körpers losgelöst. Genauso wie mein Geist. „Nein ... es ist nicht so dringend ... später, vielleicht ... Ich meine ... Jessica wird keine große Neuigkeiten haben ...“, stammelte ich und versuchte seinen eisigen Blick zu vermeiden. „Ich bestehe darauf, Melisande.“ Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir die Süße von Gift bewusst, seinem betörenden Duft und seinem trügerischen Charme. Denn seine Stimme und sein Lächeln offenbarten seine Wut nicht. Nur seine Augen verrieten ihn. Ich nahm den Umschlag mit den Fingerspitzen, so als ob ich mich dadurch infizieren könnte. Er wartete. In diesen bodenlosen Augen war ein Hauch von sadistischem Vergnügen zu erkennen. Ich steckte den Umschlag in meine Tasche. „Er ist von meiner Schwester.“ Die Wahrheit entwich aus meinem Mund, und ich fühlte mich befreit, auch weil es sicherlich keinen Weg gab, sie zu vermeiden. Er schwieg und ich setzte tapfer meine Erklärung fort. „Ich weiß, dass ich gelogen habe, über meine Familie, aber ... Ich bin wirklich allein in der Welt. Ich…“. Meine Stimme versagte. Ich versuchte es noch einmal. „Ich weiß, dass es falsch war, aber ich wollte nicht über sie reden.“ „Sie?“ „Ja. Mein Vater ist auch noch am Leben. Aber nur, weil sein Herz noch schlägt.“ Meine Augen beschlugen sich mit Tränen. „Er vegetiert eigentlich nur noch vor sich hin. Er ist Alkoholiker im letzten Stadium und erinnert sich nicht einmal daran, wer wir sind. Monique und ich, meine ich.“ „Es war dumm von Ihnen zu lügen, Miss Bruno. Hatten sie nicht daran gedacht, dass Ihnen Ihre Schwester schreiben würde? Oder vielleicht sind sie einfach untergetaucht, um sich nicht um Ihren Vater kümmern zu müssen, und die ganze Last jemand anderem aufzubürden?“ Die Stimme erklang im Arbeitszimmer so tödlich wie ein Gewehrschuss. Ich schluckte meine Tränen hinunter und starrte ihn trotzig an. Ich hatte gelogen, das war nicht zu leugnen, aber er stellte mich wie ein verwerfliches Etwas dar, das es weder verdient hat zu leben, noch respektvoll behandelt zu werden. „Ich erlaube Ihnen nicht, über mich zu urteilen, Mr. Mc Laine. Sie wissen nichts über mein Leben, oder über die Gründe, warum ich gelogen habe. Sie sind mein Arbeitgeber, und nicht mein Richter und umso weniger mein Henker“. Die gewagte Ruhe, mit der ich gesprochen hatte, überraschte mehr mich selbst als ihn, und ich legte meine Hand auf den Mund, der scheinbar an meiner Stelle geredet hatte, losgelöst vom Geist, mit der Eigenständigkeit, die auch mein Herz oder meine Träume von mir trennte. Ich stand schnell auf und warf den Stuhl nach hinten um. Ich hob ihn mit zitternden Händen auf, mein Geist befand sich in katatonischer Starre. Ich war schon an der Tür angekommen, als er mit eiskalter Härte sprach. „Nehmen Sie den Rest des Tages frei, Miss Bruno. Sie kommen mir ziemlich aufgewühlt vor. Wir sehen uns morgen.“ Ich erreichte mein Zimmer wie in Trance, und rannte ins angrenzende Bad. Hier wusch ich mein Gesicht mit kaltem Wasser, und studierte mein Spiegelbild. Das war zu viel. Das ganze Schwarz und Weiß, das mich umgab, war noch furchterregender als ein Leichentuch. Ich fühlte mich gefährlich nahe einem Abgrund balancieren. Mich erschreckte der Gedanke zu fallen kein bisschen. Ich war schon so oft gefallen, und ich bin immer wieder aufgestanden. Meine Haut und mein Herz waren mit Millionen von unsichtbaren und schmerzhaften Narben übersät. Ich hatte Angst, den Verstand zu verlieren, die Klarheit, die mich bis dahin am Leben erhalten hatte. In diesem Fall würde ich eher den Abgrund hinunterstürzen. Die nicht vergossenen Tränen zerwühlten meine Eingeweide und machten mich fix und fertig. Ich fühlte mich wie ein Zombie, wie der Protagonist in einem der Romane von Mc Laine. Meine Hand tastete in der Tasche meines Tweedrocks, in die ich den Moniques Brief gesteckt hatte. Was immer sie auch wollte, ich konnte es nicht noch weiter hinausschieben. Ich zog ihn heraus und trug ihn ins Schlafzimmer. Er war so schwer wie ein Sack Zement, und ich war versucht ihn nicht zu öffnen. Sein Inhalt kann nur eines bedeuten: Leid. Ich dachte, ich wäre stark, bevor ich nach Midnight Rose kam. Da war ich wohl völlig danebengelegen. Ich war alles andere als stark. Meine Hände handelten nach ihrem eigenen Willen, ich selbst war nur noch eine Marionette. Sie rissen den Umschlag auf und zogen das darin enthaltene Blatt Papier heraus. Es waren nur wenige Worte, was so typisch für Monique war. Liebe Melisande, Ich brauche mehr Geld. Ich danke Dir dafür, dass Du mir welches aus London geschickt hast, aber es reicht nicht aus. Kannst Du diesen Schriftsteller nicht um einen Vorschuss auf Dein Gehalt bitten? Sei nicht schüchtern und habe keine Skrupel. Ich habe gehört, dass er sehr reich ist. Im Grunde ist er schließlich nur ein Behinderter, den man leicht beeinflussen kann. Mach schnell. Deine Monique. Ich weiß nicht, wie lange ich auf den Brief starrte, vielleicht ein paar Minuten, vielleicht Stunden. Plötzlich verlor alles an Bedeutung, so als ob mein Leben nur als Anhängsel von Monique und meinem Vater einen Sinn hatte. Ich hätte gewollt, dass sie beide sterben, und dieser schreckliche Gedanke, der nur einen Augenblick aufblitzte, erfüllte mich mit Entsetzen. Monique hatte versucht, mich zu lieben, natürlich auf ihre eigene egoistische Art und Weise. Und mein Vater ... na ja, die schönen Erinnerungen an ihn waren so spärlich, dass sie mir die Kehle zuschnürten. Aber er war immerhin mein Vater. Derjenige, der mir das Leben geschenkt hatte, und dann sich dazu berechtigt fühlte, es mit Füssen zu trampeln. Ich faltete den Brief langsam mit übertriebener Sorgfalt und Aufmerksamkeit zusammen. Dann schloss ich ihn in die Schublade meines Nachtkästchens. Geld. Monique brauchte Geld. Schon wieder. Ich hatte alles verkauft, was ich in London besaß, was in der Tat sehr wenig war, um ihr zu helfen, und schon nach wenigen Wochen waren wir wieder am Ausgangspunkt angelangt. Ich wusste, dass Vaters Pflege teuer war, aber jetzt bekam ich es tatsächlich mit der Angst zu tun. Wenn Sebastian Mc Laine mir kündigen würde - und Gott allein weiß, ob er außer zum eigenen Vergnügen noch andere gute Gründe dafür hatte – stände ich auf der Straße. Wie konnte ich nur, nach alldem was geschehen war, ihn um einen Vorschuss bitten? Schon allein der Gedanke daran, ließ mich ermüden. Monique hatte nie zu viele Skrupel, sie hatte diese beneidenswerte Dreistigkeit, aber ich war anders. Kommunikation war nicht gerade meine Stärke, um Hilfe zu bitten gar unmöglich. Ich hatte zu viel Angst, abgelehnt zu werden. Nur einmal hatte ich es getan und ich kann mich immer noch an den Geschmack des Neins erinnern, an das Gefühl der Ablehnung, das Geräusch der Tür, die mir ins Gesicht geschlagen wurde. „Kyle ist wirklich ein Faulpelz. Er ist heute Nachmittag mit dem Auto verschwunden und erst vor einer halben Stunde zurückgekehrt. Herr Mc Laine ist außer sich. Diesem Nichtsnutz sollte man in den Hintern treten, sage ich Ihnen. Den armen Mann ohne Hilfe lassen!“ Mrs. Mc Millians Stimme war voller Verachtung, als ob Kyle ihr persönlich ein Unrecht zugefügt hätte. Ich stocherte weiterhin mit meiner Gabel im Essen, ohne auch nur ein bisschen Appetit zu verspüren. Die Gouvernante redete weiter, ausschweifend wie immer, und bemerkte es nicht. Ich lächelte ihr gezwungen zu und zog mich in das finstere Gewühl meiner Gedanken zurück. Wie sollte ich das Geld auftreiben? Nein, ich hatte keine andere Wahl. In zwei Wochen würde ich mein Gehalt ausgezahlt bekommen. Monique musste eben warten. Ich hätte ihr alles geschickt, in der Hoffnung, dass das nicht unvorsichtig war. Das Risiko, fristlos entlassen zu werden, war erschreckend real. Herr Mc Laine war ein unberechenbarer Mann mit einem einzigartigen und offensichtlich unzuverlässigen Temperament. Ich zog mich auf mein Zimmer zurück, wo ich so verstört ankam, dass ich weder weinen noch still stehen konnte. Ich ging zu Bett in der Hoffnung, dass mich der Schlaf überkommen würde, aber das dauerte ziemlich lang. Inzwischen hatte ich keine Kontrolle mehr über irgendetwas, ich war von meinem eigenen Körper ausgeschlossen. Es ist sicherlich nicht nötig zu sagen, dass ich in dieser Nacht nicht geträumt habe. Siebtes Kapitel Das Brummen in meinem Kopf war wie eine brodelnde schwarze Masse, die mich ohne Ausweg umschloss. Der Empfang von Mc Laine war nicht so eisig wie ich erwartet hatte, vielleicht, weil er mich einfach ignorierte, nicht einmal meinen Gruß erwiderte er. Den ganzen Morgen tat er so, als ob ich nicht da wäre, und ich wurde von meinem eigenen Unglück verschlungen. „Verdammt! Verfluchter Computer!“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch, und verfehlte den PC nur um Haaresbreite. Ich versuchte ganz natürlich mit ihm zu sprechen. „Stimmt irgendwas nicht?“ Er grinste, ohne mich anzusehen. „Irgendwas? Nichts stimmt. Gar nichts.“ Ich schwieg und wartete auf seine Erklärung. „Er funktioniert nicht mehr, verdammt noch mal!“ Er sprach mit einem grimmigen Tonfall und deutete auf den Computer. Ich stellte mich unbeholfen neben ihn und versuchte, ihm zu helfen, auch wenn ich nur über minimalste technologische Kenntnisse verfügte. Er protestierte nicht, als ich mich hinabbeugte, um auf den Bildschirm zu sehen. Ich fühlte seine Blick auf mir, und seinen Atem, der so nahe war, dass er mir die Wange wärmte. Schnell wie eine Gazelle richtete ich mich wieder auf und ging zu meiner Seite des Tisches zurück, wobei ich über meine eigenen Füße stolperte. „Möchten Sie, dass ich einen Techniker rufe?“ schlug ich leise vor. „Versuchen Sie bitte das Licht anzuschalten.“ Meine Finger betätigten mehrmals den Lichtschalter, ohne Ergebnis. „Stromausfall.“ Sein Blick schoss in meine Richtung. „Das ist nicht das erste Mal. Wir sind hier nicht in London, Miss Bruno. Wir sind eher Höhlenbewohner. Vielleicht sollten Sie in die Metropole zurückkehren.“ Dieser Vorschlag schnürte mir die Kehle zu. Wenn er mich fortjagen würde... Meine Lippen öffneten sich leicht, gaben aber keinen Ton von sich. Ich war zu feige, um meinen Ängsten Ausdruck zu geben. Er griff nach einem Notizbuch mit glänzendem Einband, seine Haltung war aggressiv. „Ich werde nicht zulassen, dass die Moderne über die Vergangenheit siegt. Ich habe gerade eine Inspiration, da kann ich keine wertvolle Zeit verlieren.“ Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=40208863&lfrom=334617187) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.
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