Сетевая библиотекаСетевая библиотека

Die hochzeit von Lyon. Novellen / Свадьба в Лионе. Новеллы. Книга для чтения на немецком языке

Die hochzeit von Lyon. Novellen / Свадьба в Лионе. Новеллы. Книга для чтения на немецком языке
Die hochzeit von Lyon. Novellen / Свадьба в Лионе. Новеллы. Книга для чтения на немецком языке Стефан Цвейг Л. М. Бузинова Originallektüre Deutsch Стефан Цвейг (1881–1942) – австрийский писатель, мастер психологической новеллы и портрета. В книге представлены наиболее интересные и значимые произведения из творчества автора, среди которых знаменитые новеллы «Свадьба в Лионе» и «Смятение чувств». Оригинальный текст снабжен постраничными комментариями и словарем. Stefan Zweig / Стефан Цвейг Die hochzeit von Lyon. Novellen / Свадьба в Лионе. Новеллы. Книга для чтения на немецком языке © КАРО, 2007 Die Hochzeit von Lyon Am zwölften November 1793 brachte Barrere im französischen Nationalkonvent gegen das abtrünnige und endlich erstürmte Lyon jenen tödlichen Antrag ein, der mit den lapidaren[1 - lapidar (oft überraschend) – kurz und präzise formuliert = prägnant] Worten endigte: „Lyon bekämpfte die Freiheit, Lyon ist nicht mehr.“ Die Gebäude der volksaufrührerischen Stadt sollten, so forderte er, dem Erdboden gleichgemacht, seine Monumente in Asche verwandelt und selbst der Name ihr genommen werden. Acht Tage zögerte der Konvent, so völliger Vernichtung der zweitgrößten Stadt Frankreichs zuzustimmen, und selbst nach der Unterzeichnung führte der Volksbeauftragte Couthon, des geheimen Einverständnisses Robespierres gewiss, jenen herostratischen Befehl nur lässig aus. Um der Form zu genügen, versammelte er mit großem Pomp das Volk auf dem Platz von Bellecourt und klopfte mit silbernem Hammer symbolisch gegen die der Vernichtung bestimmten Häuser, aber nur zögernd brach dann der Spaten in die herrlichen Fassaden ein, und die Guillotine[2 - Guillotine die; -, -n; – eine Maschine, mit der (besonders zur Zeit der Französischen Revolution) durch ein herabfallendes Beil Menschen der Kopf abgeschlagen wurde] übte noch sparsam ihren dumpf dröhnenden Niederfall. Von dieser unerwarteten Milde beruhigt, begann die vom Bürgerkrieg und monatelanger Belagerung grausam erregte Stadt schon wieder ersten Atem der Hoffnung zu wagen, als plötzlich der human zögernde Tribun abberufen wurde und statt seiner Collot d’Herbois und Fouché in Ville Affranchie – denn so hieß von nun ab Lyon in den Dekreten der Republik – mit der Schärpe der Volksbeauftragten geschmückt erschienen. Nun wurde über Nacht, was bloß als pathetisch abschreckendes Dekret[3 - Dekret das; -(e)s, -e; veraltend – eine offizielle Verordnung von einer Behörde] vermeint war, grimmige Wirklichkeit. „Man hat hier bisher nichts getan“, meldete ungeduldig, die eigene patriotische Energie zu erweisen und den milderen. Vorgänger zu verdächtigen, der erste Bericht der neuen Tribunen an den Konvent, und sofort setzten jene furchtbaren Exekutionen ein, an die sich Fouché, der „mitrailleur de Lyon“, als späterer Herzog von Otranto und Verteidiger aller legitimen Prinzipien nur ungern mehr erinnern ließ. Statt des langsam aufmörtelnden Spatens sprengten jetzt Pulverminen reihenweise die herrlichsten Gebäude nieder, statt der „unzuverlässigen und unzulänglichen“ Guillotine erledigten Massenfusilladen und Kartätschen Hunderte von Verurteilten mit einer Salve. Geschärft durch täglich neue und schneidende Dekrete mähte die Justiz weitausholend wie eine Sense Tag um Tag ihre riesige Menschengarbe; längst schon besorgte die rasch wegschwemmende Rhone das zu langsame Geschäft des Einsargens und Gräbergrabens, längst genügten die Gefängnisse nicht mehr für die Fülle der Verdächtigen. So wurden die Keller der öffentlichen Gebäude, Schulen und Klöster den Verurteilten zum Aufenthalt bestimmt, freilich zu flüchtigem bloß, denn die Sense hieb rasch zu, und selten wärmte das gleiche Stroh denselben Leib mehr als eine einzige Nacht. Zu so tragisch verkürzter Gemeinsamkeit war an einem scharffrostigen Tage jenes blutigen Monats wieder ein Trupp Verurteilter in die Keller des Stadthauses getrieben worden. Mittags hatte man sie Mann für Mann vor die Kommissare geführt und in fliegendem Fragespiel ihr Schicksal erledigt; nun saßen die vierundsechzig Verurteilten, Frauen und Männer, wirr durcheinander in dem niedergewölbten, nach Weinfässern und Moder dünstenden Dunkel, das im Vorderraum ein kärgliches Kaminfeuer eher durchfärbte als durchwärmte. Die meisten hatten sich lethargisch[4 - lethargisch – teilnahmlos] auf ihre Strohsäcke hingeworfen, andere schrieben an dem einzig bewilligten Holztisch bei wackeligem Wachslicht hastige Abschiedsbriefe, wussten sie doch, dass ihr Leben eher zu Ende sein würde als die im kalten Räume blauschauernde Kerze. Keiner von ihnen aber sprach anders als flüsternd, und so dröhnte deutlich in die gefrorene Stille von der Straße her die dumpfe Explosion der Minen und das rasch ihr folgende Niederkrachen der Häuser. Doch schon war durch die schmetternde Geschwindigkeit der Geschehnisse alle Fähigkeit des Gefühls und des deutlichen Denkens den Geprüften genommen; reglos und wortlos lehnten die meisten im Dunkel wie in einem Vortraum ihres Grabes, nichts mehr erwartend und mit keiner Regung mehr dem Lebendigen zugewandt. Da dröhnte gegen die siebente Abendstunde plötzlich energischharter Schritt an der Türe, Kolben klirrten, der rostige Riegel[5 - Riegel der; -s, -; – ein Stab aus Metall oder Holz, den man vor etwas schiebt, um es so zu sichern] kreischte zurück. Unwillkürlich schreckten alle auf: sollte gegen die triste Gewohnheit einer sonst verstatteten Nacht schon jetzt ihre Stunde gekommen sein? Im kalten Luftzug der aufgerissenen Tür sprang die Flamme blau von der Kerze, als wollte sie dem wächsernen Leib entfliehen, und mit ihr aufzuckend warf Angst sich dem Unbekannten entgegen. Aber bald beruhigte sich der jäh aufgerissene Schrecken, brachte der Kerkermeister doch nichts als einen neuen nachträglichen Schub Verurteilter, etwa zwanzig an der Zahl, die er wortlos und ohne ihnen im überfüllten Raum besonderen Platz anzuweisen, die Treppe herabführte. Dann stöhnte die schwereiserne Tür wieder zu. Unfreundlich blickten die Gefangenen den Ankömmlingen entgegen, denn dies Seltsame ist ja der menschlichen Natur zu eigen, überall eilig sich einzupassen und selbst im Flüchtigen sich zu Hause zu fühlen wie in einem Recht. So betrachteten die früher Gekommenen den dumpfen modrigen Raum, den schimmeligen Strohsack, den Platz um das Feuer unwillkürlich schon als ihr Eigentum, und jeder der Neueingelangten erschien ihnen ein unberufener und schmälernder Eindringling. Die eben Eingelieferten wiederum mochten jene kalte Feindseligkeit ihrer Vorgänger, so unsinnig sie auch in tödlicher Stunde war, deutlich empfunden haben, denn – sonderbar – sie wechselten mit den Schicksalsgenossen weder Gruß noch Wort, forderten nicht Teil an Tisch und Stroh, sondern drückten sich nur wortlos und mürrisch in eine Ecke. Und war vordem die Stille schon grausam über dem Gewölbe gelegen, so mutete sie nun noch finsterer an durch diese Gespanntheit eines sinnlos herausgeforderten Gefühls. Um so klingender, heller und gleichsam wie von anderer Welt hereingeschlagen fuhr nun plötzlich ein Schrei diese Stille durch, ein heller, beinahe zuckender Schrei, der unwiderstehlich selbst den Teilnahmslosesten aus Ruhe und Gedrücktheit riss. Ein Mädchen, neu angekommen mit den anderen, plötzlich und ruckhaft war sie aufgesprungen, und sie war es auch, die sich, die Arme wie eine Stürzende vorgebreitet, mit dem zuckenden Ruf „Robert, Robert“ einem jungen Menschen entgegenwarf, der abseits von den ändern an dem Fenstergitter gelehnt hatte und nun seinerseits ihr entgegenfuhr. Und schon loderten wie zwei Flammen eines Feuers diese beiden jungen Gestalten Körper an Körper, Mund an Mund sich entgegen, so innig zusammenbrennend, dass die jäh ausströmenden Tränen der Entzückung eine des anderen Wangen überströmten und ihr Schluchzen wie aus einer einzigen berstenden Kehle drang. Wenn sie sich ließen für einen Augenblick, ungläubig, sich wirklich zu fühlen und vom Übermaß des Unwahrscheinlichen erschreckt, so schlug im nächsten Augenblick schon wieder neue Umfangung sie womöglich noch glühender zusammen. Sie weinten und schluchzten und sprachen und schrien in einem Atem, ganz mit sich allein im Unendlichen des Gefühls und vollkommen achtlos der Mitgefährten, die erstaunt und durch dieses Staunen belebt sich ungewiss den beiden näherten. Das junge Mädchen war mit Robert de L., dem Sohn eines hohen Magistratsbeamten[6 - Magisterbeamte der; -(e)s, -e; – der Beamte einer Behörde, der eine Stadt oder eine Gemeinde verwaltet], seit Kindheit erst befreundet, seit Monaten dann verlobt gewesen. Schon war in der Kirche ihr Aufgebot erfolgt und gerade jener blutige Tag, da die Truppen des Konvents in die Stadt einbrachen, ihrer Vermählung bestimmt, da gebot es die Pflicht ihrem Verlobten, der in der Armee Percys gegen die Republik gekämpft hatte, den Royalisten-General bei seinem verzweifelten Durchbruch zu begleiten. Wochenlang blieb dann jede Nachricht von ihm aus, und schon wagte sie zu hoffen, er habe sich glücklich über die Schweizer Grenze gerettet, als plötzlich ein Stadtschreiber ihr meldete, Angeber hätten sein Versteck auf einem Gehöfte ausgekundschaftet, und gestern sei er dem Revolutionstribunal überliefert worden. Kaum hatte das kühne Mädchen von der Gefangennahme und zweifellosen Verurteilung ihres Verlobten erfahren, als sie mit jener magisch unbegreiflichen Energie, welche die Natur Frauen in Augenblicken höchster Gefahr zuteilt, das Unmögliche durchsetzte, persönlich bis zu dem unnahbaren Volksbeauftragten vorzudringen, um dort Gnade für ihren Verlobten zu erbitten. Collot d’Herbois, dem sie zuerst sich zu Füßen warf, hatte sie herb abgewiesen, er kenne keine Gnade für Verräter. Darauf war sie zu Fouché geeilt, der nicht minder hart als jener, aber verschlagener in den Mitteln, sich der Rührung, die ihn beim Anblick dieses verzweifelten jungen Mädchens übermannte, dadurch erwehrte, dass er log, gern hätte er zugunsten ihres Verlobten eingegriffen, aber er sehe – und dabei warf der geübte Seelenbetrüger einen lockern Blick durch das Lorgnon auf irgendein gleichgültiges Blatt, dass schon heute vormittag Robert de L. auf den Feldern von Brotteaux füsiliert worden sei. Die Täuschung des jungen Mädchens gelang dem Listigen vollkommen: sie glaubte sofort ihren Bräutigam tot. Aber statt einem wehrlosen Schmerz sich weibisch hinzugeben, riss sie, gleichgültig gegen ihr nun sinnloses Leben, die Kokarde sich aus dem Haar, trat sie mit Füßen, nannte lautschreiend, dass es durch alle offenen Türen dröhnte, Fouché und seine rasch herbeigeeilten Leute erbärmliche Blutsäufer, Henker und feige Verbrecher. Und noch während die Soldaten sie fesselten und aus dem Zimmer schleppten, konnte sie bereits hören, wie Fouché ihren Verhaftungsbefehl seinem pockennarbigen Sekretär diktierte. Dies alles habe sie – so erzählt die Leidenschaftliche beinahe freudig den Umstehenden – aber nicht mehr als wirklich und wesenhaft empfunden, im Gegenteil, ein rauschendes Gefühl der Befriedigung hätte sie bei dem Gedanken erfasst, rasch dem hingerichteten Bräutigam folgen zu dürfen. Bei dem Verhör habe sie auf alle Fragen gar nicht mehr Antwort gegeben, so stark hätte sie schon innen das Gefühl des nahen Endes mit Freude durchklungen, ja, sie habe nicht einmal die Augen recht erhoben, als man sie mit jenem verspäteten Trupp hier ins Gefängnis hineinstieß. Denn was hätte sie in dieser Welt noch weiter beschäftigen können, da sie ihren Geliebten tot wusste und sich selbst ihm in diesem Tode schon selig nah. Darum habe sie sich auch vollkommen anteilslos in die Ecke gelagert, bis ihr Blick, kaum der Dunkelheit gewöhnt, von der Haltung eines jungen Menschen befremdet worden sei, der nachdenklich am Fenster lehnte, ganz sonderbar ähnlich der Art, mit der ihr Verlobter vor sich hinzublicken pflegte. Gewaltsam habe sie sich verboten, einer so sinnlos trügerischen Hoffnung nachzugeben, immerhin aber sei sie aufgestanden. Und gerade in diesem Augenblick sei jener fast gleichzeitig an den Lichtkreis der Kerze herangetreten. Sie verstehe aber nicht, fügte sie in noch nachhallender Erschütterung bei, dass sie nicht gestorben sei in jener schneidenden Sekunde des Erschreckens, denn sie habe deutlich gefühlt, dass das Herz wie ein Lebendiges ihr aus der Brust sprang, als sie plötzlich ihn, den längst Aufgegebenen, vor sich lebendig sah. Während sie dies in fliegender Eile erzählte, ließ nicht für einen Augenblick ihre Hand jene des Geliebten. Unverwandt, gleichsam noch immer ungewiss seiner Gegenwart, drängte sie immer wieder von neuem in seine Umfangung zurück, und dieser rührende Anblick jugendlicher Innigkeit erschütterte auf wunderbare Weise ihre Schicksalsgenossen. Eben noch lethargisch, müde, gleichgültig und jeder Empfindung verschlossen, umdrängten sie nun auf einmal das so sonderbar vereinigte Paar mit leidenschaftlicher Lebhaftigkeit. Jeder vergaß über diesem außerordentlichen sein eigenes Geschick, jeder gab willig dem strömenden Bedürfnis nach, ihnen ein Wort der Teilnahme, der Zustimmung oder auch des Mitleids zu sagen, aber in einer Art rauschhaftem Stolz wehrte das feurige Mädchen jedes Bedauern ab. Nein, sie sei glücklich, restlos glücklich, da sie nun wisse, dass sie zu gleicher Stunde mit ihrem Geliebten sterbe und keiner den ändern betrauern müsse. Und nur eines mindere ihr Glück, dass sie mit noch fremdem Namen und nicht als seine angetraute Frau gemeinsam mit ihm vor Gott hintreten könne. Sie hatte dies ausgesprochen, vollkommen arglos und absichtslos und beinahe des Gesprochenen schon vergessen, immer wieder sich der Umfangung des Geliebten hingebend; deshalb wurde sie auch nicht gewahr, dass, von diesem ihrem Wunsche tiefbewegt, unterdessen ein Kriegskamerad Roberts vorsichtig zur Seite schlich und mit einem älteren Mann leise zu flüstern begann. Jenen aber schienen die zugeflüsterten Worte sehr zu erschüttern, denn sofort raffte er sich empor und mühte sich zu den beiden hin. Er wäre, wandte er sich ihnen zu, was seine bäuerliche Kleidung wohl nicht erkennen lasse, ein eidverweigernder Priester aus Toulon und sei erst hier infolge einer Denunziation[7 - Denunziation die – eine Anzeige in der Polizei, dass jemand eine Straftat begangen hat (besonders in einem totalitären Staat aus politischen Gründen)] festgenommen worden. Aber wenn das priesterliche Gewand ihm jetzt fehle, so fühle er doch unverändert in sich sein Amt und seine priesterliche Macht. Und da der beiden Aufgebot längst erfolgt sei, andererseits das Urteil einen Aufschub nicht verstatte, so wolle er sich gerne unterfangen, ihr durchaus redliches Begehren sofort zu erfüllen und sie hier vor der Zeugenschaft ihrer Mitgefährten und jenes allerorts gegenwärtigen Gottes ehelich zu vereinigen. Erstaunt von dieser nochmaligen und nie erhofften Wunscherfüllung blickte das junge Mädchen fragend ihren Verlobten an. Der antwortete nur mit einem strahlenden Blick. Da beugte das junge Mädchen ihre Knie auf die harten Fliesen, küsste die Hand des Priesters und bat, auch in diesem unwürdigen Räume die Vermählung zu vollziehen, denn sie fühle sich reines Sinnes und ganz von der Heiligkeit der Stunde erfüllt. Die ändern, tieferschüttert, dass dieser dumpfe Todesraum für einen Augenblick zur Kirche werden sollte, wurden unwillkürlich von der Erregung der Braut berührt und verdeckten sie mühsam durch vielfältige und hastige Tätigkeit. Die Männer reihten die wenigen Sessel heran, stellten die Wachslichter in gerader Reihe um ein eisernes Kruzifix[8 - Kruzifix das; -es, -e; – eine Darstellung oder Nachbildung des Kreuzes, an dem Jesus Christus gestorben ist] und näherten so den Tisch einem Altar an, die Frauen flochten indes hastig die wenigen Blumen, die ihnen mitleidige Hände auf den Weg gegeben hatten, zu einem schmalen Kranz, den sie dem Mädchen auf das Haupt drückten; unterdessen war der Priester mit dem ihr zubestimmten Gatten in den Nebenraum getreten und hatte erst ihm und dann ihr die Beichte abgenommen, und wie die beiden nun vor den improvisierten Altar traten, entstand für einige Minuten eine so erfüllte und so auffällige Stille, dass plötzlich der Wachsoldat, irgendein Verdächtiges vermutetend, die Tür aufriss und eintrat. Als er die sonderbare Vorbereitung bemerkte, wurde unwillkürlich sein dunkles Bauerngesicht ernst und ehrfürchtig. Er blieb, ohne zu stören, an der Tür stehen und ward so selber schweigsamer Zeuge der ungewöhnlichen Vermählung. Der Priester trat vor den Tisch und erklärte in wenigen Worten, dass überall eine Kirche und ein Altar sei, wo Menschen sich in Demut Gott verbinden wollten. Dann kniete er hin, und alle Anwesenden mit ihm; es blieb so still, dass keine der schmalen Flammen sich bewegte. Dann fragte der Priester in das Schweigen hinein, ob die beiden sich in Leben und Tod vereinen wollten. Mit fester Stimme antworteten sie: „In Leben und Tod“, und dieses Wort Tod – eben noch als ein Grauen gefühlt – schwang hell und klar und von keiner Furcht mehr durchzittert quer in den schweigenden Raum. Da einte der Priester ihre Hände und sprach die bindenden Worte: „Ego auctoritate sanctae matris Ecclesiae qua fungor, conjungo vos in matrimoniam in nomine Patris et Filii et Spiritus sancti.“ Damit war die Zeremonie beendet. Die Neuvermählten küssten dem Priester die Hand, und jeder von den Verurteilten drängte einzeln zu, ein besonderes Wort der Herzlichkeit ihnen zu sagen. Niemand dachte in dieser Sekunde an den Tod, und die ihn fühlten, empfanden seine Schrecknis nicht mehr. Unterdessen hatte jener Freund, der bei der Vermählung als Zeuge gedient, mit einigen ändern leise geflüstert, und bald merkte man neuerdings eine sonderbare Geschäftigkeit beginnen. Die Männer trugen die Strohsäcke aus dem kleinen Nebengemach, und noch hatten die Neuverbundenen, ganz dem traumhaften Geschehen hingegeben, nichts von den Vorbereitungen bemerkt, als jener zu ihnen trat und lächelnd mitteilte, gerne hätten er und seine Schicksalsgenossen dem Paare ein Geschenk zu ihrem bräutlichen Tage geboten, doch welche irdische Gabe gelte noch jenen, die ihr eigenes Leben nicht zu halten vermöchten. So wollten sie das einzige bieten, was Neuvermählten erfreulich und kostbar sein könnte: die abgesonderte Stille einer bräutlichen und letzten Nacht, und lieber selber etwas gedrängter im äußeren Raum zusammenrücken, damit jenen das kleinere Gemach vollkommen gehöre. „Nützt die wenigen Stunden“, fugte er bei, „kein Atemzug Leben wird uns nochmal zurückgegeben, und wem in solchem Augenblicke noch Liebe gegönnt ist, der soll sie genießen.“ Das junge Mädchen errötete bis tief ins Haar, ihr Gatte[9 - Gatte der; -n, -n; – der Ehemann] aber sah frank dem Freunde in die Augen und schüttelte ergriffen die brüderliche Hand. Sie sprachen kein Wort, blickten einander nur an. Und so geschah es, dass ohne eine laute Anordnung unwillkürlich die Männer sich um den Bräutigam, die Frauen um die Braut reihten und mit feierlich erhobenen Lichtern sie hineingeleiteten in das vom Tode geliehene Gelass, unbewusst derart uralten Hochzeitsbrauch wie der erfindend aus dem Übermaß teilnehmenden Gefühls. Leise lehnten sie die Tür dann zu hinter den Vermählten, keiner aber wagte ein unziemliches oder unsauber scherzendes Wort über dies nahe und bräutliche Zusammensein, denn ein sonderbar feierliches Empfinden faltete stumme Flügel über sie alle, seit sie, ohnmächtig selber gegen das Schicksal, ändern eine Handvoll Glück noch hatten zuteilen können. Und im geheimen war jeder dankbar für die wohltätige Ablenkung von dem eigenen unvermeidlichen Los. So lagen, im Dunkel verstreut, wach oder träumend, die Verurteilten auf ihren Strohsäcken bis zur Frühe, und selten nur durchwogte ein Seufzer den vom verlorenen Atem dicht erfüllten Raum. Als dann am nächsten Morgen die Soldaten eintraten, um die vierundachtzig Verurteilten zur Richterstatt zu führen, fanden sie alle schon wach und völlig bereit. Nur im Nebenraum, wo die Vermählten weilten, blieb es still: selbst der harte Stoß der Kolben hatte die Ermüdeten nicht geweckt. So eilte der Brautführer leise hinüber, damit nicht der Henker es sei, der die Glücklichen gewaltsam erwecke. Sie lagen locker umschlungen, ihre Hand wie vergessen unter seinem rücklings geneigten Nakken; selbst in der weichen Erstarrung des Schlafes glänzten ihre Gesichter so selig entspannt, dass es dem Mitfühlenden schwer ward, solchen Frieden zu stören. Aber er durfte nicht zögern und rührte mit drängender Mahnung erst ihn an, der taumelnd aufblickte, mit einem Riss aber die Lage besann und zärtlich die Gefährtin vom Lager aufhob. Sie blickte empor, kindhaft erschreckt, doch nur von dem allzu jähen Auftauchen in die eisige Wirklichkeit: dann lächelte sie ihm einverständlich zu: „Ich bin bereit.“ Unwillkürlich machten alle, als die beiden Hand in Hand eintraten, ihnen Platz, und so ergab es sich ohne Absicht, dass die Neuvermählten den Todesgang der Verurteilten eröffneten. Obwohl den täglichen Anblick jener traurigen Trupps schon gewohnt, blickten diesmal die Leute doch staunend dem sonderbaren Zuge nach, denn von diesen beiden Menschen, die ihn eröffneten, dem jungen Offizier und der mit bräutlichem Kranze geschmückten Frau, strahlte eine so ungewohnte Heiterkeit und fast selige Sicherheit aus, dass selbst dumpfe Seelen hier ein hohes Geheimnis ehrfürchtig fühlten. Aber auch die ändern Verurteilten stapften nicht den sonst schlürfenden Trott der zum Tode Geführten, sondern jeder von ihnen starrte auf die beiden, denen dreimal so unvermutete Wunscherfüllung geworden war, brennenden Blicks und mit dem verzweifelt angekrallten Vertrauen, noch einmal müsse, noch einmal werde an diesen beiden Glücklichen ein letztes Wunder sich ereignen und sie alle damit vom sichern Tode erretten. Aber das Leben liebt nur das Wunderbare und spart mit dem wirklichen Wunder: einzig das in Lyon damals Tagtägliche geschah. Der Zug wurde über die Brücke auf die sumpfigen Felder von Brotteaux geführt, dort erwarteten ihn zwölf Pelotons Infanterie, je drei Flintenläufe für den einzelnen Mann. Man stellte sie in Reih und Glied: eine einzige Salve krachte alle nieder. Dann warfen die Soldaten die noch blutenden Leichen in die Rhone, deren rasche Strömung Antlitz und Schicksal dieser Unbekannten gleichgültig in sich hinunternahm. Nur der hochzeitliche Kranz, der sich vom Haupte der Sinkenden leichter gelöst hatte, schwamm einige Zeit noch sinnlos und fremd auf den weiterwandernden Wellen. Schließlich entschwand auch er und mit ihm für lange Zeit das Gedächtnis jener von den Lippen des Todes gelösten und darum denkwürdigen Liebesnacht. Der Stern über dem Walde Franz Carl Ginzkey in herzlicher Gesinnung Einmal, als sich der schlanke und sehr soignierte Kellner François[10 - François fr. [frã́sua:] – der männliche Name] beim Servieren über die Schulter der schönen polnischen Gräfin Ostrowska herabneigte, geschah etwas Seltsames. Nur eine Sekunde währte es und war kein Zucken und kein Erschrecken, keine Regung und Bewegung. Und doch war es eine jener Sekunden, in die tausende Stunden und Tage voll Jubel und Qual gebannt sind, gleichwie der großen dunkelrauschenden Eichen wilde Wucht mit all ihren wiegenden Zweigen und schaukelnden Kronen in einem einzigen verflatternden Samenstäubchen geborgen ist. Nichts Äußerliches geschah in dieser Sekunde. François, der geschmeidige Kellner des großen Rivierahotels beugte sich tiefer hinab, um die Platte dem suchenden Messer der Gräfin besser zurecht zu legen. Doch sein Gesicht ruhte diesen Moment knapp über der weichgelockten duftenden Welle ihres Hauptes, und als er instinktiv das gesenkte Auge aufschlug, sah sein taumelnder Blick, in wie milder und weißleuchtender Linie ihr Nacken sich aus dieser dunklen Flut in das dunkelrote bauschende Kleid verlor. Wie Purpurflammen schlug es in ihm auf. Und leise klirrte das Messer an die unmerklich erzitternde Platte. Obzwar er aber in dieser Sekunde alle Folgenschwere dieser jähen Bezauberung ahnte, meisterte er gewandt seine Erregung und bediente mit der kühlen und ein wenig galanten Verve eines geschmackvollen Garçons[11 - Garçon fr. [gársõ:] – der Kellner, der Ober] weiter. Er reichte die Platte mit geruhigem Gange dem steten Tischgenossen der Gräfin, einem älteren, mit ruhiger Grazie begabten Aristokraten, der mit fein akzentuierter Betonung und einem kristallenen Französisch gleichgültige Dinge erzählte. Dann trat er ohne Blick und Gebärde von dem Tisch zurück. Diese Minuten waren der Beginn eines sehr seltsamen und hingebungsvollen Verlorenseins, einer so taumelnden und trunkenen Empfindung, dass ihr das gewichtige und stolze Wort Liebe beinahe übel ansteht. Es war jene hündisch treue und begehrungslose Liebe, wie sie die Menschen sonst inmitten ihres Lebens gar nicht kennen, wie sie nur ganz junge und ganz alte Leute haben. Eine Liebe ohne Besonnensein, die nicht denkt, sondern nur träumt. Er vergaß ganz jene ungerechte und doch unauslöschliche Missachtung, die selbst kluge und bedächtige Leute gegen Menschen im Kellnerfracke bezeugen, er sann nicht nach Möglichkeiten und Zufällen, sondern nährte in seinem Blute diese seltsame Neigung, bis ihre geheime Innigkeit sich aller Bespottung und Bemänglung entrang. Seine Zärtlichkeit war nicht die der heimlich zwinkernden und lauernden Blicke, die jäh losbrechende Kühnheit verwegener Gebärden, die sinnlose Brünstigkeit lechzender Lippen und zitternder Hände, sie war ein stilles Mühen, ein Walten jener kleinen Dienste, die um so erhabener und heiliger in ihrer Demut sind, als sie wissend unbemerkt bleiben. Er strich nach dem Souper über die zerknüllten Tischtuchfalten vor ihrem Platze mit so zärtlichen und kosenden Fingern, wie man wohl liebe und weichruhende Frauenhände streichelt; er rückte alle Dinge ihrer Nähe mit hingebungsvoller Symmetrie zusammen, als ob er sie zu einem Feste bereite. Die Gläser, die ihre Lippen berührt hatten, trug er sich sorgsam in sein enges dumpfes Dachlukenzimmer und ließ sie im perlenden Mondlicht nächtlich auffunkeln wie köstliches Geschmeide. Stets war er aus irgendeinem Winkel der geheime Behorcher ihres Schreitens und Wandeins. Er trank ihre Sprache so wie man einen süßen und duftberauschenden Wein wollüstig auf der Zunge wiegt, und fing die einzelnen Worte und Befehle gierig wie Kinder den fliegenden Spielball. So trug seine trunkene Seele in sein armes und gleichgültiges Leben einen wechselnden und reichen Glanz. Nie kam ihm die weise Torheit, das ganze Ereignis in die kalten, vernichtenden Worte der Tatsächlichkeit zu kleiden, dass der armselige Kellner François eine exotische, ewig unerreichbare Gräfin liebte. Denn er empfand sie gar nicht als Wirklichkeit, sondern als etwas sehr Hohes, sehr Fernes, das nur mehr mit seinem Abglanz des Lebens reichte. Er liebte den herrischen Stolz ihrer Befehle, den gebietenden Winkel ihrer schwarzen, sich fast berührenden Augenbrauen, die wilde Falte um den schmalen Mund, die sichere Grazie ihrer Gebärden. Unterwürfigkeit schien ihm Selbstverständlichkeit, und die demütigende Nähe niederen Dienstes empfand er als Glück, weil er ihr zu danke so oft in den zauberischen Kreis treten durfte, der sie umfing. So wurde in dem Leben eines einfachen Menschen plötzlich ein Traum wach, gleich einer edlen und sorgfältig gezüchteten Gartenblüte, die an einer Straße blüht, wo sonst der Wanderstaub alle Keime zertritt. Es war der Taumel eines schlichten Menschen, ein zauberischer und narkotischer Traum inmitten eines kalten, gleichtönigen Lebens. Und Träume solcher Menschen sind wie die ruderlosen Boote, die ziellos in schaukelnder Wollust auf stillen, spiegelnden Wassern treiben, bis plötzlich ihr Kiel mit jähem Ruck an ein unbekanntes Ufer stößt. Die Wirklichkeit ist aber stärker und robuster als alle Träume. Eines Abends sagte ihm der feiste Waadtländer Portier im Vorübergehn: „Die Ostrowska fährt morgen mit dem AchtUhr-Zug.“ Und dann noch ein paar andre gleichgültige Namen, die er überhörte. Denn ein wirres Brausen und Wirbeln war aus diesen Worten in seinem Hirne geworden. Ein paar Mal fuhr er sich mechanisch mit den Fingern über die gepresste Stirn, als wollte er eine drückende Schicht wegschieben, die dort lagerte und das Verständnis umdämmerte. Er machte ein paar Schritte; es war ein Taumeln. Unsicher und erschreckt glitt er an einem hohen goldgerahmten Spiegel vorbei, aus dem ihm ein fahles und fremdes Gesicht kreidig entgegenstarrte. Die Gedanken wollten nicht kommen, sie waren gleichsam festgemauert hinter einer dunklen nebligen Wand. Fast unbewusst tastete er am Geländer die breite Treppe in den umdämmerten Garten hinab, wo die hohen Pinien[12 - Pinie die; -n; – ein Fichtenbaum] -Bäume einsam standen wie finstere Gedanken. Noch ein paar Schritte wankte seine unruhige Gestalt, gleich dem niederen und taumelnden Flug eines großen dunklen Nachtvogels, dann sank er auf eine Bank, den Kopf an die kühle Lehne gepresst. Es war ganz still dort. Rückwärts zwischen den runden Sträuchern funkelte das Meer. Weiche und zitternde Lichter glühten dort leise, und in der Stille verlor sich der eintönig murmelnde Singsang fernplätschernder Brandungsquellen. Und plötzlich war alles klar, ganz klar. So schmerzklar, dass er fast ein Lächeln fand. Es war einfach alles zu Ende. Die Gräfin Ostrowska fährt nach Hause, und der Kellner François bleibt auf seinem Posten. War dies denn so seltsam? Gingen nicht alle die Fremden fort, die kamen, nach zwei, nach drei, nach vier Wochen? Wie töricht, das nicht überdacht zu haben. Es war ja alles so klar, zum Lachen, zum Weinen klar. Und die Gedanken schwirrten und schwirrten. Morgen abend, mit dem AchtUhr-Zug nach Warschau. Nach Warschau – Stunden und Stunden durch Wälder und Täler, über Hügel und Berge, über Steppen und Flüsse und durch brausende Städte. Warschau! Wie weit das war! Er konnte es sich gar nicht ausdenken, aber im tiefsten fühlen, dieses stolze und drohende, harte und ferne Wort: Warschau. Und er… Eine Sekunde flatterte noch eine kleine träumerische Hoffnung auf. Er konnte ja nachfahren. Und dort sich verdingen als Diener, als Schreiber, als Fuhrknecht, als Sklave; als frierender Bettler dort auf der Straße stehn, aber nur nicht so furchtbar ferne sein, den Atem derselben Stadt nur atmen, sie manchmal vielleicht vorüberbrausen sehen, nur ihren Schatten sehen, ihr Kleid und ihr dunkles Haar. Schon zuckten eilfertige Träumereien empor. Aber die Stunde war hart und unerbittlich. Er sah das Unerreichbare nackt und klar. Er rechnete: hundert oder zweihundert Francs Ersparnisse[13 - Ersparnisse die pl – Spargelder] im besten Falle. Das reichte kaum die Hälfte des Weges. Und was dann? Wie durch einen zerrissenen Schleier sah er auf einmal sein Leben, fühlte, wie arm, wie kläglich, wie hässlich es jetzt werden musste. Öde leere Kellnerjahre, zermartert von törichter Sehnsucht, diese Lächerlichkeit sollte seine Zukunft sein. Wie ein Schauder kam es über ihn. Und plötzlich liefen alle Gedankenketten stürmisch und unabwendbar zusammen. Es gab nur eine Möglichkeit. – Leise schwankten die Wipfel in einer unmerklichen Brise. Eine finstere schwarze Nacht stand drohend vor ihm. Da erhob er sich sicher und gelassen von seiner Bank und schritt über den knirschenden Kies zu dem großen, in weißem Schweigen schlafenden Hause empor. Bei ihren Fenstern blieb er stehen. Sie waren blind und ohne ein funkelndes Lichterzeichen, daran sich träumerische Sehnsucht hätte entzünden können. Nun ging sein Blut in ruhigen Schlägen, und er schritt wie einer, den nichts mehr verwirrt und betrügt. In seinem Zimmer warf er sich ohne jede Erregung auf das Bett und schlief dumpfen traumlosen Schlaf bis zum rufenden Morgenzeichen. Am nächsten Tage war sein Gebaren gänzlich in den Grenzen sorgfältig gezirkelter Überlegung und erzwungener Ruhe. Mit kühler Gleichgültigkeit erledigte er seine Pflichten, und seine Gebärden hatten eine so sichere und sorglose Gewalt, dass niemand hinter der trügerischen Maske den herben Entschluss hätte ahnen können. Kurz vor der Stunde des Diners eilte er mit seinen kleinen Ersparnissen in das vornehmste Blumengeschäft und kaufte erlesene Blumen, die ihn in ihrer farbigen Pracht wie Worte anmuteten: feuergolden glühende Tulpen, die wie eine Leidenschaft waren, weiße breitgekränzte Chrysanthemen, die wie lichte und exotische Träume anmuteten, schmale Orchideen, die schlanken Bilder der Sehnsucht und ein paar stolze betörende Rosen. Und dann erstand er eine prächtige Vase aus opalisierendem funkelndem Glase. Die paar Francs, die ihm noch blieben, schenkte er im Vorübergehen einem Bettelkinde mit rascher und sorgloser Gebärde. Und eilte zurück. Die Vase mit den Blumen stellte er mit wehmütiger Feierlichkeit vor das Kuvert der Gräfin, das er nun zum letzten Male mit einer voluptuösen und langsamen Peinlichkeit bereitete. Dann kam das Diner. Er servierte wie immer: kühl, lautlos und geschickt, ohne aufzuschauen. Nur zum Ende umfing er ihre ganze biegsame, stolze Gestalt mit einem unendlichen Blicke, von dem sie nie wusste. Und nie erschien sie ihm so schön wie in diesem letzten wunschlosen Blick. Dann trat er ruhig, ohne Abschied und Gebärde vom Tische zurück und ging aus dem Saal. Wie ein Gast, vor dem sich die Bedienten beugen und neigen, schritt er durch die Gänge und über die vornehme Empfangstreppe hinab der Straße zu: man hätte fühlen müssen, dass er mit diesem Augenblick seine Vergangenheit verließ. Vor dem Hotel blieb er eine Sekunde unschlüssig stehen: dann wandte er sich den blinkenden Villen und breiten Gärten entlang einem Wege zu, weiter, immer weiter wandelnd in seinem nachdenklichen Promenadeschritt, ohne zu wissen, wohin. Bis zum Abend irrte er so unstet in träumerischem Verlorensein. Er sann über nichts mehr nach. Nicht über Vergangenes und nicht über das Unabwendbare. Er spielte nicht mehr mit dem Todesgedanken, so wie man wohl noch in den letzten Augenblicken den funkelnden, mit tiefem Auge drohenden Revolver prüfend in der wägenden Hand hebt und wieder senkt. Längst hatte er sich das Urteil gesprochen. Nur Bilder kamen noch, in flüchtigem Fluge, gleich ziehenden Schwalben. Zuerst die Jugendtage bis zu einer verhängnisvollen Schulstunde, da ihn ein törichtes Abenteuer aus einer verführerisch wirkenden Zukunft jählings in das Gewirre der Welt stieß. Dann die rastlosen Fahrten, Mühen um den Taglohn, Versuche, die immer wieder missglückten, bis die große finstere Welle, die man Schicksal nennt, seinen Stolz zerbrach und ihn an einen unwürdigen Posten warf. Viele farbige Erinnerungen wirbelten vorüber. Und schließlich glänzte noch die sanfte Spiegelung dieser letzten Tage aus den wachen Träumen; und jählings stießen sie wieder das dunkle Tor der Wirklichkeit auf, das er durchschreiten musste. Er besann sich, dass er noch heute sterben wollte. Eine Weile sann er über die vielen Wege nach, die zum Tode führen, und wägte ihre Bitterkeit und Behendigkeit gegeneinander ab. Bis ihn plötzlich ein Gedanke durchzuckte. Aus trüben Sinnen fiel ihm jäh ein finsteres Symbol ein: so wie sie unwissend und vernichtend über sein Schicksal hinweggebraust war, so sollte sie auch seinen Körper zermalmen. Sie selbst sollte es vollbringen. Sie selbst ihr Werk vollenden. Und nun hasteten die Gedanken mit unheimlicher Sicherheit. In einer knappen Stunde, um acht Uhr ging der Express ab, der sie ihm entführte. Dem wollte er sich unter die Räder werfen, sich zerstampfen lassen von der gleichen stürmenden Gewalt, die ihm die Frau seiner Träume entriss. Unter ihren Füßen wollte er verbluten. Die Gedanken stürmten und stürmten gleichsam jubelnd einander nach. Er wusste auch den Ort. Weiter oben am Waldhang, wo die rauschenden Wipfel den letzten Blick auf die nahe Bucht verdunkelten. Er sah auf die Uhr: fast schlugen die Sekunden und sein hämmerndes Blut den gleichen Takt. Es war schon Zeit, sich auf den Weg zu machen. Nun kam mit einem Male Elastizität und Zielsicherheit in seine schlaffen Schritte, jener harte eilige Takt, der das Träumen im Vorwärtswandeln ertötet. Unruhig stürmte er in die dämmernde Pracht des südlichen Abends der Stelle zu, wo zwischen den fernen bewaldeten Hügeln der Himmel eingebettet war als purpurner Streif. Und er eilte vorwärts, bis er an das Geleise kam, das mit seinen beiden silbernen Linien vor ihm aufglänzte und seinen Weg geleitete. Und sie führten ihn in gewundenem Zuge aufwärts durch die tiefen duftenden Tale, deren dunstige Schleier das matte Mondlicht durchsilberte, sie lenkten ihn im steigenden Gange in das Hügelland, wo man sah, wie ferne das weite nachtschwarze Meer mit seinen funkelnden Strandlichtern aufglänzte. Und sie zeigten ihm endlich den tiefen, unruhig rauschenden Wald, der das Geleise in seinen sinkenden Schatten begrub. Es war schon spät, als er nun schweratmend am dunklen Hange des Waldes stand. Schauerlich und schwarz reihten sich die Bäume um ihn. Nur hoch oben in den durchschimmernden Kronen spann ein fahles zitterndes Mondlicht in den Zweigen, die stöhnten, wenn sie die leise Nachtbrise in die Arme nahm. Manchmal zuckten seltsame Rufe ferner Nachtvögel in diese dumpfe Stille. Die Gedanken erstarrten ihm ganz in dieser bangenden Einsamkeit. Er wartete nur, wartete und starrte, ob nicht unten an der Kurve[14 - Kurve die; -, -n; – eine Biegung an der Straße] der ersten ansteigenden Serpentine[15 - Serpentine die; -, -n; – eine steile Straße oder ein steiler Weg mit vielen engen Kurven] das rote Licht des Zuges auftauchen wollte. Manchmal sah er wieder nervös auf die Uhr und zählte die Sekunden. Dann horchte er wieder nach dem fernen Schrei der Lokomotive. Aber es war eine Täuschung. Ganz still wurde es wieder. Die Zeit schien erstarrt zu sein. Endlich glänzte fern unten das Licht. Er fühlte in dieser Sekunde einen Stoß im Herzen, wusste aber nicht, ob es Furcht oder Jubel war. Mit jäher Gebärde warf er sich hin auf die Schienen. Zuerst fühlte er einen Augenblick nur die wohlige Kühle der Eisenstreifen an seiner Schläfe. Dann horchte er. Der Zug war noch weit. Minuten mochten es wohl dauern. Noch hörte man nichts außer dem flüsternden Rauschen der Bäume im Wind. Wirr sprangen die Gedanken. Und plötzlich einer, der blieb und sich wie ein schmerzhafter Pfeil in sein Herz bohrte: dass er um ihretwillen starb und sie es nie ahnen würde. Dass nicht eine einzige leise Welle seines aufschäumenden Lebens die ihre berührt hatte. Dass sie nie wissen würde, dass ein fremdes Leben an ihrem gehangen, an ihrem zerschmettert sei. Ganz leise keuchte von ferne durch die atemstille Luft der rhythmische Gang der steigenden Maschine. Aber der Gedanke brannte unvermindert weiter und folterte die letzten Minuten des Sterbenden. Näher und näher ratterte der Zug. Und da schlug er noch einmal die Augen auf. Über ihm war ein schweigender blauschwarzer Himmel und ein paar rauschende Kronen. Und über dem Walde ein weißer blinkender Stern. Ein einsamer Stern über dem Walde… Schon begannen die Schienen unter seinem Kopfe leise zu schwingen und zu singen. Aber der Gedanke brannte wie Feuer in seinem Herzen und in dem Blicke, der alle Glut und Verzweiflung seiner Liebe fasste. Alle Sehnsucht und diese letzte schmerzliche Frage fluteten über in den weißen leuchtenden Stern, der mild auf ihn niedersah. Näher und näher schmetterte der Zug. Und der Sterbende umfing noch einmal mit einem letzten unsagbaren Blick den funkelnden Stern, den Stern über dem Walde. Dann schloss er die Augen. Die Schienen zitterten und wankten, näher und näher stampfte der ratternde Gang des fliegenden Zuges, dass der Wald dröhnte wie von großen hämmernden Glocken. Die Erde schien zu taumeln. Noch ein betäubendes sausendes Schwirren, ein wirbelndes Getöse, dann ein schriller Pfiff, der ängstlich tierische Schrei der Dampfpfeife und das gelle Stöhnen einer vergeblichen Bremse… Die schöne Gräfin Ostrowska hatte im Zug ein eigenes reserviertes Coupe[16 - Coupe (fr.) das; -s; -s; – ein Zugabteil] . Seit der Abfahrt las sie einen französischen Roman, sanft gewiegt von der schaukelnden Bewegung des Wagens. Die Luft des engen Raumes war schwül und getränkt von dem drückenden Dufte vieler welkender Blumen. Schon nickten von den prächtigen Abschiedskörben die weißen Fliedertrauben müde herab wie überreife Früchte, erschlafft hingen die Blüten an den Stengeln, und die schweren und breiten Kelche der Rosen schienen zu welken in der heißen Wolke der berauschenden Düfte. Erstickende Schwüle wärmte diese schweren Duftwellen, die träge niederdrückten, selbst in der sausenden Eile des Zuges. Plötzlich ließ sie mit matten Fingern das Buch sinken. Sie wusste selbst nicht, warum. Ein geheimes Gefühl war es, das sie aufriss. Sie fühlte einen dumpfen schmerzlichen Druck. Ein jäher, unverständlicher beklemmender Schmerz umpresste ihr Herz. Sie glaubte ersticken zu müssen in dem schwülen betäubenden Dunst der Blumen. Und dieser ängstigende Schmerz wich nicht, sie fühlte jede Schwingung der sausenden Räder, das blinde Vorwärtsstampfen marterte sie unsäglich. Eine plötzliche Sehnsucht packte sie, den eilenden Schwung des Zuges hemmen zu können, ihn zurückzureißen von dem dunklen Schmerz, dem er entgegenstürmte. Nie hatte sie in ihrem Leben eine ähnliche Angst vor etwas Furchtbarem, Unsichtbarem, Grausamem ihr Herz umklemmen gefühlt, als in diesen Sekunden unverständlichen Schmerzes und unbegreiflicher Angst. Und immer wilder wurde dieses unsagbare Gefühl, immer enger der Druck um die Kehle. Wie ein Gebet stöhnte in ihr der Gedanke, dass der Zug anhalten möge. Da plötzlich ein schriller Signalpfiff, der wilde warnende Schrei der Lokomotive und das klägliche knirschende Stöhnen der Bremse. Und verlangsamt der Rhythmus der fliegenden Räder, langsamer und langsamer, dann ein ratterndes Stammeln und ein stokkender Stoß… Mühsam tappt sie zum Fenster, um die kühle Luft zu trinken. Die Scheibe rasselt nieder. Draußen schwarze, stürmende Gestalten… fliegende Worte von wechselnden Stimmen: ein Selbstmörder… Unter den Rädern … Tot… Auf freiem Feld… Sie zuckt zusammen. Instinktiv trifft ihr Blick den hohen schweigenden Himmel und drüben die schwarzen rauschenden Bäume. Und über ihnen ein einsamer Stern über dem Walde. Sie fühlt seinen Blick wie eine funkelnde Träne. Sie sieht ihn an und spürt jählings eine Traurigkeit, wie sie sie nie gekannt. Eine Traurigkeit voll Glut und Sehnsucht, wie sie in ihrem eigenen Leben nie war… Langsam rattert der Zug weiter. Sie lehnt in der Ecke und spürt leise Tränen über die Wangen tropfen. Die dumpfe Angst ist gewichen, sie fühlt nur noch einen tiefen seltsamen Schmerz, dessen Spur sie vergebens nachsinnt. Einen Schmerz, wie ihn verschreckte Kinder haben, wenn sie in finsterer undurchdringlicher Nacht plötzlich erwachen und fühlen, dass sie ganz einsam sind… Untergang eines Herzens Zu entscheidender Erschütterung eines Herzens bedarf das Schicksal nicht immer wuchtigen Ausholens und schroff verstoßender Gewalt; gerade aus flüchtiger Ursache Vernichtung zu entfalten, reizt seine unbändige Bildnerlust. Wir nennen dies erste leise Berühren in unserer dumpfen Menschensprache Anlass und vergleichen erstaunt sein winziges Maß mit der oft mächtig fortwirkenden Gewalt; aber so wenig eine Krankheit mit ihrem Kenntlichwerden, so wenig beginnt das Schicksal eines Menschen erst, sobald es sichtbar und Geschehnis wird. Immer, im Geist und im Blute, waltet das Schicksal längst innen, eh es von außen die Seele berührt. Sich-Erkennen ist schon Sich-Wehren, und ein vergebliches zumeist. Der alte Mann – Salomonsohn hieß er und durfte sich daheim Geheimer Kommissionsrat nennen – wachte nachts im Hotel von Gardone, wohin er seine Familie anlässlich der Ostertage begleitet, infolge eines heftigen Schmerzes auf: der Leib war ihm wie mit scharfen Dauben umschnürt, kaum rang sich der Atem durch die angespannte Brust. Der alte Mann erschrak, litt er doch häufig an Gallenkrämpfen, und gegen den Rat der Ärzte hatte er statt der verordneten Karlsbader Kur um seiner Familie willen den südlichen Aufenthalt gewählt. Einen Anfall jener gefährlichen Art befürchtend, betastete er ängstlich seinen breiten Leib, um aber bald – erleichtert, mitten im noch fortquälenden Schmerz – festzustellen: nur der Magen drückte ihn hart, offenbar infolge der ungewohnten italienischen Kost oder einer jener leichten Vergiftungen, wie sie dortzulande häufig den Reisenden befallen. Aufatmend fiel die zitternde Hand zurück, aber der Druck blieb und hemmte den Atem: so stöhnte sich der alte Mann schwerfällig aus dem Bett, um ein wenig Bewegung zu machen. Und tatsächlich: im Stehen und noch mehr im Gehen wurde der Druck matter. Aber das dunkle Zimmer bot wenig Raum, zudem fürchtete er, die im Schwesterbett schlafende Frau aufzuwecken und unnötig in Sorge zu setzen. So warf er sich den Schlafmantel um, zog Filzpantoffeln über die nackten Füße und tastete vorsichtig in den Korridor, dort ein wenig auszuschreiten und die Beklemmung zu lindern. Im Augenblick, da er die Tür gegen den dunklen Gang öffnete, hallte durch die breit aufgetanen Fenster die Stunde vom Kirchturm: vier erst wuchtige und dann weich über den See zerzitternde Glockenschläge: vier Uhr morgens. Der lange Korridor lag vollkommen dunkel. Aber aus deutlicher Erinnerung des Tages wusste der alte Mann ihn geradeausgehend und tiefräumig: so schritt er, ohne der Beleuchtung zu bedürfen, stark atmend von einem Ende zum ändern, und nochmals und nochmals, zufrieden gewährend, dass allmählich jene Klammer um die Brust sich löste. Schon bereitete er sich vor, durch die wohltuende Übung des Schmerzes fast vollkommen entledigt, wieder in sein Zimmer zurückzukehren, als ein Geräusch ihn erschreckt innehalten ließ. Geräusch: ein Wispern von irgend nah her in der Dunkelheit, dünn und doch unverkennbar. Etwas knackte im Gebälk, etwas flüsterte, rührte sich, und schon schnitt für eine Sekunde aus spaltbreit geöffneter Tür ein schmaler Kegel Licht das formlos Finstere durch. Was war das? Unwillkürlich drückte sich der alte Mann in eine Ecke, keineswegs aus Neugier, sondern einzig dem leichtverständlichen Gefühl der Beschämung nachgebend, bei so absonderlich nachtwandlerischem Gebaren ertappt zu werden. Aber wider seinen Willen fast hatte er in dieser einen Sekunde, wo das Licht den Gang überblitzte, wahrzunehmen vermeint, dass aus jenem Zimmer eine weißgekleidete weibliche Gestalt herausglitt und gegen das Ende des Korridors zu verschwand. Und wirklich, dort an einer der letzten Türen des Ganges knackte jetzt eine leise Klinke. Dann alles wieder dunkel und atemstill. Der alte Mann begann plötzlich zu taumeln wie von einem Stoß gegen das Herz. Dort am äußersten Ende des Ganges, dort, wo jene Klinke verräterisch sich geregt, dort waren… dort waren doch nur seine eigenen Zimmer, das dreiräumige Appartement, das er für seine Familie gemietet. Seine Frau, sie hatte er vor wenigen Minuten noch schlafatmend verlassen, so konnte – nein, eine Täuschung war unmöglich – diese weibliche Gestalt, die abenteuernd von fremdem Zimmer zurückkehrte, niemand anderes gewesen sein als Erna, seine Tochter, die kaum neunzehnjährige. Der alte Mann schauerte am ganzen Leib, so durchfrostete ihn das Entsetzen. Seine Tochter Erna, das Kind, das helle übermütige Kind – nein, das konnte nicht möglich sein, er musste sich getäuscht haben. – Was sollte sie denn da tun im fremden Zimmer, wenn nicht… Wie ein böses Tier stieß er den eigenen Gedanken von sich weg, aber herrisch krallte sich das spukhafte Bild der fliehenden Gestalt in die Schläfen, nicht loszureißen mehr, nicht mehr abzutun: er musste Gewissheit haben. Keuchend tastete er die Wand des Korridors entlang bis zu ihrer Tür, nachbarlich der seinen. Aber entsetzlich: gerade hier, gerade bei dieser einen Tür im Gange, dieser einzigen Tür, zitterte ein dünner Faden Licht durch die Fuge, und aus dem Schlüsselloch stach verräterischweißer Punkt: um vier Uhr morgens hatte sie noch Licht in ihrem Zimmer! Und neues Zeugnis: eben knackte innen der elektrische Kontakt, der weiße Faden Licht fiel spurlos ins Schwarzenein, nein, hier half kein Sichselbstbelügen – Erna, seine Tochter, sie war es, die da nächtlich aus fremdern Bett in das ihre schlich. Der alte Mann zitterte vor Grauen und Kälte; gleichzeitig brach ihm Schweiß aus dem Leibe und überschwemmte die Poren. Die Tür einschlagen, mit den Fäusten sie zerprügeln, die Schamlose, war sein erstes Gefühl. Aber die Füße schwankten unter dem breiten Leib. Kaum noch fand er Kraft, sich in sein Zimmer und zum Bett zu schleppen; dort fiel er mit dumpfen Sinnen in die Kissen wie ein gefälltes Tier. Der alte Mann lag reglos in seinem Bett; seine Augen starrten offen in das Dunkel. Neben ihm ging unbesorgt und satt der Atem seiner Frau. Erster Gedanke war, sie wachzurütteln, die schreckhafte Entdeckung zu berichten, sich das Herz auszuschreien, auszutoben. Aber wie das aussprechen, laut in Worten, das Entsetzliche? Nein, nie, nie käme ihm dies Wort über die Lippe. Aber was tun? Was tun? Er versuchte nachzudenken. Aber die Gedanken taumelten wie Fledermäuse blind durcheinander. Es war ja so ungeheuerlich: Erna, das zarte, wohlerzogene Kind mit den schmeichelnden Augen… wann, wann hatte er sie noch über dem Schulbuch lesend gefunden, mit dem kleinen rosigen Finger die schweren Schriftzeichen mühsam nachziehend… wann sie nur in ihrem blassblauen Kleidchen von der Schule zum Zuckerbäcker geführt, den Kinderkuss gefühlt von dem noch bezuckerten Mund … War das nicht gestern gewesen?… Nein, das lag Jahre zurück.., aber wie kindlich hatte sie ihn gestern, ja wirklich gestern noch gebettelt, er möchte ihr den blaugoldenen Sweater kaufen, der in der Auslage sich so bunt vordrängte. „Papachen, bitte! bitte!“ – mit gefalteten Händen und dem Lachen, dem selbstgewissfrohen, dem er nie widerstehen konnte… Und jetzt, jetzt schlich sie, zehn Zoll von seiner Tür, nachts hinaus in das Bett eines fremden Mannes und wälzte sich dort gierig und nackt… „Mein Gott!… mein Gott!“… er stöhnte unwillkürlich auf, der alte Mann. „Diese Schande! diese Schande! … mein Kind, mein zartes, behütetes Kind mit irgendeinem Mann… Mit wem?… Wer kann es nur sein?… Wir sind doch erst drei Tage hier in Gardone, und sie hat keinen von den geschniegelten Laffen vorher gekannt, nicht diesen schmalköpfigen Conte Ubaldi, nicht den italienischen Offizier und diesen Mecklenburger Herrenreiter… erst beim Tanzen am zweiten Tage sind sie bekannt geworden, und schon soll sie einer… Nein, das kann nicht der Erste gewesen sein, nein… das muss schon früher begonnen haben… zu Hause… und ich weiß nichts, ich ahne nichts, ich Narr, ich geschlagener Narr … Aber was weiß ich denn überhaupt von ihnen?… Den ganzen Tag schufte ich für sie, sitze vierzehn Stunden im Kontor, genau so wie früher mit dem Musterkoffer auf der Bahn… nur Geld für sie zu schaffen, Geld, Geld, damit sie schöne Kleider haben und reich werden … und abends, wenn ich heimkomme, müde, zerschlagen, da sind sie fort: im Theater, auf Bällen, in Gesellschaft… was weiß ich denn von ihnen, was sie treiben den ganzen Tag?… Nur das weiß ich jetzt, dass mein Kind nachts mit ihrem jungen reinen Leib zu den Männern geht wie eine von der Straße… Oh, diese Schande!“ Der alte Mann stöhnte immer wieder auf. Jeder neue Gedanke riss die Wunde tiefer: ihm war, als läge sein Gehirn blutig offen und wühlten rote Maden darin. „Aber warum habe ich das alles geduldet?… Warum liege ich jetzt noch da und quäl mich ab, indes sie sich satt schläft mit ihrem unzüchtigen Leib?… Warum bin ich nicht gleich hineingefahren in das Zimmer, damit sie weiß, ich kenne ihre Schande?… Warum habe ich ihr nicht die Knochen zerprügelt?… Weil ich schwach bin … weil ich feig bin… Immer war ich schwach gegen sie beide… alles habe ich ihnen nachgegeben… ich war ja stolz, ihnen das Leben leicht sein zu lassen, wenn schon meines verdorben war… mit den Fingernägeln habe ich das Geld zusammengekratzt, Pfennig für Pfennig… das Fleisch hätte ich mir von den Händen reißen lassen, sie nur zufrieden zu sehen… Aber kaum ich sie reich gemacht, schon haben sie sich meiner geschämt… nicht elegant genug bin ich ihnen mehr gewesen… zu ungebildet… wo hätte ich Bildung lernen sollen? Mit zwölf Jahren haben sie mich schon aus der Schule genommen, und ich hab verdienen müssen, verdienen, verdienen… Musterkoffer tragen, von Dorf zu Dorf fahren, und dann von Stadt zu Stadt agentieren, ehe ich mein eigenes Geschäft auftun konnte…, und kaum waren sie oben und im eigenen Haus, da mochten sie meinen alten ehrlichen guten Namen nicht mehr… den Kommissionsrat, Geheimrat habe ich mir kaufen müssen, damit man sie nicht mehr Frau Salomonsohn anspricht, damit sie vornehm tun können… Vornehm! Vornehm!… Ausgelacht haben sie mich, wenn ich mich wehrte gegen die Vornehmtuerei, gegen ihre feine Gesellschaft, wenn ich ihnen erzählte, wie meine Mutter, Gott hab sie selig, das Haus führte, still, bescheiden, nur für den Vater und uns… altmodisch haben sie mich genannt… Du bist altmodisch, Papachen, hat sie immer gespottet… ja, altmodisch, ja… und jetzt liegt sie mit fremden Männern in fremdem Bett, mein Kind, mein einziges Kind… Oh, diese Schande, diese Schande…“ So furchtbar stieß dem alten Mann die seufzende Qual aus der Brust, dass die Frau an seiner Seite erwachte. „Was ist es?“ fragte sie schlaftrunken. Der alte Mann rührte sich nicht und hielt den Atem an. Und so lag er reglos im finstern Sarg seiner Qual bis in den Morgen hinein, von den Gedanken zerfressen wie von Würmern. Morgens am Frühstückstisch war er als Erster zur Stelle. Aufseufzend setzte er sich hin, jeder Bissen widerte ihn an. „Wieder allein“, dachte er, „immer allein!… Wenn ich morgens ins Büro gehe, schlafen sie noch behäbig und faul von ihren Tanzereien und Theatern… wenn ich abends heimkomme, sind sie schon fort auf Vergnügung, in Gesellschaft: da können sie mich nicht brauchen… oh, das Geld, das verfluchte Geld hat sie verdorben… das hat sie mir fremd gemacht… Ich Narr hab es zusammengescharrt und mich dabei selber bestohlen, mich hab ich arm gemacht damit und sie selber schlecht… fünfzig sinnlose Jahre habe ich geschuftet, keinen freien Tag mir gegönnt, und jetzt bin ich allein…“ Er wurde allmählich ungeduldig. „Warum kommt sie nicht… ich will mit ihr reden, ich muss es ihr sagen… wir müssen weg von hier, sofort… warum kommt sie nicht… wahrscheinlich ist sie noch müde, schläft prächtig mit gutem Gewissen, indes ich mir das Herz zerreiße, ich Narr… Und die Mutter putzt sich stundenlang, muss baden, sich appretieren, maniküren, frisieren lassen, die kommt nicht vor elf herab… ist es da ein Wunder?… was soll da werden aus einem Kind?… Oh, das Geld, das verfluchte Geld.“ Von rückwärts knisterte leichter Schritt. „Morgen, Papachen, gut geruht?“ Etwas beugte sich zart von der Seite heran, dünner Kuss streifte die hämmernde Stirn. Unwillkürlich scheute er mit dem Kopf zurück: der süßlichschwüle Geruch des Coty-Parfüms ekelte ihn. Und dann… „Was hast du, Papachen… wieder schlechter Laune … Einen Kaffee, Kellner, und ham and eggs… Schlecht geschlafen oder schlechte Nachrichten?“ Der alte Mann bezwang sich. Er duckte den Kopf, ohne Mut, aufzuschauen, und schwieg. Nur ihre Hände sah er auf dem Tisch, die geliebten Hände: lässig und manikürt spielten sie wie verwöhnte schmale Windhunde auf dem weißen Rasen des Tuches. Er zitterte. Scheu tastete sein Blick die zarten jungfräulichen Arme empor, die kindlichen, die ihn früher… wie lange war das her? … so oft umschlungen vor dem Schlafengehen… Er sah die feine Wölbung der Brüste, die locker unter dem neuen Sweater im Atmen bebten. „Nackt… nackt… mit einem fremden Mann sich gewälzt“, dachte er ingrimmig. „All das hat er gefasst, betastet, beschmeichelt, geschmeckt, genossen… mein Fleisch und Blut… mein Kind… oh, dieser fremde Schuft… oh… oh.“ Unbewusst hatte er wieder gestöhnt. „Was hast du denn, Papachen?“ drängte sie schmeichlerisch heran. „Was ich habe?“ dröhnte es in ihm. „Eine Hure zur Tochter, und nicht den Mut, es ihr zu sagen.“ Aber er murrte nur undeutlich: „Nichts! Nichts!“ und griff hastig nach der Zeitung, sich aus aufgeschlagenen Blättern eine Palisade[17 - Palisade die; -, -n; – ein starker Holzpfahl] zu bauen gegen ihren fragenden Blick, denn immer mehr fühlte er sich unmächtig, ihren Augen zu begegenen. Seine Hände zitterten. „Jetzt müsste ich es ihr sagen, jetzt, solange wir allein sind“, quälte es ihn. Aber die Stimme versagte sich; nicht einmal aufzuschauen fand er die Kraft. Und plötzlich, mit einem Ruck stieß er den Sessel zurück und flüchtete schweren Schrittes gegen den Garten; denn er fühlte, wie wider seinen Willen ihm eine dicke Träne über die Wange rollte. Und das sollte sie nicht sehen. Der alte kurzbeinige Mann irrte im Garten herum und starrte lang auf den See. Ganz blind innen von zurückgestockten Tränen konnte er sich doch nicht erwehren, zu sehen, wie schön diese Landschaft war: hinter silbrigem Licht grünwellig aufsteigend, schwarz schraffiert mit den dünnen Strichen von Zypressen[18 - Zypresse die; -, -n; – ein hoher schmaler (Nadel)Baum (besonders in den Mittelmeerländern), dessen Nadeln wie Schuppen übereinander liegen] blickten weichfarbig die Hügel und hinter ihnen schroffer die Berge, streng und doch ohne Hochmut die Lieblichkeit des Sees überschauend, wie ernste Männer geliebter Kinder belangloses Spiel. Wie das lind sich aufbreitete mit offener, blumiger, gastlicher Gebärde, wie das lockte, gütig und glücklich zu sein, dies zeitlos selige Lächeln Gottes in seinen Süden hinein! „Glücklich!“ Der alte Mann wiegte verworren den allzu schweren Kopf. „Hier könnte man glücklich sein. Einmal hab ich’s auch haben wollen, auch einmal selber fühlen, wie schön die Welt der Sorglosen ist… einmal nach fünfzig Jahren Schreiben und Rechnen und Feilschen und Schachern auch einmal paar helle Tage genießen wollen… einmal, einmal, einmal, ehe man mich einscharrt… fünfundsechzig Jahre, mein Gott, da hat der Tod einem die Hand schon im Leib, und das Geld hilft einem nichts mehr und die Doktoren… Nur ein paar leichte Atemzüge wollte ich vorher, auch einmal etwas für mich… Aber mein Vater selig hat schon immer gesagt: „Das Vergnügen ist nichts für unsereinen, man trägt seinen Pack am Rücken bis ins Grab“… Gestern hab ich gemeint, auch ich dürft einmal mir’s wohl sein lassen… gestern da war ich so etwas wie ein glücklicher Mensch, hab mich gefreut an meinem schönen hellen Kind, mich gefreut an ihrer Freude… und schon hat mich Gott gestraft, schon nimmt er mir’s weg… Denn das ist vorbei jetzt für immer… Ich kann nicht mehr sprechen mit meinem eigenen Kind… ich kann ihr nicht mehr in die Augen schauen, so schäm ich mich… Immer werde ich daran denken müssen, zu Hause, im Büro und nachts im Bett: wo ist sie jetzt, wo war sie, was hat sie getan?… nie mehr ruhig nach Hause kommen, und da sitzt sie und springt mir entgegen, und das Herz geht mir auf, wenn ich sie sehe, jung und schön … Wenn sie mich küsst, werde ich mich fragen, wer hat sie gestern gehabt, diese Lippen… immer in Angst leben, wenn sie von mir fort ist, und immer mich schämen, wenn ich ihre Augen sehe. – Nein, so kann man nicht leben… so kann man nicht leben…“ Der alte Mann torkelte murmelnd hin und her wie ein Betrunkener. Immer starrte er wieder auf den See, immer liefen ihm wieder die Tränen in den Bart hinein. Er musste den Zwicker abnehmen und stand mit seinen kurzsichtigen nassen Augen so tölpelig auf dem schmalen Weg, dass ein Gärtnerjunge, der eben vorbei kam, verdutzt stehenblieb, laut auflachte und mit ein paar italienischen Spaßworten dem Verworrenen nachhöhnte. Das weckte den alten Mann aus seinem Schmerztaumel; er griff nach dem Zwicker und schlich zur Seite in den Garten, irgendwo dort auf einer Bank sich vor dem Menschen zu vergraben. Aber kaum dass er sich abseitiger Stelle im Garten genähert, so schreckte ihn ein Lachen von links her wieder auf… ein Lachen, das er kannte und das ihm jetzt das Herz zerriss. Seine Musik war das gewesen, neunzehn Jahre lang, dies leichte Lachen ihres Übermuts… für dieses Lachen hatte er die Nächte durchfahren dritter Klasse bis Posen und Ungarn hinein, nur um dann etwas ihnen hinzuschütten, gelben Humus, aus dem diese unbesorgte Heiterkeit blühte… einzig für dieses Lachen hatte er gelebt und sich die Galle krank geärgert im Leibe … nur damit dies Lachen immer klingend blieb um den geliebten Mund. Und nun schnitt es in die Eingeweide wie eine glühende Säge, dies verfluchte Lachen. Und doch zog es den Widerstrebenden an. Sie stand am Tennisplatz, das Rakett wirbelnd in der nackten Hand, lockeren Gelenks es hochwerfend im Spiel und wieder fangend. Und immer gleichzeitig mit dem aufgewirbelten Schläger wirbelte das übermütige Lachen in den azurnen[19 - azurn – leuchtend blau] Himmel hinauf. Die drei Herren sahen ihr bewundernd zu, der Conte Ubaldi im lockern Tennishemd, der Offizier in seiner straffkleidenden, sehnenspannenden Uniform, und der Herrenreiter in tadellosen Breeches, drei scharf profilierte männliche Gestalten wie Statuen um dies wie ein Schmetterling flatternde Spielding. Der alte Mann starrte selbst gefangen hin. Mein Gott, wie schön sie war in ihrem hellen fußfreien Kleid, die Sonne fließend zerstäubt im blonden Haar! Und wie selig diese jungen Glieder ihre eigene Leichtigkeit fühlten in Sprung und Lauf, berauscht und berauschend mit diesem rhythmisch lockern Gehorchen der Gelenke. Jetzt warf sie übermütig den weißen Tennisball in die Luft, einen zweiten, einen dritten ihm nach; wunderbar, wie in Biegen und Haschen die schlanke Gerte ihres Mädchenleibes sich schwang, aufschnellend jetzt, den letzten zu greifen. So hatte er sie nie gesehen, so aufgezündet von übermütigen Flammen, weiße, fliehende, wehende Flamme selbst mit dem silbernen Rauch des Lachens über dem Lodern des Leibes – eine jungfräuliche Göttin, dem Efeu des südlichen Gartens, dem weichen Blau des spiegelnden Sees panisch entstiegen: so tanzhaft wild spannte sich nie daheim dieser schmale starrsehnige Leib im eifernden Spiele. Nie, nein, nie hatte er sie so gesehen, innerhalb der dumpfen, mauergedrängten Stadt, nie ihre Stimme in Zimmer und Straße gehört so lerchenhaft losgebunden vom irdisch Dumpfen der Kehle in eine fast singende Heiterkeit, nein, nein, nie war sie so schön gewesen. Der alte Mann starrte und starrte hin. Er hatte alles vergessen, er sah nur und sah diese weiße, fliehende Flamme. Und so hätte er gestanden, endlos ihr Bild einsaugend mit leidenschaftlichem Blick, hätte sie nicht endlich mit flinker Drehung, mit einem jappenden aufflatternden Sprung auch den letzten der jonglierten Bälle aufgefangen und atmend, keuchend, erhitzt mit lachend stolzem Blick an die Brust gedrückt. „Brava, Brava“ -wie nach einer Opernarie applaudierten die drei Herren, die angeregt ihrem geschickten Fangball zugesehen. Diese gutturalen Stimmen weckten den alten Mann aus der Bezauberung. Grimmig starrte er sie an. „Da sind sie, die Schurken[20 - Schurke der; -n, -n; – jemand, der böse Dinge tut = Schuft]“, hämmerte ihm das Herz. „Da sind sie… Aber wer ist es von ihnen?… wer hat sie gehabt von den dreien?… Wie fein sie ausstaffiert sind, parfümiert und rasiert, diese Tagediebe… unsereins musste in ihrem Alter im Kontor sitzen mit ausgeflickten Hosen und sich die Absätze krumm treten bei den Kunden… und ihre Väter, die sitzen vielleicht heute noch so und schinden sich ihretwegen die Nägel blutig… sie aber fahren in der Welt herum, stehlen dem lieben Herrgott den Tag, haben braune, unbesorgte Gesichter und helle, freche Augen… da kann man leicht frisch sein und vergnügt und braucht so einem eitlen Kind nur ein paar verzuckerte Worte hinzuwerfen, und schon kriecht sie ins Bett… Aber wer ist es von den dreien, welcher ist es? … Einer von ihnen, ich weiß es, der sieht ihr durch das Kleid ins Nackte, und schmatzt mit der Zunge: die hab ich gehabt… kennt sie heiß und bloß und denkt sich, heute abend wieder, und blinzelt ihr zu, – oh, dieser Hund!… ihn totpeitschen können, diesen Hund!“ Man hatte ihn drüben bemerkt. Die Tochter schwang salutierend das Rakett und lachte ihm zu, die Herren grüßten. Er dankte nicht, starrte nur überschwemmten, blutunterlaufenen Blicks auf ihren übermütigen Mund: „Dass du noch so lachen kannst, du Schamlose… aber auch der eine da lacht vielleicht in sich hinein und denkt sich, da steht er, der alte dumme Jud, der nachts sein Bett zerschnarcht… wenn der wüsste, der alte Narr!… Ja, ich weiß, ihr lacht, ihr tretet über mich weg wie über einen schmutzigen Kotzen… aber die Tochter, die ist fesch und willig, die läuft euch hurtig ins Bett… und die Mutter, schon ein wenig dick ist sie und aufgetakelt, geschminkt und gestrichen, aber doch, redete man ihr zu, sie würde vielleicht auch noch ein Tänzchen wagen… Habt ja recht, ihr Hunde, habt ja recht, wenn sie euch nachrennen, die läufigen Weiber, die ehrlosen… Was geht’s euch an, dass sich dem ändern das Herz dabei zerkrümmt… wenn ihr nur euren Spaß habt, wenn sie nur ihren Spaß haben, die ehrlosen Weiber… Mit dem Revolver sollte man euch niederknallen, mit der Hetzpeitsche über euch fahren… Aber ihr habt ja recht, solang es keiner tut… solange man nur den Zorn in sich frisst wie ein Hund sein Ausgeworfenes… habt ja recht, wenn man so feig ist, so erbärmlich feig… nicht hingeht, die Schamlose packt und am Ärmel von euch wegreißt… wenn man bloß stumm dabeisteht, die Galle im Mund, feig… feig… feig..“ Mit den Händen hielt sich der alte Mann am Geländer, so schüttelte ihn ohnmächtiger Zorn. Und plötzlich spie[21 - speien (spie, hat gespien) – sich erbrechen] er vor den eigenen Fuß und taumelte aus dem Garten. Der alte Mann tappte hinein in die kleine Stadt, vor einer Auslage blieb er plötzlich stehen; allerhand Dinge touristischen Gebrauchs, Hemden und Netze, Blusen und Angelzeug, Krawatten, Bücher, Backwerk bauten sich dort aus zufälligem Beieinander zu künstlichen Pyramiden und farbigen Etageren. Aber sein Blick starrte nur auf ein einziges Ding, das verachtet zwischen dem eleganten Gerümpel[22 - Gerümtel das; -s; nur Sg, – alte Dinge, die kaputt oder nutzlos sind (und irgendwo aufbewahrt werden)] lag: ein Knotenstock, dick und klobig, mit eiserner Bergspitze gehärtet, schwer in der Hand und furchtbar wohl niederfallend im Schlag. „Niederschlagen… niederschlagen, den Hund!“ Der Gedanke versetzte ihn in einen wirren, fast wollüstigen Taumel; es stieß ihn hinein in die Kramerei, wo er jenen knolligen Kolben gegen geringes Entgelt erstand. Und kaum das schwere, wuchtiggefährliche Ding in der Faust, fühlte er sich stärker: immer macht ja eine Waffe den körperlich Schwachen mehr seiner gewiss. Er spürte, wie vom Griff her die Muskeln vehementer sich spannten: „Niederschlagen… niederschlagen, den Hund!“ murmelte er zu sich selbst, und unbewusst wurde sein schwer stolpernder Schritt fester, aufrechter, geschwinder; er ging, ja er lief den Strandweg auf und ab, schweiß atmend schon, aber mehr dank der durchgebrochenen Leidenschaft als des beschleunigten Ganges. Denn immer hitziger krampfte sich die Hand an den wuchtigen Griff. Mit seiner Waffe trat er in die bläuliche Schattenkühle der Halle, sofort gereizten Blicks den unsichtbaren Gegner suchend. Und wirklich, in der Ecke, auf den weichen Strohkörben saßen sie alle beisammen, Whisky und Soda aus dünnen Strohröhren saugend, heiter gesprächig in faulenzerischer Geselligkeit: seine Frau, seine Tochter und die unvermeidlichen drei. „Welcher ist es? welcher ist es?“ dachte er dumpf, die Faust um den schweren Knoten gepresst. „Wem von ihnen den Schädel zerschlagen?… wem?… wem?“ Aber schon sprang, sein unruhiges Suchen missverstehend, Erna auf und ihm entgegen. „Da bist du, Papachen! Wir haben dich überall gesucht. Denk dir, Herr von Medwitz nimmt uns mit in seinem Fiat, wir fahren bis nach Desenzano den ganzen See entlang.“ Dabei drängte sie ihn zärtlich dem Tische zu, als ob er sich für die Einladung noch bedanken sollte. Die Herren waren höflich aufgestanden und boten ihm die Hand. Der alte Mann zitterte. Aber an seinem Arme lag weich und betäubend dies Beschwichtigende ihrer warmen Gegenwart. In einer Ohnmacht des Willens nahm er, eine nach der ändern, die dargebotene Hand, setzte sich stumm, holte eine Zigarre heraus und kaute den Zorn seiner verbissenen Zähne in die weiche Masse. Über ihn hinweg flatterte das abgerissene Gespräch, französisch geführt, von übermütigem Lachen mehrstimmig überflogen. Der alte Mann saß stumm geduckt und biss an seiner Zigarre, dass der Saft ihm braun in die Zähne rann. „Recht haben sie… recht haben sie“, dachte er. „Anspucken soll man mich… jetzt habe ich ihm noch die Hand gereicht!… allen dreien, aber ich weiß doch, dass einer von ihnen der Schurke ist… ruhig sitze ich am selben Tisch mit ihm… ich schlage ihn nicht nieder, nein, ich schlage ihn nicht nieder, ich reiche ihm höflich die Hand… Recht haben sie, ganz recht, wenn sie über mich lachen… Und wie sie über mich hinwegreden, als ob ich gar nicht da wäre!… als ob ich schon unter der Erde läge… und dabei wissen doch beide, Erna und ihre Mutter, dass ich kein Wort Französisch verstehe… beide wissen sie’s, beide, aber keine fragt mich irgend etwas nur zum Schein, nur damit ich nicht so lächerlich dasitze, so entsetzlich lächerlich… Luft bin ich für sie, Luft… ein unangenehmes Anhängsel, etwas Lästiges, Störendes … etwas, dessen man sich schämt und das man nur nicht wegtut, weil es Geld verdient… Geld, Geld, dieses dreckige, erbärmliche Geld, mit dem ich sie verdorben habe… dieses Geld, auf dem der Fluch Gottes liegt… Kein Wort reden sie zu mir, meine Frau, mein eigenes Kind, nur für diese Lungerer, für diese glatten, geputzten Laffen haben sie Blicke… wie sie ihnen zulachen, aufgekitzelt, als wären sie ihnen mit der Hand ans Fleisch gefahren… Und ich, ich dulde das alles… Ich sitze da, höre zu, wie sie lachen, und verstehe nichts, und sitze doch da, statt aufzuschlagen mit der Faust… da, mit dem Stock auf sie zu dreschen und sie auseinanderzutreiben, ehe sie sich zu paaren beginnen vor meinen eigenen Augen… ich erlaube das alles… ich sitze da, stumm, dumm, feig… feig… feig…“ „Gestatten Sie“, fragte in diesem Augenblick in mühseligem Deutsch der italienische Offizier und griff nach dem Feuerzeug. Da fuhr, aufgeschreckt aus seinen gehitzten Gedanken, der alte Mann empor und starrte den Ahnungslosen grimmig an. Der Zorn stand noch heiß in ihm. Einen Augenblick krampfte die Hand den Stock. Dann aber zerrte sich der Mund schon wieder schief herab und zerging in ein unsinniges Grinsen: „Oh, ich gestatte“, wiederholte er, und die Stimme schlug schneidend über. „Gewiss gestatte ich, hehe… alles gestatte ich… was Sie wollen… hehe… alles gestatte ich… alles, was ich habe, steht ja zu Ihrer Verfugung… mit mir kann man sich alles gestatten…“ Der Offizier sah ihn befremdet an. Der Sprache unkund, hatte er nicht ganz verstanden. Aber dieses schiefe, grinsende Lachen beunruhigte ihn. Der deutsche Herr fuhr unwillkürlich auf, die beiden Frauen kalkweiß – für einen Augenblick stand die Luft zwischen ihnen allen starr und atemlos wie in der dünnen Pause zwischen Blitz und dem nachrollenden Donner. Aber dann lockerte sich die wilde Verzerrung, der Stock glitt aus der gekrampften Faust. Wie ein geprügelter Hund kroch der alte Mann in sich zurück und hüstelte verlegen, von seiner eigenen Kühnheit erschreckt. Hastig knüpfte Erna, um die peinliche Spannung abzuschwächen, das abgerissene Gespräch neuerdings an; der deutsche Baron antwortete mit sichtlich beflissener Heiterkeit, und nach wenigen Minuten schon lief der gestockte Schwall wieder sorglos dahin. Der alte Mann saß vollkommen abwendig inmitten der Schwatzenden, man hätte glauben können, er schliefe. Der wuchtige Stock, seinen Händen entsunken, pendelte[23 - pendeln – etwas hängen lassen und hin und her schwingen] zwecklos zwischen den Beinen. Immer tiefer glitt das Haupt in die aufgestützte Hand. Aber niemand achtete mehr auf ihn: über sein Schweigen rollte die plaudernde Woge klingend hinweg, manchmal sprühte an übermütig scherzendem Wort Schaum von Gelächter funkelnd empor; er aber lag unten reglos in unendlichem Dunkel, ertrunken in Scham und Schmerz. Die drei Herren standen auf, Erna folgte eilfertig und langsamer die Mutter; sie gingen, heiterem Vorschlag folgend, ins Musikzimmer nebenan und hielten es nicht für nötig, den dumpf vor sich Hindösenden besonders aufzufordern. Erst von der plötzlichen Leere um sich betroffen, wachte er auf, wie ein Schlafender aufschreckt vom Gefühl der Kälte, wenn nachts die Decke heruntergeglitten ist und kalte Zugluft den bloßen Leib überstreicht. Unwillkürlich tappte der Blick auf die verlassenen Sessel; aber da hämmerte schon vom Klaviersalon nebenan klapprig und reißerisch ein Jazz, er hörte Lachen und aufmunternde Rufe. Sie tanzten nebenan. Ja, tanzen, immer tanzen, das konnten sie! Immer wieder sich das Blut aufjagen, immer sich geil aneinanderreiben, bis der Braten gar war. Tanzen, abends, nachts und am hellichten Tag, die Faulenzer, die Müßiggänger, damit kirrten sie die Weiber. Erbittert fasste er wieder den derben Stock und schlurfte ihnen nach. An der Tür blieb er stehen. Der deutsche Herrenreiter saß am Klavier und rasselte, halb umgewendet, um den Tanzenden gleichzeitig zuzusehen, auswendig und ungefähr einen amerikanischen Gassenhauer über die Tasten. Erna tanzte mit dem Offizier, die Mutter, schwerfällig und stark, schob der langstielige Conte Ubaldi nicht ohne Mühe rhythmisch vor und zurück. Aber der alte Mann starrte nur auf Erna und ihren Partner. Wie der Windhund leicht und schmeichlerisch seine Hände auf ihre zarte Schulter legte, als gehöre dieses Wesen ihm gänzlich an! Wie ihr Körper wiegend und hingebend, gleichsam sich versprechend, an den seinen drängte, wie sie ineinanderwuchsen vor seinen eigenen Augen in mühsam verhaltener Leidenschaft! Ja, der war es, der – denn in diesen beiden flutenden Körpern glühte sichtlich ein Einanderkennen, eine schon ins Blut gedrungene Gemeinschaft. Ja, der war es, der – nur der konnte es sein, er las an ihren Augen, die, halbgeschlossen und doch überströmend, in diesem flüchtigen Schweben ein heißer Genossenes erinnernd widerstrahlten – der war es, der Dieb, der nächtens glühend griff und durchdrang, was sich jetzt in dünnem wogendem Kleid halbdurchsichtig verhehlte, sein Kind, sein Kind! Unwillkürlich trat er heran, sie jenem wegzureißen. Aber sie bemerkte ihn nicht. Mit jeder Bewegung dem Rhythmus, dem unmerklich sie lenkenden Druck des Führers, des Verführers hingegeben: rückgelehnten Hauptes mit feucht geöffnetem Mund, ganz Trunkenheit und Selbstvergessen, wogte sie leise im weichen Geström der Musik, den Raum nicht fühlend, die Zeit nicht und den Menschen, den zitternden, keuchenden alten Mann, der blutunterlaufenen Blicks auf sie starrte in einer fanatischen Verzückung des Zornes. Nur sich selbst fühlte sie, ihre eigenen jungen Glieder, widerstandslos folgend dem knatternden Riss der jappenden, wirbelnden Tanzmelodie; nur sich selbst fühlte sie und dass ein Männliches atemnah sie begehrte, starker Arm sie umfing und sie sich bewahren musste in dieser weichen Schwebe, ihm nicht entgegenzustürzen mit begehrlichen Lippen und heiß einziehender Luft des Sich-Gebens. Und all dies war magisch dem alten Mann im eigenen erschütterten Blut bewusst: immer, wenn der Tanz sie von ihm wegströmte, war ihm, als ginge sie unter für immer. Plötzlich riss wie eine klirrende Saite[24 - Saite die; -, -n; – eine Art Faden oder Draht aus Metall, Tierdarm oder Kunststoff, der an einem Musikinstrument die Töne erzeugt, wenn man ihn streicht oder zupft] die Musik mitten im Takte ab. Der deutsche Baron sprang auf: „Assez joué pour vous“, lachte er. „Maintenant je veux danser moimême.[25 - Maintenant je veux danser moimême (fr.) – Wollen sie tanzen!] “ Alle stimmten übermütig bei, die Gruppe löste sich aus der bewegten Zweiheit des Tanzes in ein locker flatterndes Beisammensein. Der alte Mann kam wieder zu sich: etwas tun jetzt, etwas sagen! Nicht so tölpelig, so jämmerlich überflüssig dabeistehen! Eben wogte seine Frau vorbei, ein wenig keuchend von der Anstrengung und doch warm von Zufriedenheit. Der Zorn gab ihm einen plötzlichen Entschluss. Er trat ihr in den Weg: „Komm“, keuchte er ungeduldig, „ich habe mit dir zu reden.“ Sie blickte ihn verwundert an: Schweißperlen feuchteten ihm die blasse Stirn, seine Augen blickten irr. Was wollte er denn? Warum gerade jetzt sie stören? Schon formte sich ausweichendes Wort auf der Lippe; aber da war etwas so Zuckendes, so Gefährliches in seinem Gehaben, dass sie, des grimmigen Ausbruchs von vordem sich plötzlich erinnernd, ihm widerwillig folgte. „Excusez, messieurs, un instant![26 - Excusez, messieurs, un instant (fr.) – Moment, bitte!] “ wandte sie sich zuvor noch entschuldigend zu den Herren zurück. „Bei ihnen entschuldigt sie sich“, dachte ingrimmig der Aufgeregte, „bei mir haben sie sich nicht entschuldigt, wie sie vom Tisch aufgestanden sind. Ich bin der Hund für sie, der Fußfetzen, auf dem man herumtritt. Aber sie haben recht, sie haben recht, wenn ich es dulde.“ Sie wartete mit streng hochgezogenen Augenbrauen; wie ein Schüler vor dem Lehrer stand er zuckender Lippe vor ihr. „Nun?“ forderte sie ihn schließlich heraus. „Ich will nicht… ich will nicht…“ stammelte er endlich unbeholfen. „Ich will nicht, dass ihr…, dass ihr mit diesen Leuten da verkehrt.“ „Mit welchen Leuten?“ – absichtlich nicht verstehend, hob sie indigniert den Blick, als hätte er sie selber beleidigt. „Mit denen da“ – wütend schwenkte er seinen niedern Kopf in die Richtung des Musikzimmers hinüber -, „es passt mir nicht… ich will es nicht…“ „Und warum nicht?“ „Immer dieser inquisitorische Ton“, dachte er erbittert, „als ob ich ihr Bedienter wäre“; und aufgeregter stotterte er: „Ich habe meine Gründe… Es passt mir nicht… Ich will nicht, dass Erna mit diesen Leuten spricht… Ich muss nicht alles sagen.“ „Dann tut es mir leid“, hochfahrend lehnte sie ab. „Ich finde alle drei Herren außerordentlich wohlerzogene Leute, weit bessere Gesellschaft, als wir sie zu Hause finden.“ „Bessere Gesellschaft!… Diese Tagediebe… diese … diese“… Der Zorn würgte immer unerträglicher. Und plötzlich stampfte er auf. „Ich will es nicht… ich verbiete es… hast du verstanden?“ „Nein“, antwortete sie kaltblütig. „Ich habe gar nichts verstanden. Ich weiß nicht, warum ich dem Kind sein Vergnügen verderben sollte…“ „Sein Vergnügen!… sein Vergnügen!… „ er taumelte wie unter einem Hieb, rot das Gesicht, die Stirn überströmt von feuchtem Schweiß – die Hand tastete ins Leere nach dem schweren Stock, sich anzuhalten oder loszuschlagen damit. Aber er hatte ihn vergessen. Das brachte ihn wieder zu sich. Er zwang sich – eine warme Welle strich ihm plötzlich über das Herz. Er trat näher, als wollte er ihre Hand fassen. Seine Stimme wurde ganz klein, bettlerisch fast. „Du… du verstehst mich nicht … ich will ja nichts für mich… ich bitte euch nur darum … es ist meine erste Bitte seit Jahren: fahren wir fort von hier… fort, nach Florenz, nach Rom, wohin ihr wollt, alles ist mir recht… Ihr könnt alles bestimmen, ganz wie ihr wollt… nur fort von hier, ich bitte dich… fort,… nur fort, heute noch… heute… ich… ich kann es nicht länger ertragen… ich kann nicht.“ „Heute?“ sie runzelte erstaunt und abweisend die Stirne. „Heute abreisen? Was sind das für lächerliche Ideen … und nur weil dir die Herren unsympathisch sind… Du musst ja nicht mit ihnen verkehren.“ Er stand noch da, die Hände flehentlich erhoben. „Ich kann es nicht ertragen, habe ich dir gesagt… ich kann nicht, ich kann nicht. Frag mich nicht weiter, ich bitte dich… aber glaube mir, ich kann es nicht ertragen… ich kann es nicht. Einmal tut mir etwas zuliebe, ein einziges Mal für mich…“ Darüben hatte das Klavier wieder zu hämmern begonnen. Sie blickte auf, von diesem Schrei wider Willen gefasst; aber wie unsagbar lächerlich sah er aus, der kleine dicke Mann, das Gesicht rot wie vor einem Schlagfluß, die Augen wirr und verquollen, die Hände aus zu kurzen Ärmeln zitternd ins Leere erhoben: es war peinlich, ihn so jämmerlich stehen zu sehen. Das mildere Gefühl erstarrte im Wort: „Das ist unmöglich“, entschied sie, „für heute haben wir ihnen die Ausfahrt zugesagt… und morgen abreisen, wo wir für drei Wochen gemietet haben… man machte sich ja lächerlich… ich sehe nicht den mindesten Anlass für eine Abreise… ich bleibe da und Erna auch…“ „Und ich kann gehen, nicht wahr?… ich störe ja hier nur… störe nur euer… Vergnügen.“ Mit diesem dumpfen Aufschrei zerhieb er ihr den Satz mitten im Wort. Sein geduckter, massiger Leib hatte sich aufgebäumt, Hände waren Fäuste geworden, auf der Stirn zitterte gefährlich die Ader des Zornes. Noch wollte etwas heraus aus ihm, Wort oder Schlag. Aber plötzlich wandte er sich mit einem Ruck, stolperte rasch und immer rascher mit seinen schwerfälligen Beinen zur Treppe und hastig wie ein Verfolgter die Stufen hinauf. Der alte Mann keuchte hastig die Stufen hinauf: nur in das Zimmer jetzt, allein sein, sich bändigen, die Nerven niederpressen, nichts Unsinniges tun! Schon hatte er das obere Stockwerk erreicht, da – es war, als risse ihm von innen her eine glühende Kralle die Eingeweide auf – da taumelte er plötzlich kalkweiß an die Wand. Oh, dieser rasende, brennendknetende Schmerz; er musste die Zähne zusammenpressen, um nicht laut herauszuschreiben. Stöhnend krümmte sich der überfallene Leib. Sofort wusste er, was ihn betroffen: ein Gallenkrampf, einer dieser furchtbaren Anfälle, wie sie in letzter Zeit ihn oft gequält, nie aber noch mit einer so teuflischen Marter wie diesmal. „Keine Aufregungen“, hatte der Arzt gesagt – im gleichen Augenblick fiel es ihm ein, mitten im Schmerz. Und mitten im Schmerz höhnte er sich ingrimmig noch selbst. „Leicht gesagt, keine Aufregungen… soll’s mir einmal vormachen, der Herr Professor, wie man sich nicht aufregt, wenn man… oh… oh…“ Der alte Mann wimmerte, so glühend wühlte die unsichtbare Kralle im gefolterten Leib. Mit Mühe schleppte er sich bis zur Tür seines Salons, stieß sie auf und fiel hin auf die Ottomane, die Zähne in die Kissen verbeißend. Im Liegen ließ der Schmerz sofort ein wenig nach, die heißen Nägel griffen nicht mehr so teuflisch tief in die grausam wunden Eingeweide. „Einen Umschlag sollte ich mir machen“, erinnerte er sich, „die Tropfen nehmen, dann wird es gleich besser.“ Aber niemand war da, ihm aufzuhelfen, niemand. Und er selbst hatte keine Kraft, sich in das andere Zimmer zu schleppen oder auch nur bis zur Klingel hin. „Niemand ist da“, dachte er erbittert, „wie ein Hund werde ich einmal krepieren… denn ich weiß ja, was da weh tut, das ist nicht die Galle… das ist der Tod, der in mir wächst… ich weiß, ich bin ein geschlagener Mann, und keine Professoren, keine Kuren können mir helfen … mit funfundsechzig Jahren wird man nicht mehr gesund… ich weiß, was da bohrt und wühlt in mir, das ist der Tod, und die paar Jahre, die mir noch bleiben, das wird nicht mehr Leben sein, nur Sterben, nur Sterben… Aber wann, wann habe ich denn gelebt?… gelebt für mich, für mich selbst?… Was war das für ein Leben: immer nur Geld gescharrt, Geld, Geld, immer nur für andere, und jetzt, was hilft es mir jetzt?… Eine Frau habe ich gehabt, als Mädchen habe ich sie genommen, ihren Leib hab ich aufgetan, und ein Kind hat sie mir geboren; Jahr für Jahr hat man gleichen Atem getan im gleichen Bett… und jetzt, wo ist sie jetzt… ich erkenne ihr Gesicht nicht mehr… ganz fremd redet sie zu mir und denkt nie an mein Leben, an all das, was ich fühle und leide und denke… ganz fremd ist sie mir seit Jahr und Jahr… Wo ist das hingegangen, wo ist das hin… und ein Kind hat man gehabt… aus den Händen ist sie einem gewachsen, ich hab geglaubt, hier fängt man noch einmal an zu leben, heller, glücklicher, als es einem selber vergönnt war, hier stirbt man nicht ganz… und da geht sie nachts von einem weg und wirft sich Männern hin… Nur mir allein werd’ ich sterben, nur mir allein… denn für die ändern bin ich schon gestorben… Mein Gott, mein Gott, nie war ich so allein…“ Die Kralle griff manchmal grimmig zu und ließ dann wieder nach. Aber der andere Schmerz hämmerte immer tiefer in die Schläfen hinein; die Gedanken, diese harten, diese spitzen, unbarmherzig heißen Kieselstücke stachen in die Stirn: nur nicht denken jetzt, nur nicht denken! Der alte Mann hatte Rock und Weste aufgerissen – plump und unförmig zitterte der geblähte Leib unter dem gebauchten Hemd. Vorsichtig presste er die Hand auf die schmerzende Stelle. „Nur was da weh tut, bin ich“, fühlte er, „nur das bin ich, einzig nur dieses Stück heißer Haut… und einzig, was da innen umwühlt, nur das gehört noch mir, das ist meine Krankheit, mein Tod… nur das bin ich … das heißt nicht Kommissionsrat mehr und hat nicht Frau und Kind und Geld und Haus und ein Geschäft… und nur das allein da ist wirklich, was ich mit den Fingern fühle, mein Leib und das Heiße in ihm innen, das weh tut… Alles andere ist Narrheit, hat keinen Sinn mehr… denn was da weh tut, tut nur mir allein weh… was mich sorgt, sorgt nur mich allein… sie verstehen mich nicht mehr und ich nicht mehr sie… ganz allein ist man mit sich selbst, nie hab ich’s so gespürt. Jetzt aber weiß ich’s, wo ich daliege und den Tod wachsen fühle unter der Haut, jetzt zu spät, im fünfundsechzigsten Jahr, knapp vor dem Verrecken, jetzt, indes sie tanzen und Spazierengehen oder sich umhertreiben, diese ehrlosen Weiber… jetzt weiß ich’s, dass ich nur ihnen gelebt, die mir’s nicht danken, und nie, nicht eine Stunde, mir selber … Aber was gehen sie mich noch an… was gehen sie mich noch an… wozu an sie denken, die nie an mich denken?… Lieber krepieren, als von ihnen Mitleid nehmen… was gehen sie mich noch an…“ Nach und nach, schrittweise zurückweichend, ließ ihn der Schmerz: nicht mehr so krallig, nicht mehr so glühend griff diese grimmige Hand in den Leidenden hinein. Aber irgendein Dumpfes blieb, kaum als Schmerz mehr fühlbar, etwas Fremdes drückte und drängte, das nach innen seinen Stollen grub. Der alte Mann lag mit geschlossenen Augen und lauschte angespannt auf dies leise Zerren und Zehren: ihm war, als höhlte diese fremde, unbekannte Macht erst mit spitzem, jetzt mit stumpferem Werkzeug etwas in ihm aus, als lockerte und löste sich, Faser um Faser, etwas in seinem verschlossenen Leib. Es riss nicht mehr so wild. Es tat nicht mehr weh. Aber doch, etwas schwelte und faulte da leise innen, etwas fing an abzusterben. Alles, was er gelebt, alles, was er geliebt, verging in dieser langsam zehrenden Flamme, brannte schwarz und schwelend, ehe es mürb und verkohlt niederfiel in einen lauen Schlamm von Gleichgültigkeit. Etwas geschah, er spürte es dumpf, etwas geschah, indes er so lag und leidenschaftlich sein Leben überdachte. Etwas ging zu Ende. Was war es? Er lauschte und lauschte in sich hinein. Und allmählich begann der Untergang seines Herzens. Er lag, geschlossenen Auges, der alte Mann, in dem dämmernden Zimmer. Halb wachte er noch, halb träumte er schon. Und da, zwischen Schlummer und Wachen, schien es dem wirr Fühlenden so: ihm war, als sickerte von irgendwo (von einer Wunde, die nicht schmerzte und die er nicht wusste) ein Feuchtes, ein Heißes leise nach innen, als blute er sich aus in sein eigenes Blut. Es tat nicht weh, dies unsichtbare Fließen, es strömte nicht stark. Nur ganz langsam wie Tränen rinnen, rieselnd und lau, so fielen die Tropfen herab, und jeder von ihnen schlug mitten ins Herz. Aber das Herz, das dunkle, gab keinen Ton, still sog es dies fremde Geström in sich ein. Wie ein Schwamm sog sich’s an, wurde schwerer und schwerer davon, schon schwoll es an, schon quoll es auf in dem engen Gefüge der Brust. Allmählich voll und übervoll vom eigenen erfüllten Gewicht begann es leise nach abwärts zu ziehen, die Bänder zu dehnen, an den Muskeln, an den straffen, zu zerren, immer lastender drückte und drängte das schmerzhafte Herz, riesenhaft groß schon, hinab, der eigenen Schwere nach. Und jetzt (wie weh das tat!), jetzt löste das Schwere sich los aus den Fasern des Fleisches – ganz langsam, nicht wie ein Stein, nicht wie fallende Frucht; nein, wie ein Schwamm, vollgesogen von Feuchtem, sank es tiefer, immer tiefer hinab in ein Laues, ein Leeres, irgendwo hinab in ein Wesenloses, das außer ihm selber war, eine weite, unendliche Nacht. Und mit einem Male wurde es grauenhaft still an der Stelle, wo eben noch dies warme, quellende Herz gewesen: etwas gähnte dort leer, unheimlich und kalt. Es klopfte nicht mehr, es tropfte nicht mehr: ganz still war es innen geworden, ganz tot. Und hohl und schwarz wie ein Sarg wölbte sich die schauernde Brust um dies stummunbegreifliche Nichts. So stark war dieses Traumgefühl, so tief die Verworrenheit, dass der alte Mann, als er aufdämmerte, unwillkürlich hingriff an die linke Brust, ob er sein Herz nicht mehr in sich hätte. Aber, gottlob! da schlug noch etwas, dumpf und rhythmisch unter dem tastenden Finger, und doch war’s, als wäre dies nur tauber Schlag ins Leere und sein Herz weg. Denn sonderbar: es schien mit einemmal ihm der eigene Leib wie von sich weggetan. Kein Schmerz zerrte mehr, kein Erinnern zuckte mit gefoltertem Nerv, alles war stumm da innen, starr und versteint. „Wie ist das?“ dachte er, „eben hat mich so vieles gequält, eben war das Innen da noch heiß überdrängt, eben zuckte noch jede Fiber. Was ist mir geschehen?“ Wie in ein Hohles horchte er hinein, ob das Frühere sich nicht rührte. Aber ganz weit war dies Rieseln und Rauschen, dies Tropfen und Klopfen – er horchte und horchte —, nichts, nichts, nichts hallte zurück. Nichts quälte mehr, nichts quoll mehr auf, nichts schmerzte mehr: leer und schwarz wie die Höhlung eines ausgebrannten Baumes musste das da innen sein. Und mit einemmal war ihm, als ob er schon gestorben wäre oder etwas in ihm gestorben, so grauenhaft stumm stockte das Blut. Kalt wie ein Leichnam lag unter ihm sein eigener Leib, er hatte Angst, ihn anzufühlen mit der warmen Hand. Der alte Mann horchte in sich hinein: er hörte nicht, dass immer wieder die Glocken vom See ihre Stunden herein in sein Zimmer schlugen, jede in mehr Dämmerung gehüllt. Rings um ihn wuchs schon die Nacht, Dunkel strich die Dinge aus dem wegfließenden Raum; selbst der hellere Himmel im Viereck des Fensters erlosch vollkommen in Finsternis. Der alte Mann merkte es nicht, er starrte nur in das Schwarze in sich, er horchte nur in das Leere in sich hinein wie in den eigenen Tod. Da endlich brach ins Nachbarzimmer Gelächter und Übermut, Licht flammte nebenan – ein Strahl davon spritzte durch die nur angelehnte Tür. Der alte Mann schreckte auf: seine Frau, seine Tochter! Gleich würden sie ihn hier auf dem Ruhebett finden, ihn fragen. Eilig knöpfte er sich Rock und Weste: was brauchten sie von seinem Anfall zu wissen, was ging es sie an? Aber die beiden Frauen suchten ihn nicht. Sie hatten Eile offenbar, ungestüm hämmerte der Gong seine dritte Ladung zum Diner. Sie richteten sich anscheinend her: der Lauschende hörte durch die offen Türe jede Bewegung. Jetzt schoben sie die Läden auf, jetzt legten sie leise klirrend die Ringe auf die Waschtische, jetzt polterten Schuhe zu Boden, und zwischendurch redeten sie: jedes Wort, jede Silbe ging grauenhaft verständlich dem Horchenden ins Ohr. Erst sprachen und spotteten sie über die Herren, über kleinen Zufall der Fahrt, durchaus Leichtes und Lockeres im stolpernden Durcheinander während dieses Sich-Waschens und Bückens und Putzens. Da plötzlich schwenkte das Gespräch auf ihn über. „Wo ist denn Papa?“ hatte Erna gefragt, voll Verwunderung, so spät an ihn zu denken. „Wie soll ich’s wissen“ – das war die Stimme der Mutter, sofort verärgert bei der bloßen Erwähnung. „Wahrscheinlich wartet er unten in der Halle und liest zum hundertstenmal die Kurse in der Frankfurter Zeitung – sonst interessiert ihn ja nichts. Glaubst du, dass er sich den See überhaupt nur angesehen hat? Es gefällt ihm hier nicht, hat er mir heute mittag gesagt. Heute, wünschte er, sollten wir noch abreisen.“ „Heute noch abreisen?… Ja, warum denn?“ Das war wieder Ernas Stimme. „Ich weiß nicht. Wer kennt sich in ihm aus. Unsere Gesellschaft konveniert ihm nicht, die Herren stehen ihm offenbar nicht zu Gesicht – wahrscheinlich fühlt er selbst, wie schlecht er zu ihnen passt. Wirklich eine Schande, wie er herumgeht, immer die Kleider zerdrückt, mit offenem Kragen… Du solltest ihn doch aufmerksam machen, wenigstens abends sich ein bisschen soignierter zu halten, auf dich hört er ja. Und heute vormittag… ich habe geglaubt, ich müsste in die Erde sinken, wie er den Tenente wegen des Feuerzeugs anfuhr…“ „Ja, Mama… was war das?… Ich wollte dich schon fragen… Was war das mit Papa?… So habe ich ihn nie gesehen… ich bin wirklich erschrocken.“ „Ach was, schlechte Laune war es… wahrscheinlich sind die Kurse gefallen… oder weil wir Französisch gesprochen haben… Er kann es nicht vertragen, wenn andere vergnügt sind… Du hast’s ja nicht bemerkt: während wir tanzten, stand er an der Tür wie ein Mörder hinter dem Baum… Abreisen! Auf der Stelle abreisen! und nur weils ihm plötzlich so beliebt… Wenns ihm hier nicht gefällt, soll er doch uns unsere Freude lassen… aber ich kümmere mich nicht um seine Launen, er soll sagen und tun, was er will.“ Das Gespräch stockte. Offenbar war während des Redens die Abendtoilette beendet: ja, die Tür wurde geöffnet, jetzt gingen sie aus dem Zimmer, der Kontakt knackte, das Licht erlosch. Der alte Mann saß ganz still auf der Ottomane[27 - Ottomane die; -n – eine Art des Sofas]. Er hatte jedes Wort gehört. Aber sonderbar: es tat nicht mehr weh, gar nicht mehr weh. Das, was früher gehämmert und gerissen, dies wilde Uhrwerk, stand ganz still in der Brust, es musste zerbrochen sein. Nichts zuckte auf an dieser scharfen Berührung. Kein Zorn, kein Hass… nichts… nichts… Ruhig knöpfte er die Kleider zu, tappte vorsichtig die Treppe hinab und setzte sich hin an ihren Tisch wie zu fremden Menschen. Er sprach nicht zu ihnen an jenem Abend, sie beide wiederum merkten das wie Fäuste geballte Schweigen nicht. Ohne Gruß ging er dann wieder in sein Zimmer, legte sich zu Bett und löschte das Licht. Viel später erst kam seine Frau von heiterer Unterhaltung; da sie ihn schlafend meinte, kleidete sie sich im Dunkel aus. Bald hörte er ihre schweren, unbesorgten Atemzüge. Der alte Mann, allein mit sich selbst, starrte offenen Auges in das grenzenlos Leere der Nacht. Neben ihm lag etwas im Dunkel und atmete tief: er bemühte sich zu erinnern, dass dieser Körper, der da gleiche Luft des gleichen Zimmers trank, derselbe war, den er jung und glühend gekannt, der ihm ein Kind gegeben, ein Körper, ihm verbunden durch das tiefste Geheimnis des Bluts; immer wieder zwang er sich, zu denken, dass dies Warme und Weiche nebenan, das er mit der Hand anrühren konnte, einmal Leben gewesen in seinem Leben. Aber sonderbar: dies Erinnern erregte kein Gefühl mehr. Und er hörte diese Atemzüge nicht anders, als von dem offenen Fenster die murmelden kleinen Flutwellen, die glucksend an den Kieseln des Ufers schmatzten. All das war ferne und wesenlos, nur mehr ein Nebenan, ein Zufalliges und Fremdes: vorbei, für immer vorbei. Einmal zitterte er noch auf: ganz leise und schleicherisch ging nebenan die Tür vom Zimmer der Tochter. „Also heute wieder“ – einen kleinen heißen Stich noch fühlte er in dem schon totgemeinten Herzen. Eine Sekunde zuckte da etwas wie ein Nerv, ehe er ganz abstirbt. Dann war auch dies vorbei: „Mag sie tun, was sie will! Was geht sie mich noch an!“ Und der alte Mann legte sich wieder zurück in das Kissen. Weicher drängte das Dunkel an die schmerzenden Schläfen, schon sickerte blaue Kühle wohltätig ins Blut. Und bald überschattete ein dünner Schlummer die entkräfteten Sinne. Als die Frau morgens erwachte, sah sie ihren Mann schon in Mantel und Hut. „Was tust du da?“ fragte sie noch schlaftrunken. Der alte Mann wandte sich nicht um, gleichmütig stopfte er noch Nachtzeug in den Handkoffer. „Du weißt ja, ich fahre zurück. Ich nehme nur das Nötigste mit, das andere könnte ihr mir nachschicken.“ Die Frau schrak auf. Was war das? So hatte sie seine Stimme nie gehört: ganz kalt, ganz starr stieß jedes Wort sich aus den Zähnen. Mit beiden Beinen fuhr sie aus dem Bett. „Du willst doch nicht abreisen?… warte… wir fahren doch auch, ich habe es schon Erna gesagt… „ Aber er winkte nur heftig ab. „Nein… nein… Lasst euch nicht stören.“ Und ohne sich umzusehen, tappte er zur Tür. Die Klinke niederzudrücken, musste er den Koffer für einen Augenblick auf den Boden stellen. Und in dieser einen zuckenden Sekunde erinnerte er sich: tausendmal hatte er so den Musterkoffer vor fremder Tür abgestellt, ehe er mit rückgewendetem Bückling hinausging, servil[28 - servil Adj – bereit, jedem, der einen höheren Rang hat, zu schmeicheln und ihn zu bedienen = unterwürfig, kriecherisch] sich für weitere Aufträge empfehlend. Aber hier hatte er keinerlei Geschäft mehr: so unterließ er jeden Gruß. Ohne Blick, ohne Wort hob er die Reisetasche wieder auf und schlug klirrend die Klinke zwischen sich und sein früheres Leben. Sie verstanden nicht, Mutter und Tochter, was geschehen war. Aber das auffällig Brüske und Entschlossene dieser Abreise beunruhigte beide. Sofort schrieben sie ihm Briefe, umständlich erklärende, ein Missverständnis vermutende, beinahe zärtliche, in die süddeutsche Heimat nach, fragten voll Sorge, wie er gereist, wie er angekommen sei, erklärten sich plötzlich nachgiebig und jederzeit bereit, den Aufenthalt abzubrechen. Er antwortete nicht. Sie schrieben dringlicher, sie telegraphierten: keine Antwort kam. Nur vom Geschäft aus traf die Summe ein, die einer der Briefe als nötig erwähnt: eine Postanweisung mit Firmastempel ohne eigenhändiges Wort, ohne Gruß. Ein so unerklärlicher und drückender Zustand ließ sie die Heimreise beschleunigen. Obwohl telegraphisch angemeldet, erwartete sie niemand am Bahnhof, auch zu Hause trafen sie alles unvorbereitet: der alte Mann hätte zerstreut, wie die Dienstleute versicherten, die Depesche auf dem Tisch liegen gelassen und sei ohne Weisung weggegangen. Abends, sie saßen schon beim Essen, hörten sie endlich die Haustüre: Sie sprangen auf und ihm entgegen. Er starrte sie überrascht – offenbar hatte er die Depesche vergessen —, doch ohne den Ausdruck besonderen Gefühls an, duldete gleichmütig die Umarmung der Tochter, ließ sich in das Speisezimmer führen und erzählen. Aber er stellte keine Fragen, sog stumm an seiner Zigarre, antwortete manchmal karg, manchmal überhörte er die Fragen und Ansprache: es war, als ob er mit offenen Augen schliefe. Dann hob er sich schwer auf und ging in sein Zimmer. Und so blieb es in den nächsten Tagen. Vergeblich versuchte die beunruhigte Frau eine Aussprache: je aufgeregter sie in ihn drang, um so drückerischer wich er aus. Irgend etwas in ihm war versperrt, war unzugänglich geworden, ein Zugang vermauert. Noch speiste er mit ihnen bei Tisch, saß, wenn Gesellschaft war, eine Zeitlang schweigend und in sich vergraben dabei. Aber er nahm an nichts Anteil mehr, und wenn die Gäste mitten im Gespräch zufällig in seine Augen sahen, hatten sie ein peinliches Gefühl, denn da starrte ein toter Blick ganz seicht und stumpf über sie hinaus. Auch dem Fremdesten fiel bald die zunehmende Sonderbarkeit des alten Mannes auf. Schon begannen die Bekannten heimlich sich anzustoßen, begegneten sie ihm auf der Straße: da schlich der alte Mann, einer der Reichsten der Stadt, wie ein Bettler die Mauer entlang, den Hut schief und zerdrückt, den Rock mit Zigarrenasche bestäubt, bei jedem Schritt sonderbar schwankend und meist halblaut zu sich selber murmelnd. Grüßte man ihn, so hob er den erschreckten Blick, redete man ihn an, so starrte er leer dem Sprechenden entgegen und vergaß, ihm die Hand zu reichen. Zuerst meinten manche, der alte Mann sei ertaubt, und wiederholten lauter die Worte. Aber dies war es nicht, sondern er brauchte immer Zeit, sich selbst aus einem innern Schlaf zu holen, und mitten im Gespräch noch fiel er in eine sonderbare Verlorenheit wieder zurück. Dann loschen mit einemmal die Augen aus, er brach hastig ab und stolperte weiter, ohne die Überraschung des ändern zu bemerken. Immer schien er aus einem dumpfen Traum, aus einem verwölkten Mitsich-selbst-Beschäftigtsein emporgestört: die Menschen, man sah es, lebten nicht mehr für ihn. Er fragte nach niemandem, merkte im eigenen Haus nicht die dumpfe Verzweiflung der Frau, die ratlose Frage der Tochter. Er las keine Zeitung, hörte in kein Gespräch; kein Wort, keine Frage durchdrang die trübe verhangene Gleichgültigkeit seines Wesens auch nur für einen Augenblick. Selbst seine eigenste Welt wurde ihm fremd: sein Geschäft; manchmal saß er noch stumpf im Kontor, Briefe zu unterschreiben. Aber wenn der Sekretär nach einer Stunde kam, die signierten Blätter zu holen, fand er den alten Mann genau so, wie er ihn verlassen, mit dem gleichen leeren Blick die ungelesenen Briefe überträumend. Schließlich merkte er selbst seine Überflüssigkeit und blieb völlig weg. Das Seltsamste und für die ganze Stadt Verwunderlichste aber war: der alte Mann, der nie zu den Gläubigen der Gemeinde gehört hatte, begann mit einemmal fromm zu werden. Gleichgültig sonst gegen alles, und bei Tisch und Verabredung immer unpünktlich, versäumte er doch niemals, zu gebotener Stunde in den Tempel zu gehen: dort stand er, in schwarzer Seidenkappe, den Gebetmantel um die Schultern, an immer demselben Platze, dem gleichen, wie einstmals sein Vater, und wiegte den müden Kopf psalmodierend hin und her. Hier, im halbverlassenen Raum, wo die Worte fremd und dunkel um ihn dröhnten, war er am besten mit sich allein, eine Art Frieden kam hier über seine Wirre und sprach dem Dunkel zu in der eigenen Brust; wurden aber Totengebete gelesen und er sah die Verwandten, die Kinder, die Freunde eines Abgeschiedenen in ergriffen geübter Pflicht und mit immer neuer Beugung und Beschwörung für den Hingeschiedenen Gottes Milde anrufen, dann wurden ihm manchmal die Augen trüb: er war der Letzte, er wusste es. Niemand würde für ihn ein Gebet sprechen. Und so murmelte er andächtig mit und dachte an sich selbst dabei wie an einen Toten. Einmal, spät abends, kam er von solch verworrener Wanderung zurück, da fiel mittwegs Regen über ihn her. Der alte Mann hatte wie immer seinen Schirm vergessen, Wagen standen bereit für billiges Entgelt, Haustor und gläserne Vordächer boten Schutz vor der rasch zerströmenden Wolke, aber der Sonderliche wankte und schwankte gleichgültig im Triefenden weiter. Im zerdrückten Hut sammelte sich ein durchsickernder Tümpel, die tropfenden Ärmel strömten ganze Bäche auf den eigenen Schritt: er achtete nicht darauf und trottete weiter, der einzige fast auf der menschenverlassenen Straße. Und so, durchnäßt und triefend, einem Landstreicher ähnlicher als dem Herrn dieser vornehm wartenden Villa, erreichte er die Einfahrt seines Hauses gerade im Augenblick, als ein Automobil mit weithin vorgeschüttetem Licht hart an ihm stoppte, bei dem Rückstoß noch wässerigen Kot auf den unachtsamen Fußgänger schleudernd. Der Schlag wurde aufgerissen, aus elektrisch beleuchtetem Coupe stieg eilig seine Frau, hinter ihr mit deckendem Schirm irgendein vornehmer Besuch und ein zweiter Herr; knapp vor der Tür stießen sie zusammen. Die Frau erkannte ihn und erschrak, als sie ihn in diesem Zustand gewahrte, triefend, zerknüllt, wie ein aus dem Wasser gezogenes Bündel; unwillkürlich wandte sie den Blick. Der alte Mann verstand sofort: sie schämte sich seiner vor den Gästen. Und ohne Regung, ohne Erbitterung ging er, um ihr das Peinliche eines Vorstellens zu ersparen, wie ein Fremder die paar Schritte weiter bis zur Dienertreppe: dort bog er demütig ein. Von diesem Tag an benutzte der alte Mann in seinem eigenen Hause immer nur noch die Dienertreppe: hier war er gewiss, niemandem zu begegnen. Hier störte er nicht, hier störte niemand ihn. Auch von den Mahlzeiten blieb er weg – eine alte Magd brachte ihm das Essen in sein Zimmer; versuchte einmal die Frau oder seine Tochter bei ihm einzudringen, so murrte er sie mit verlegener und doch unbesiegbarer Gegenwehr hastig wieder fort. Schließlich ließen sie ihn allein, man gewöhnte sich ab, nach ihm zu fragen, und er fragte nach nichts. Oft hörte er Gelächter und Musik aus den ändern, ihm schon fremden Räumen durch die Wände sikkern, hörte draußen Wagen vorfahren und wegknattern bis tief in die Nacht. Aber so gleichgültig war ihm das alles, dass er nicht einmal aus dem Fenster blickte: was ging es ihn an? Nur der Hund kam noch manchmal herauf und legte sich vor des Vergessenen Bett. Es tat nichts mehr weh in dem abgestorbenen Herzen, aber innen im Leibe wühlte der schwarze Maulwurf weiter und riss blutig im zuckenden Fleisch. Die Anfälle mehrten sich von Woche zu Woche, endlich gab der Gequälte dem ärztlichen Drängen nach, das besondere Untersuchung forderte. Der Professor blickte ernst. Vorsichtig vorbereitend, äußerte er, eine Operation sei nun unabwendbar. Aber der alte Mann erschrak nicht, er lächelte nur trüb: Gott sei Dank, jetzt ging es zu Ende. Zu Ende mit dem Sterben, jetzt kam das Gute, der Tod. Er verbot dem Arzt, seinen Angehörigen ein Wort zu sagen, ließ sich den Tag bestimmen und machte sich bereit. Zum letztenmal ging er in sein Geschäft (wo niemand ihn mehr erwartete und alle ihn ansahen wie einen Fremden), setzte sich noch einmal auf den alten schwarzledernen Bocksessel, den er dreißig Jahre, sein ganzes Leben, tausend und tausend Stunden gedrückt, ließ sich ein Scheckbuch geben und füllte eines der Blätter aus: das brachte er dem Vorsteher der Gemeinde, der über die Höhe der Summe fast erschrak. Sie galt wohltätigen Werken und seinem Grab; allem Dank sich zu entziehen, stolperte er hastig hinaus, dabei verlor er seinen Hut, aber er bückte sich nicht einmal mehr, ihn aufzuheben. Und so, bloßen Hauptes, die Blicke trüb im gelbkranken, verfalteten Gesicht, trottete er (erstaunt sahen ihm die Leute nach) auf den Friedhof zum Grabe seiner Eltern. Dort beobachteten ein paar Müßige den alten Mann und wunderten sich abermals: er sprach lange und laut mit den halbvermoderten Steinen, wie man mit Menschen spricht. Kündigte er sich an, oder erbat er ihren Segen? Niemand hörte die Worte – nur die Lippen regten sich stumm, und immer tiefer neigte sich das schaukelnde Haupt im Gebet. Beim Ausgang dann drängten die Bettler dem Wohlbekannten zu; er kramte hastig Münzen und Noten aus den Taschen und hatte schon alles verteilt, da kam noch ein altes verhutzeltes Weib verspätet angehumpelt und flennte ihn an. Verwirrt suchte er überall nach – er fand nichts mehr. Nur am Finger drückte noch etwas Fremdes und Schweres: sein goldener Ehering. Irgendein Erinnern kam über ihn – er streifte ihn hastig ab und schenkte ihn dem verwunderten Weib. Und so, ganz arm, ganz ausgeleert und allein trat der alte Mann unter das Messer. Als der alte Mann aus der Narkose noch einmal erwachte, riefen die Ärzte, den gefährlichen Zustand erkennend, die inzwischen verständigte Frau und Tochter ins Zimmer. Mühsam brach das Auge durch die bläulich umschatteten Lider: „Wo bin ich?“ starrte es in das Fremde und Weiße eines niegesehenen Raums. Da beugte sich die Tochter, ihm ein Liebes zu tun, über das arme verfallene Gesicht. Und plötzlich zuckte etwas Erkennendes in dem blind umtastenden Augenstern auf. Ein Licht, ein kleines, stieg empor in die Pupille: das war sie ja, das Kind, das unendlich geliebte, da war sie, Erna, das zarte schöne Kind! Ganz, ganz langsam löste sich die bittere Lippe – ein Lächeln, ein ganz kleines Lächeln, längst entwöhnt dem verschlossenen Mund, begann vorsichtig anzufangen. Und erschüttert von dieser mühsamen Freude, beugte sie sich näher, die ausgeblutete Wange des Vaters zu küssen. Aber da – war es das süßliche Parfüm, das ihn erinnerte, oder besann sich das halbbetäubte Gehirn vergessenen Augenblicks? – da fuhr plötzlich fürchterliche Veränderung über die eben noch beglückten Züge: die Lippen, die farblosen, klebten sich mit einmmal grimmig abwehrend zu, die Hand unter der Decke arbeitete gewaltsam und wollte hoch, wie um etwas Widriges wegzustoßen, der ganze verwundete Leib bebte vor Erregung. „Weg! … weg!…“ lallte es unartikuliert und doch verständlich von der fahlen Lippe. Und so furchtbar formte sich der Widerwille in den zuckenden Zügen des nicht Fliehen-Könnenden, dass der Arzt besorgt die Frauen zur Seite schob. „Er deliriert“, flüsterte er, „es ist besser, Sie lassen ihn jetzt allein.“ Kaum, dass die beiden gegangen, lösten sich die verzerrten Züge wieder matt in ein leeres Schläfrigsein. Noch ging der Atem dumpfvon immer tiefer röchelte die Brust um die schwere Luft des Lebens. Aber bald wurde sie müde, diese bittere Menschennahrung in sich einzutrinken. Und als der Arzt prüfend das Herz befühlte, hatte es schon aufgehört, dem alten Manne weh zu tun. Die gleichungleichen Schwestern Eine „Conte drolatique“ Irgendwo in einer südländischen Stadt, die ich lieber nicht nennen mag, überraschte mich, aus enger Gasse biegend, der unvermittelt großartige Anblick eines Bauwerkes sehr früher Art, überhöht von zwei mächtigen Türmen in derart gleichförmigen Maßen, dass im sinkenden Licht einer wie der Schatten des ändern wirkte. Eine Kirche war es nicht und ebensowenig mochte es ein Palast gewesen sein in verschollenen Zeiten; klösterlich mutete es an und doch wieder mit seinen breiten, wuchtigen Flächen wie ein profanes Gebäude, allerdings unbestimmbarer Art. So störte ich, höflich den Hut lüftend, einen rotbackigen Bürger, der eben auf der Terrasse eines kleinen Cafes ein Glas strohfarbenen Weines trank, mit der Frage nach dem Namen dieses so wuchtig über niedere Schwalbendächer emporgetürmten Baus. Der Gemächliche sah verwundert auf, lächelte dann langsam und feinschmeckerisch, ehe er mir antwortete: „Ganz zuverlässig kann ich Ihnen da nicht Bescheid geben. Im Stadtplan mag es anders stehen, wir aber sagen noch immer wie in alter Zeit: das Schwesternhaus, vielleicht weil die beiden Türme einander so ähnlich sind, vielleicht aber auch, weil…“ Er stockte und zog vorsichtig ein Lächeln zurück, als ob er sich meiner angefachten Neugier erst vergewissern wollte. Eine halbe Antwort aber macht ungeduldig nach der ganzen – so kamen wir ins Gespräch, und ich gehorchte gern seiner Aufforderung, ein Glas dieses herbflüssigen Goldweines zu versuchen. Vor uns glänzte im langsam sich erhellenden Mondlicht träumerisch das Spitzenwerk der Türme, der Wein mundete mir gut und trefflich, auch an jenem lauen Abend die kleine Legende von den gleichungleichen Schwestern, die er mir erzählte und die hier möglichst getreu, wenn auch ohne Bürgschaft für ihre historische Wahrhaftigkeit wiedergegeben sei. Als der Heerbann des Königs Theodosius genötigt war, in der damaligen Hauptstadt Aquitaniens Winterquartier zu nehmen und dank einer üppigen Rast die abgerackerten Gäule wieder seidenglattes Fell und die Soldaten Langeweile bekamen, geschah es dem Anführer der Reiterei, Herilunt mit Namen, einem Langobarden, dass er sich in eine schöne Krämerin verliebte, die dort im verwinkelten Schatten der Unterstadt Gewürz und süßes Honigbrot ausbot. Und so heftig übermannte ihn die Leidenschaft, dass er, gleichgültig gegen ihren niederen Stand, sie um der baldigen Umarmung willen eiligst ehelichte und mit ihr in ein fürstliches Haus auf dem Marktplatz zog. Dort blieben sie unsichtbar viele Wochen lang, einer dem ändern verfallen, und vergaßen die Menschen, die Zeit, den König und den Krieg. Aber während sie so ganz in Liebe versunken waren und allnächtlich schlummerten, einer in des ändern Arm, schlief nicht die Zeit. Mit einem schwang warmer Wind sich von Süden her, unter seinem hitzigen Fuß barst das Eis in den Strömen, Krokus[29 - Krokus der; -, -se; – eine kleine, meist weiße, gelbe oder violette Blume, die im Frühling blüht] und Veilchen nisteten ihr farbig Geblüh unter seine flüchtige Spur auf den Wiesen. Über Nacht buschten die Bäume sich grün, knospig Gewinde brach in feuchten Beulen aus erfrorenen Ästen, der Frühling hob sich auf von der dampfenden Erde und mit ihm wieder der Krieg. Eines Morgens schlug herrisch und fordernd der kupferne Klöppel des Tores in den Morgenschlummer der Liebenden: ein Bote des Königs befahl seinem Führer Rüstung und Ausmarsch. Trommeln klirrten die Quartiere auf, Wind krachte hell in den Fahnen, und bald knatterte der Marktplatz vom Gehuf der gesattelten Pferde. Da löste Herilunt sich rasch aus den weich angerankten Armen seiner Winterfrau, denn so loh seine Liebe war: noch stärker brannten in ihm Ehrgeiz und die männliche Lust an der Feldschlacht. Unfühlsam gegen ihre Tränen und hart gegen ihren Wunsch, ihn zu begleiten, ließ er die Frau im weiträumigen Hause und brach mit dem riesigen Schwärm ins mauretanische Land. In sieben Gefechten überrannte er die Feinde, fegte mit brennendem Besen die Raubburgen der Sarazenen aus, zerbrach ihre Städte und plünderte siegreich hinab bis zur Küste, wo er Segler heuern musste und Galeeren, die Beute heimwärts zu senden, so unermesslich staute sich ihre Fülle. Nie wurde ein Sieg rascher erfochten, nie ein Feldzug blitzender vollendet. Kein Wunder, dass der König, um so kühnem Kriegsknecht zu danken, ihm gegen geringen Zins Nord und Süd des gewonnenen Landes zu Lehen und Verwaltung übertrug. Nun hätte Herilunt, dessen Heimat bislang der Sattel gewesen, gemächlich Rast halten und zeitlebens sich satten Wohlseins erfreuen können. Doch sein Ehrgeiz, mehr gestachelt als gemildert durch den raschen Gewinst, wehrte sich, Untertan zu sein und zinspflichtig selbst seinem Herrn: einzig ein Königsreif schien ihm nunmehr hell genug für die blanke Stirn seines Weibes. So reizte er heimlich die eigenen Truppen zur Empörung wider den König und rüstete einen Aufstand. Doch frühzeitig verraten, misslang die Verschwörung. Geschlagen noch vor der Schlacht, gebannt von der Kirche, verlassen von den eigenen Reitern, musste Herilunt ins Gebirge flüchten, und dort erschlugen um der hohen Belohnung willen Bauern den Geächteten mit Keulen im Schlafe. Zur gleichen Stunde, da Häscher des Königs den blutenden Leichnam des Rebellen im Strohbett jener Scheune auffanden, ihm Schmuck und Kleider abrissen und den entblößten Leib dann auf den Schindanger warfen, gebar seine Frau, völlig unkund seines Unterganges, in dem Brokatbett des Palastes ein Zwillingspaar, zwei Mädchen, die unter großem Zulauf der Stadt die eigene Hand des Bischofs[30 - Bischof der; -s, Bischöfe; (Rel) – ein Priester mit hohem Rang, der alle Kirchen und Priester eines großen Gebietes (eines Bistums oder einer Diözese) unter sich hat] Helena und Sophia taufte[31 - taufen (taufte, hat getauft) – jemandem die Taufe (und dabei einen Namen) geben] . Noch dröhnten die Glocken in den Türmen und klirrten silberig Pokale beim Festmahle, als jählings die Botschaft von Herilunts Aufruhr und Untergang eintraf, rasch gefolgt von der zweiten, dass der König nach allgültigem Gesetz Haus und Habe des Rebellen einfordere für seinen Schatz. So musste die schöne Krämerin[32 - Krämer (-in) veraltend – jemand, der (die) ein kleines (Lebensmittel) Geschäft besitzt], kaum dass sie der Wochen genesen, nach kurzer Herrlichkeit wieder im alten dünnwolligen Kleide hinab in die moderige Gasse der Unterstadt, nur dass sie nun noch zwei unmündige Kinder und die Bitternis so arger Enttäuschung mit in ihr Elend nahm. Wieder saß sie von Morgen bis Abend auf dem niederen Holzschemel ihres Ladens und bot der Nachbarschaft Gewürz und süße Honigware, höhnische Spottreden oft einstreichend mit den kärglich errafften Kupfermünzen. Gram löschte ihr rasch das helle Licht in den Augen, frühes Grau entfärbte ihr Haar. Doch für Not und Missgeschick entschädigten sie bald der holden Zwillingsschwestern aufgeweckte Munterkeit und besonderer Liebreiz, hatten sie doch beide von der Mutter die strahlende Schönheit geerbt und waren so zwiefach ähnlich einander in Gestalt und Anmut der Rede, dass man vermeinte, hier blicke als lebender Spiegel ein liebliches Bild das andere an. Nicht nur Fremde, sondern selbst die eigene Mutter vermochte die beiden Gleichaltrigen und Gleichgestalteten, Helena und Sophia, nicht zu unterscheiden, derart vollkommen war ihre Ähnlichkeit. So hieß sie Sophia ein billig leinenes Bändchen als Armreif tragen, damit sie kenntlich sei von der Schwester an diesem sichtbaren Zeichen. Hörte sie aber ihre Stimme oder blickte sie einzig in ihrer Zwillingskinder Gesicht, so war sie bei jeder unkund, mit welchem der Namen sie die allzu Ähnlichen rufen sollte. Wie aber von der Mutter die stürmische Schönheit, so hatten verhängnisvollerweise die Zwillingsschwestern von ihrem Vater auch jenen Unband von Ehrgeiz und Herrschsucht geerbt, so dass jede von ihnen die andere und überdies noch alle Gleichaltrigen in jeder Beziehung zu übertreffen strebte. Noch in jenen anfänglichen Jahren, da Kinder sonst gleichgültig und arglos spielen, trieben die beiden schon jede Tätigkeit zu Wettstreit und Eifersucht gewaltsam empor. Hatte ein Fremder, von der Anmut des einen Kindes erfreut, ihm ein schmuckes Ringlein an den Finger gesteckt, ohne der anderen gleiche Gabe zu bieten, hatte der einen Kreisel sich länger gedreht als jener der Schwester, so konnte die Mutter die Benachteiligte flach hingestreckt auf dem Boden finden, die Fäuste verkrampft in die Zähne und mit wütigen Absätzen den Boden hämmernd. Keine gönnte der anderen ein Lob, eine Zärtlichkeit, ein besseres Gelingen, und obzwar sie einander derart ähnlich waren, dass scherzhaft die Nachbarn sie Spiegelchen nannten, verwüsteten und verhärmten sie ihre Tage in beständig lodernder Eifersucht widereinander. Vergebens suchte die Mutter dies ungeschwisterliche Übermaß des Ehrgeizes zu hemmen, vergebens die allzeit gespannte Sehne ihres Wetteifers zu lockern; bald musste sie einsehen, dass hier ein unseliges Erbe in den noch unreifen Gestalten dieser Kinder weiterwuchs, und nur der geringe Trost entschädigte ihre Sorgen, dass gerade dank diesem unablässigen Wettstreben die Mädchen bald die gewandtesten und geschicktesten ihres Alters wurden. Denn was immer die eine anfing zu lernen, gleich drängte die andere nach, ungeduldig, sie zu überflügeln. Und da sie beide beweglichen Leibes und beschwingten Sinnes waren, lernten die Zwillingsschwestern in kürzester Frist alle nützlichen und anziehenden Künste der Frauen, so da sind: Linnen[33 - Linnen veraltend d.h. Leinen – ein sehr fester und glatter Stoff (aus Flachs)] zu weben, Stoffe zu färben, Geschmeide zu fassen, Flöte zu spielen, anmutig zu tanzen, kunstvolle Gedichte zu machen und sie dann wohllautend zur Laute zu singen, schließlich, über die übliche Art höfischer Frauen hinaus, sogar Latein, Geometrie und höhere Wissenschaften der Philosophie, in denen ein alter Diakonus sie gütig unterwies. Und bald fand man in Aquitanien kein Mädchen, das an Anmut des Leibes wie an feiner Sitte und Gelenksamkeit des Geistes vergleichbar gewesen wäre den beiden Töchtern der Krämerin. Doch hätte niemand zu sagen gewusst, welcher der beiden Allzuähnlichen, ob Helena oder Sophia, der Preis der Vollendung gebühre, unterschied sie doch keiner weder an Gestalt noch an Regsamkeit und Rede von der anderen. Mit der Liebe zu den schönen Künsten aber und der Kenntnis all der zarten und linden Dinge, die dem Geist wie dem Körper jene Feurigkeit verleihen, die allzeit aus der Enge ins Unendliche des Gefühls hinüberzuschwingen sich sehnt, erwuchs den beiden Mädchen bald eine brennende Unzufriedenheit mit dem niederen Stand ihrer Mutter. Kamen sie heim von den Disputationen der Akademie, wo sie mit den Doktoren wetteiferten im künstlichen Ballschlag der Argumente, oder kehrten sie, noch umströmt von Musik, aus dem Kreise der Tänzer in die räucherige Gasse zurück, wo ihre Mutter unsauberen Haares hinter ihren Gewürzen saß und bis in die Nachtstunden um eine Handvoll Pfeffernüsse oder verschimmelte Kupferstücke feilschte, so schämten sie sich zornig ihres hartnäckigen Elends, und die borstige alte Strohmatte ihres Lagers scheuerte scharf ihren innerlich glühenden und noch immer jungfräulichen Leib. Lange lagen sie wach des Nachts und vermaledeiten ihr Schicksal, dass sie, berufen, Edelfrauen zu übertreffen an Anmut und geistiger Art, auserwählt, in weichen, wogenden Kleidern zu wandeln, überklirrt von Edelsteinen[34 - Edelstein der – ein Stück eines seltenen, wertvollen Minerals] , hier in dumpfer Moderhöhle eingesargt seien, bestenfalls dem Faßdreher zur Linken oder dem Schwertfeger zur Rechten als Hausfrau zubestimmt, sie, Töchter des großen Feldherrn und königlich selber durch Geblüt und herrischen Sinn. Sie sehnten sich nach funkelnden Gemächern und dienendem Tross, nach Reichtum und Macht, und wenn zufällig in verbrämtem Pelzwerk eine Edelfrau vorüberkam, Falkner[35 - Falkner der; -s, -; – jemand, der Falken für die Jagd dressiert] und Trabanten[36 - Trabant der; -en, -en; – Begleiter; Edelleute; astron. Mond; Satellit] geschart um die leise schaukelnde Sänfte, so wurden ihre Wangen vor Zorn weiß wie die Zähne in ihrem Munde. Machtvoll rollten dann in ihrem Blute Ungestüm und Ehrgeiz des rebellischen Vaters, der gleichfalls sich nicht bescheiden wollte mit der Mitte des Lebens und kleinem Geschick, und Tag wie Nacht dachten sie nichts anderes, als welcher Art sie vermöchten, dieser Unwürdigkeit des Daseins zu entrinnen. So geschah es unvermuteter-, doch nicht unerklärlicherweise, dass Sophia eines Morgens beim Erwachen die Lagerstatt an ihrer Seite leer fand: Helena, das Spiegelbild ihres Leibes, der Widerpart ihrer Wünsche, war heimlich verschwunden über Nacht, und die erschrockene Mutter sorgte sich sehr, sie sei mit Gewalt von einem der Edelleute[37 - Edelleute veraltet – adelige Leute] weggeschleppt worden – denn schon waren viele unter den Jünglingen von dem zwiefachen Strahl der Mädchen getroffen und bis zum Wahnwitz verblendet. Unordentlichen Kleides, in der ersten Hast noch stürzte sie hin zum Präfekten, der die Stadt verwaltete in des Königs Namen, und beschwor ihn, den Frevler aufzugreifen. Er versprach’s. Doch schon am nächsten Tage verbreitete sich zur argen Beschämung der Mutter das immer deutlicher werdende Gerücht, durchaus freien Willens sei Helena, die kaum Mannbare, mit einem adeligen Jüngling geflüchtet, der um ihretwillen Truhen und Schränke seines Vaters gewaltsam aufgestemmt. Eine Woche später hastete dieser ersten Botschaft noch schlimmere nach, denn Reisende erzählten, in welcher Üppigkeit die junge Buhlerin in jener Stadt mit ihrem Liebsten lebe, umringt von Dienern, Falken und südländischen Tieren, gehüllt in Pelzwerk und glänzenden Brokat[38 - Brokat der; -(e)s, -e; meist Sg; – ein schwerer, wertvoller Stoff, meist mit Metallfäden] , ein Ärgernis allen ehrbaren Frauen des Ortes. Und noch war diese böse Kunde nicht durchgekaut im geschwätzigen Munde der Leute, so übersprang sie abermals schlimmere: überdrüssig jenes flaumbärtigen Fants, habe Helena, kaum dass sie ihm Säcke und Taschen geleert, sich in den Palast des steinalten Schatzverwalters begeben, ihren jungen Körper gegen neuen Prunk verkauft und plündere nun mitleidlos den bislang Geizigen. Nach wenigen Wochen tauschte sie, nachdem sie seine goldenen Federn gerupft und ihn kahl wie einen ausgebälgten Hahn zurückgelassen, diesen abgetanen gegen einen neuen Buhlen, ließ ihn neuerdings um eines Reicheren willen fahren, und bald gab es kein Verhehlen mehr, dass Helena in der Nachbarschaft ihren jungen Leib nicht minder emsig verhandle als ihre Mutter daheim Gewürz und süßes Honigbrot. Vergebens sandte die unglückliche Witwe Boten um Boten zu der verlorenen Tochter, sie möge doch nicht derart lästerlich das Andenken ihres Vaters erniedern: um das Maß der Unbill bis zum Rande vollzuschenken, geschah es zur Schande der Mutter, dass eines Tages ein prächtiger Zug die Straße vom Stadttor heraufkam. Läufer vorerst, in Scharlachfarben gewandet, Reiter hernach wie vor eines Fürsten Einzug, und zwischen ihnen, umspielt von persischen Hunden und seltsamem Affengetier, Helena, die frühreife Hetäre, an Anmut der Urmutter ihres Namens gleich, jener Helena, die Reiche verwirrte, und geschmückt wie die heidnische Königin von Saba, als sie einzog in Jerusalem. Da sperrten sich die Mäuler auf und liefen die Zungen: Handwerker ließen ihre Hütten, Schreiber ihre Schrift, neugierig schwärmende Menge umdrängte den Zug, bis schließlich auf dem Markte die flatternde Schar der Reiter und Diener sich ordnete zu ehrfürchtigem Empfang. Endlich flog der Vorhang auf und die kindliche Buhlerin schritt hochmütig gerade hinein zur Tür ebendesselben Palastes, der einst ihrem Vater gehörte und den nun ein verschwenderischer Liebhaber um dreier heißer Nächte willen aus dem Königsschatze für sie zurückgekauft. Wie ein leibeigen Herzogtum betrat sie das Gelass mit dem prunkvollen Bett, darin ihre Mutter sie in Ehren geboren, und bald füllten sich die lang verlassenen Räume mit kostbaren Statuen heidnischen Ursprungs. Marmor kühlte die hölzernen Treppen empor und breitete sich aus zu künstlichen Fliesen und Mosaiken, gewebte Teppiche voll Bildnis und Geschehen wuchsen, ein farbiger Efeu, warm über die Wände, golden klirrte Geschirr in die immer bereite Musik festlicher Mähler, denn in allen Künsten gewandt, lockend durch Jugend und verführerisch durch Geist, wurde Helena in kürzester Frist Meisterin aller Liebesspiele und die reichste aller Hetären. Von den Städten der Nachbarschaft, aus fremden Ländern sogar drängten die Reichen heran, Christen, Heiden und Ketzer[39 - Ketzer der; -s, -; – jemand, dessen Glauben nicht mit den] , zumindest einmal ihre Gunst zu genießen, und da ihre Gier nach Macht nicht minder maßlos war als ihres Vaters Ehrgeiz, so hielt sie die Verliebten hart in der Schraube und drosselte der Männer Leidenschaft derart grimmig den Hals, bis das Letzte ihrer Vorstellungen besonders der katholischen Kirche übereinstimmte (und der deswegen verfolgt wurde) Habe erpreßt war. Selbst des Königs eigener Sohn musste bitteres Lösegeld zahlen an Pfandleiher und Borger, als er nach einer Woche der Lust, noch trunken und grausam ernüchtert zugleich Helenas Arme und Haus verließ. Kein Wunder, dass solch ein vermessenes Treiben die ehrbaren Frauen der Stadt, insbesondere die älteren, erbitterte. In den Kirchen eiferten die Priester gegen die frühe Verderbnis, auf dem Marktplatze ballten die Weiber zornig die Fäuste, und mehr als einmal klirrten nachts Steine gegen Fenster und Tor. Aber so sehr auch die Sittigen sich ergrimmten, alle die verlassenen Ehefrauen, die einsamen Witwen, so belfernd sie aufmuckten, die alten, im Handwerk erfahrenen Dirnen, denen plötzlich dies übermütig freche Fohlen in ihre Lustwiese sprang – keiner von allen Frauen brannte der Unmut dermaßen übermächtig in der Seele wie Sophia, ihrer Schwester. Nicht, dass jene so lästerlichem Lebenswandel sich ergab, riss ihr die Seele wund, sondern die Reue, dass sie selber damals versäumt, demselben Antrag des Edelknaben zu folgen, und jener derart alles zugefallen, was sie selber heimlich ersehnte, Macht über Menschen und Üppigkeit des Daseins: ihr aber fuhr noch immer nachts der Sturm in die windoffene kalte Kammer und heulte mit der zänkischen Mutter um die Wette. Zwar hatte wiederholt die Schwester im eitlen Gefühl ihres Reichtums ihr kostbare Kleider zugesandt; doch Sophias Stolz weigerte sich, Almosen zu empfangen. Nein, das konnte ihren Ehrgeiz nicht kühlen, der kühneren Schwester jetzt ruhmlos nachzuschreiten und nun mit ihr sich um Liebhaber zu balgen wie einstens um süßes Pfefferbrot. Ihr Sieg, so fühlte sie, müsse vollkommener sein. Und als Sophia nun Tag und Nacht sann, welcher Art sie jene an Ruhm und Bewunderung zu übertreffen vermöchte, wurde sie an dem immer unbändigeren Andrang der Männer gewahr, dass jenes bescheidene Gut, das ihr verblieben war, ihre Jungfräulichkeit und unberührte Ehre, ein köstlich Lockmittel sei und gleichzeitig ein Pfand, mit dem eine kluge Frau prächtig wuchern könnte. So beschloss sie, gerade das in eine Kostbarkeit zu verwandeln, was ihre Schwester vorzeitig verschwendete, und ihre Tugend ebenso sichtlich zur Schau zu stellen wie jene Buhlerin den jungen Leib. War jene gefeiert um ihrer prunkvollen Hoffart willen, sie wollte es nun werden durch ihre ärmliche Demut. Und noch standen die lästernden Mäuler nicht stille, als eines Morgens die staunende Stadt neuen Schmaus ihrer Neugier empfing: Sophia, die Zwillingsschwester Helenas, der Buhlerin, sei aus Scham und gleichsam zur Buße für ihrer Schwester unziemlichen Lebenswandel der irdischen Welt entflüchtet und habe sich als Novizin jenem frommen[40 - fromm – in festem Glauben an eine Religion (und in festem Gehorsam gegenüber ihren Geboten) sein] Orden beigesellt, der sich der Wartung und Pflege der Gebrestigen im Siechenhause mit unermüdlicher Sorge hingab. Nun rauften die zu spät gekommenen Liebhaber wütig ihr Haar, dass dieses unberührte Juwel ihnen entgangen. Die Frommen wiederum, gern die seltene Gelegenheit nutzend, einmal der sinnlichen Verworfenheit das schöne Bild der Gottesfurcht entgegenzustellen, verbreiteten mit Eifer die Botschaft in alle Länder, so dass von keiner Jungfrau in Aquitanien je mehr Redens und Rühmens war denn von Sophia, dem aufopfernden Mädchen, das tags und nachts der Schwärigen und Hinfälligen warte und selbst den Dienst bei den Aussätzigen nicht scheue. Die Frauen beugten das Knie vor ihr, wenn sie in ihrer weißen Haube gesenkten Blickes über die Straße ging, der Bischof rühmte sie in oftmaliger Rede als vornehmstes Beispiel weiblicher Tugend, und die Kinder blickten auf zu ihr wie zu einem seltenen Sternbild. Mit einmal war – wie man wohl glauben mag, sehr zum Ärger Helenas – die ganze Aufmerksamkeit des Landes nicht mehr ihr zugewandt, sondern einzig dem weißen Sühneopfer, das, um der Sünde zu entfliehen, wie eine Taube sich in die Himmel der Demut aufgeschwungen. Ein sonderbar dioskurisches Zwiegestirn leuchtete nun in den nächsten Monaten über dem staunenden Land, den Sündern sowohl als auch den Frommen zu gleichem Wohlgefallen. Denn war jenen durch Helenas verschwenderische Lust des Leibes allzeit geboten, so vermochten diese ihre Seele an dem tugendhaft leuchtenden Spiegelbilde Sophias zu erbauen, und dank solcher Zwiefalt schien in dieser Stadt zu Aquitanien zum erstenmal seit Weltbeginn das Reich Gottes auf Erden säuberlich und sichtlich von jenem des Widerparts getrennt. Wer die Reinheit liebte, dem war die Schutzpatronin zur Stelle, und wer in Wollust des Fleisches versunken war, dem winkte irdischer Genuss in den Armen der unwürdigen Schwester. Aber in jedem einzelnen irdischen Herzen gehen ja zwischen dem Guten und Bösen, zwischen Fleisch und Geist sonderbar schmugglerische Wege hinüber und herüber, und es dauerte nicht lange, bis es sich erwies, dass gerade diese Zwiefalt unvermuteter Art den Frieden der Seelen bedrohte. Denn da die Zwillingsschwestern trotz höchst ungleichem Lebenswandel körperlich kaum unterscheidbar blieben, gleichen Wuchses, gleicher Augenfarbe, gleichen Lächelns und gleicher Lieblichkeit, wie natürlich, dass alsbald eine leidenschaftliche Verwirrung unter den Männern der Stadt entstand. Hatte etwa ein Jüngling eine heiße Nacht in den Armen Helenas verbracht und trat dann morgens hastig, gleichsam um das Sündige sich von der Seele zu baden, in die Frühe hinaus, so rieb er verwundert und wie von Teufelsspuk erschreckt die Augen. Denn die schöne Novizin im bescheidenen grauen Gewand der Pflegerin, die da eben einen keuchenden Greis im Rollstuhle durch den offenen Garten des Spitals schob und ihm ohne Ekel mit einer milden und zugleich zarten Gebärde den Speichel von dem zahnlosen Mund wischte, schien ihm genau dieselbe, die er eben noch nackt und glühend im buhlerischen Bette verlassen. Er starrte hin: ja, es waren die gleichen Lippen, dieselben runden und zärtlichen Bewegungen, freilich jetzt nicht der irdischen Liebe dienend, sondern einer höheren Liebe zum Menschlichen. Er starrte hin, und die Augen wurden ihm brennend, dass sie allmählich das graue und kahle Gewand durchsichtig machen wollten und hindurch der wohlbekannte Leib der Buhlerin ihm entgegenzuleuchten schien. Und gleiches Affenspiel der Sinne narrte wiederum diejenigen, die eben frommen Besuch der Krankenhelferin ehrfurchtig mitangesehen und, um die Ecke kehrend, die eben noch züchtige Sophia sonderbar verwandelt, entblößten Busens und üppigen Kleides, umringt von Buhlern und Dienern, zu einem Festmahl eilen sahen. Helena war dies, nicht Sophia, sie sagten sich’s wohl, aber doch, sie konnten von nun an die Fromme nicht denken ohne ihre Blöße und wurden unfromm inmitten ihrer Andacht. So schwankte der Sinn ungewiss von einer zur anderen und wurde dermaßen irr, dass die Sinne oft verkehrten Weg des Wunsches gingen, dass die Jünglinge von der Unberührbaren Leib träumten bei der Käuflichen und die fromme Samariterin wiederum anblickten mit dem lästerlichen Blick des Begehrens. Denn irgendwie hat der Weltschöpfer die Sinne der Männer quer gezimmert, dass ihr Wünschen allzeit von Frauen das Gegenteil dessen fordert, was sie gewähren: gibt eine leichtfertig ihren Leib, so wissen sie der Gabe geringen Dank und tun, als könnten sie nur Unschuld rechtschaffen lieben. Wehrt aber eine Frau sich ihrer Unschuld, so reizt es sie wieder siebenfach, ihr die behütete zu entreißen. So füllt und erfüllt kein Verlangen jemals den männlichen Zwiespalt, der ewiges Widerspiel will zwischen Fleisch und Geist: hier aber hatte ein spaßender Teufel die Knoten noch doppelt geschürzt, denn die Buhlerin und die Fromme, Helena und Sophia, erschienen äußerlich dermaßen als ein und derselbe Leib, dass man die eine von der ändern nicht unterscheiden konnte und keiner mehr richtig wusste, welche er eigentlich begehrte. So kam es, dass die Lotterbuben der Stadt mit einmal mehr vor dem Siechenhause als in der Schenke zu sehen waren und die Wüstlinge die Buhlerin durch Gold verlockten, zum Liebesspiel das graue Schwesterngewand umzutun und dermaßen die Täuschung zu vollenden, als hätten sie die Unberührte, als hätten sie Sophia genossen. Die ganze Stadt, ja das ganze Land wurden allmählich mitgerissen in dies unsinnig aufreizende Spiel der Verwechslung, und kein Wort des Bischofs, keine Mahnung des Stadtvogtes hatte mehr Macht über das täglich erneute Ärgernis. Statt aber geschwisterlich sich zu bescheiden und ein Genügen daran zu haben, dass die eine die Reichste sei und die andere die Reinste der Stadt, beide umschwärmt von Bewunderung und Ehre, pochten den beiden Ehrgeizigen grimmig die Herzen, welcher Art sie einander Abbruch tun könnten. Sophia zerbiss die Lippen im Zorn, wenn sie vernahm, wie jene ihren aufopfernden Wandel in sündhaftem Maskenspiel schändete. Helena wiederum schlug mit Peitschen ihre Wut unter die Knechte[41 - Knecht der; -(e)s, -e; veraltend – ein Arbeiter, der bei einem Bauern angestellt ist] , berichteten ihr jene, dass fremde Pilger[42 - Pilger der; -s, -; – jemand, der eine (weite) Reise zu einem heiligen Ort macht, um dort zu beten] sich ehrfürchtig vor ihrer Schwester beugten und Frauen den Staub küssten, den sie mit ihren Schuhen berührt. Je mehr die beiden Ungestümen aber einander übelwollten, je grimmiger sie einander Hassten, desto mehr heuchelten sie Mitgefühl eine für die andere. Helena beklagte bei der Tafel mit ergriffener Stimme die Schwester, dass sie Lust und Jugend so sinnlos mit der Pflege verhutzelter Greise verhärme, die das Leben ohnehin doch sichtbarlich für den Tod bestimmt habe. Sophia wieder endete alltäglich ihr Abendgebet mit einem besonderen Spruch für arme Sünderinnen, die törichterweise um flüchtiger und vergänglicher Genüsse willen die höhere Genugtuung versäumten, ihr Leben in frommes und hilfreiches Werk zu verwandeln. Als sie aber beide merkten, dass sie weder durch Boten noch durch Zuträger einander von dem betretenen Weg ablenken könnten, begannen sie allmählich sich wieder eine der ändern zu nähern, wie zwei Ringer, die, indes sie absichtslos scheinen, mit Blick und Hand schon den Griff vorbereiten, mit dem sie den Gegner zu Boden zu schleudern gedenken. Immer häufiger hüben sie an, eine die andere zu besuchen und zärtliche Sorge zu heucheln, indes jede ihre eigene Seele dafür gegeben hätte, der Schwester das Schlimmste zu tun. Nun war Sophie, die aus Hoffart Demütige, wieder einmal nach dem Vesperläuten zu ihrer Schwester gekommen, um sie neuerdings von dem ärgerlichen Lebenswandel abzumahnen. Abermals hatte sie in umschweifiger Rede der schon Ungeduldigen vorgehalten, wie unrecht sie tue, ihren gottergebenen Leib zu einem Dickicht der Sünde zu erniedrigen. Helena, die diesen ihren gottergebenen Leib eben salben ließ von den Mägden[43 - Magd die; -, Mägde; veraltend – eine Frau, die als Arbeiterin auf einem Bauernhof tätig ist] , damit er rüstig sei zu ihrem frevlerischen Gewerbe, hörte halb zornig und halb lachend zu und überlegte, ob sie die langweilige Mahnerin mit blasphemischen Scherzen tollwütig machen oder besser noch ein paar Knaben zur Verwirrung ihrer Blicke ins Gemach rufen solle. Da war ihr, als ob, leise schwirrend wie eine Fliege, ein sonderbarer Gedanke ihr die Schläfe gestreift hätte, ein recht teuflischer Gedanke, schalkig und gefährlich, so dass sie kaum ein innerliches Lachen verhalten konnte. Und plötzlich änderte die eben noch Freche ihr Gehaben, jagte Mägde und Badeknechte aus dem Zimmer, um, kaum mit der Schwester allein, sich eine Maske von Zerknirschung über die innen funkelnden Augen zu schatten. Ach, die Schwester möge nicht meinen – so begann die in allen Künsten der Verstellung Geübte -, sie habe nicht selber oft Scham darüber empfunden, ein wie sündhafter und törichter Wandel sie umstricke. Oft und oft schon habe sie ein Ekel vor der hündischen Wollust der Männer überkommen, oft schon habe sie beschlossen, sich jener für immer zu erwehren und ein schlichtes, ehrliches Leben zu beginnen. Aber sie fühle es schon, vergeblich sei da jede Gegenwehr, denn Sophia, die Stärke der Seele besitze und nicht wie sie der Schwäche des Fleisches anheimfalle, sie ahne ja nichts von der verführerischen Macht der Männer, der keine wissende Frau widerstehen könne. Ach, sie ahne nicht, sie, Sophia, die Glückliche, wie gewaltig der Andrang des Mannes sei, aber eben in dieser Gewalt wirke auch eine sonderbare Süße, der man sich wider das eigene Wollen willig ergeben müsse. Sophia, höchlichst erstaunt von derart unverhofftem Bekenntnis, wie sie es niemals aus dem Munde ihrer geld- und lustfreudigen Schwester erwartet, raffte eiligst alle ihre Beredsamkeit an die Lippe. So habe auch Helena endlich ein Strahl des Göttlichen berührt, begann sie ihren Sermon, denn schon der Abscheu vor dem Sündhaften sei der rechten Erkenntnis Anbeginn. Doch Irrtum und Selbstverzagen befremde noch ihren Sinn, wenn sie behaupte, es sei nicht möglich, dank des gefestigten Willens den Anfechtungen des Fleisches zu obsiegen: der Wille zum Guten könne, wenn ehern im Herzen gehärtet, jede Versuchung besiegen, und dafür biete doch bei Heiden und Gläubigen die Geschichte Beispiele ohne Zahl. Doch Helena senkte nur wehmütig den Kopf. Ach ja, klagte sie, auch sie habe mit Bewunderung von dem heldischen Kampfe wider den Teufel der Sinnlichkeit gelesen. Doch den Männern habe Gott nicht nur stärkere Körperkraft, sondern auch einen härteren Geist verliehen und sie auserlesen zu siegreichen Kriegern im Gottesstreit. Niemals aber könne – und sie seufzte sehr, da sie dies letztere sagte – ein schwaches Weib den Tücken und Verführungen der Männer widerstehen, und zeitlebens habe sie niemals ein Beispiel gesehen, dass eine Frau, sobald man wider sie dringlich geworden, der Mannesliebe sich hätte erwehren können. „Wie kannst du derlei sagen“, fauchte Sophia in ihrem unbändigen Hochmut herausgefordert. „Bin ich nicht selbst Beispiel dafür, dass ein entschlossener Wille sich wohl des hündischen Zudranges der Männer zu erwehren vermag? Von morgens bis abends umlagert mich die Rotte, bis ins Siechenhaus schleichen sie mir nach, und abends finde ich Briefe mit den abscheulichsten Lockungen auf meinem Lager. Und doch hat niemand gesehen, dass ich je nur einen Blick einem gewährt hätte, denn mich schirmt mein Wille gegen jede Versuchung. Unwahr ist also, was du sagst: sofern eine Frau wahrhaften Willens bleibt, vermag sie sich zu wehren, dessen bin ich selber ein Beispiel.“ „Ach, ich weiß es wohl, dass du allerdings bisher jeder Versuchung dich erwehren konntest“, heuchelte Helena, voll falscher Demut zur Schwester aufschielend, „aber dies vermagst du nur, weil du Glückliche geschützt bist durch dein Kleid und den strengen Dienst, den du auf dich genommen. Du bist umhütet von frommen Schwestern und in die schirmende Mauer der Gemeinschaft gebannt – du bist nicht allein, nicht wehrlos wie ich! Meine aber nicht darum, dass du deiner eigenen Kraft deine Lauterkeit dankst, denn ich bin sogar gewiss, Sophia, dass auch du, sofern du einmal einem Jüngling gegenüberstündest, ihm nicht Trotz bieten könntest und wolltest. Auch du würdest ihm so erliegen, wie wir alle ihm erlegen sind.“ „Niemals! Ich niemals!“ fuhr die Ehrgeizige ihr entgegen. „Ich mache mich anheischig, auch ohne den Schutz meines Kleides, jede Probe einzig kraft meines Willens zu bestehen.“ Genau dies aber war es, was Helena von Sophia hatte hören wollen. Schritt für Schritt die Hoffärtige näher heranlockend an die aufgerichtete Falle, ließ sie nicht ab, die Möglichkeit solchen Widerstandes zu bezweifeln, bis schließlich Sophia selber ungebärdig auf einer entscheidenden Prüfung bestand. Sie begehre diese Probe, ja sie fordere sie, damit die Schwachmütige endlich einmal erkennen möge, dass sie nicht fremdem Schütze, sondern innerer Kraft ihre Unberührtheit verdanke. Da schien Helena langwierig nachzudenken – und das Herz klopfte ihr vor böser Ungeduld im Leibe —, dann sagte sie endlich: „Höre, Sophia, vielleicht wäre dies die rechte Probe. Morgen abend erwarte ich Sylvander, den schönsten Jüngling des Landes, dem noch keine Frau widerstand und der doch mich vor allen begehrt. Achtundzwanzig Meilen kommt er geritten um meinetwegen und bringt sieben Pfund reinen Goldes sowie andere Geschenke einzig darum, mein Nachtgefährte zu sein. Doch käme er auch mit leeren Händen, ich würde ihn nicht von mir weisen, ja mit gleichem Gewicht von Gold sein Beilager erkaufen, denn schöner ist keiner als er und feinerer Art. Nun hat uns Gott so leibesähnlich geschaffen an Antlitz, Rede und Gestalt, dass, trügest du mein Kleid, dann keiner eine Täuschung mutmaßen würde. So erwarte du morgen Sylvander an meiner Statt in meinem Haus und teile mit ihm die Tafel. Begehrt er aber dann, mich vermeinend, deines Leibes, so verwehre dich mit allerlei Ausflüchten. Ich aber will im Nachbargemach warten und horchen, ob du vermagst, bis Mitternacht deine Sinne wider ihn zu verschließen. Aber nochmals, Schwester, ich warne dich; groß ist die Versuchung seiner Gegenwart und noch gefährlicher die Schwachheit unseres eigenen Herzens. Ich fürchte, Schwester, leicht könntest du, verwirrt von deiner Abgeschiedenheit, in unvermutete Versuchung fallen, darum beschwöre ich dich, lieber abzulassen von so verwegenem Spiel.“ Indem die Tückische dermaßen ihre Schwester gleichzeitig lockte und abmahnte, träufte derart glatte Rede nur öl in die brennende Flamme ihres Hochmuts. Wenn es nichts sei als solch eine kleine Probe, rühmte Sophia sich stolz, so wolle sie leichtlich bestehen, und nicht nur bis Mitternacht, sondern bis zum Morgengrauen vermesse sie sich, seines Zudranges Herrin zu bleiben – nur dies eine verlange sie, einen Dolch mit sich fuhren zu dürfen, falls der Freche wagen sollte, Gewalt zu versuchen. Bei dieser stolzen Rede fiel Helena in die Knie vor ihrer Schwester, scheinbar bemeistert von Bewunderung, in Wirklichkeit aber, um die böse Freude zu bergen, die in ihren Augen glänzte, und sie kamen überein, dass am folgenden Abend Sophia, die Fromme, Sylvander empfangensolle; Helena hinwieder schwor, für immer von ihrem schlimmen Wandel zu lassen, falls ihrer Schwester die Abwehr gelänge. Eilends begab sich Sophia zu ihren Gefährtinnen, um die eigene Kraft an der jahrelang erprobten dieser herrlich weitabgewandten Frauen zu stärken, die nur fremdem Elend und Siechtum lebten. Sie pflegte mit doppelter Hingebung die Schwersten und Schwierigsten unter den Kranken, um an ihren gebrechlichen und zerstörten Leibern die Vergänglichkeit alles Irdischen zu empfinden; denn waren diese eingefallenen, morschen Gestalten nicht auch einmal Liebende gewesen und der Leidenschaft verschworen: was war geblieben – ein lebender Moder, eine mühsam nur atmende Hinfälligkeit. Doch auch Helena blieb indes nicht müssig. Wohlbelehrt in den Künsten, die Eros, den launischen Gott, herbeirufen und den gerufenen zurückhalten, ließ sie zunächst von ihrem kalabrischen Küchenmeister Gerichte sonderlichster Art bereiten, gefährlich durchwürzt mit allen Inzitantien der Wollust. In die Pastete ließ sie Biberbrunst mischen, Geilkraut und kantharidisches Pfefferwerk, den Wein aber durchdunkelte sie mit Bilse und schweren Krautern, die blaue Müdigkeit vorzeit auf die Sinne legen. Zudem bestellte sie Musik, damit auch dieser Erzkuppler nicht fehle, der sich einschleicht wie lauer Wind in die sehnsüchtig geöffnete Seele. Schmeichlerische Flötenspieler und hitzige Zimbelschläger hieß sie im Nebenzimmer sich bergen, unsichtbar dem Blick und darum noch gefährlicher für das ahnungslos schwärmende Gefühl. Nachdem sie derart vorsorglich den Ofen des Teufels geheizt, wartete sie voll Ungeduld des Wettkampfes, und als dann abends Sophia, die Hoffärtig-Fromme, erschien, blass vom Wachen und erregt von der Nähe selbstbeschworener Gefahr, umfing sie an der Hausschwelle schon eine drängende Schar junger Dienerinnen, die sogleich die Erstaunte hingeleiteten zu einem mit duftenden Krautern durchwürzten Bade. Dort nahmen sie der Errötenden die grau alltägliche Kutte von dem jungen Leib und rieben ihr Arme, Schenkel und Rücken mit zerknitterten Blüten und scharfduftenden Salben so zärtlich und hart, dass sie ihr Blut durch die Poren sprickelnd vorfahren fühlte. Bald strömte kühlrieselndes Wasser, bald warmglühende Welle über ihre schauernde Haut; dann glätteten fliegende Hände mit weichem Narzissenöl den gehitzten Leib, kneteten ihn sanft und rieben den erstrahlenden derart feurig mit knisternden Katzenfellen, dass die Funken blau von den Spitzen der Haare sprangen: kurz, sie rüsteten die Fromme, ohne dass sie Widerstand zu leisten wagte, genau wie sie Helena allabendlich rüsteten zum Liebesspiele. Dazwischen atmeten zag und drängend die Flöten, und von den Wänden duftete mit tropfigem Wachs die brennende Sandel der Fackeln. Als endlich Sophia, sehr verwirrt von diesem fremden Gehaben, auf dem Ruhebett sich hinlöste und die metallenen Spiegel ihr Antlitz zurückwarfen, schien sie sich selber fremd und doch schön wie nie. Sie spürte ihren Körper leicht und als eine lebendige Lust und schämte sich wiederum sehr, dies Wohlige so wohlig zu fühlen. Doch nicht lange ließ ihre Schwester ihr Zeit zu solchem Zwiespalt des Gefühls. Zart wie eine Katze kam sie heran und umschmeichelte der Schwester Schönheit mit glitzernden Worten, bis jene ihr verwirrt und barsch dies verwies. Noch einmal umarmten einander heuchlerisch die Schwestern, zitternd die eine vor Unruhe und Angst, zitternd die andere vor Ungeduld und böser Begier. Dann ließ Helena die Lichter entzünden und verschwand wie ein Schatten in den Nebenraum, das kühn ersonnene Schauspiel zu belauschen. Nun hatte die Buhlerin längst Sylvander Botschaft zugesandt, welch sonderbares Abenteuer seiner warte, und ihn mit vieler Dringlichkeit angewiesen, durch zurückhaltende Art und große Züchtigkeit die Hochmütige zunächst unvorsichtig und sorglos zu machen. Und als Sylvander, neugierig und eitel, in so eigenartigem Wettkampf zu siegen, endlich eintrat und Sophia unwillkürlich mit der Linken nach dem Dolche tastete, den sie zum Schutz gegen Gewalt mitgenommen, war sie verwundert, mit wie ehrerbietiger Höflichkeit dieser vermeintlich freche Buhler ihr entgegentrat. Denn weder versuchte er – wohl unterrichtet von der Schwester – die ängstlich Atmende in die Arme zu ziehen, noch grüßte er sie mit vertraulicher Anrede, sondern zartdemütig bog er vorerst das Knie. Dann nahm er von dem zurückweichenden Diener eine goldene Kette schwersten Gewichtes sowie ein purpurnes Obergewand aus provenzalischer Seide und bat artig, das Gewand ihr anlegen und die Kette ihren Schultern umstreifen zu dürfen. So viel Anstand konnte Sophia nicht anders erwidern, denn ihm zu willfahren; reglos ließ sie sich die Kette umlegen und das reiche Gewand, nicht ohne zu fühlen, wie schmeichlerisch leicht seine heißen Finger zugleich mit der kühlen Kette längs ihres Nackens hinglitten. Doch da Sylvander weiterhin nichts Verwegenes unternahm, wurde Sophia keine Gelegenheit zu voreiligem Zürnen geboten. Statt dringlich zu werden, verbeugte sich der Heuchlerische abermals und sagte im Tone äußerster Beschämung, er fühle sich unwürdig, die Tafel mit ihr zu teilen, denn noch hafte der Staub der Straße auf seinem Gewände, und sie möge ihm gestatten, sich vorerst Haar und Leib zu säubern. Verlegen rief Sophia die Dienerinnen und hieß sie Sylvander in den Baderaum führen. Doch die Mägde, einem geheimen Befehle ihrer Herrin Helena gehorchend und mit Absicht Sophias Worte missverstehend, schälten hurtig dem Jüngling die Kleider ab, so dass er nackt und schön vor ihr enthüllt wurde, ähnlich jenem Bildnis des heidnischen Apoll, das vordem auf dem Marktplatz gestanden und das der Bischof in Stücke hatte schlagen lassen. Dann erst salbten sie ihn mit Öl, badeten ihm die Füße mit warmem Geström; ohne sich zu beeilen, flochten sie dem lächelnd Nackten Rosen ins Haar, bevor sie ihm endlich ein neues schimmerndes Gewand überwarfen. Und nun er neu geschmückt ihr entgegentrat, schien er noch schöner als vordem. Kaum aber bemerkend, dass sie seiner besonderen Anmut gewahr wurde, zürnte sie schon den eigenen Augen und vergewisserte sich rasch, dass griffnah der rettende Dolch in ihrem Kleide verborgen sei. Doch kein Anlass bot sich, ihn zu fassen, denn nicht anders als die gelehrten Magister im Siechenhause unterhielt sie in höflich bewahrter Distanz der schöne Jüngling mit freundlich belangloser Rede, und noch immer wollte – mehr schon zu ihrem Verdruss als zu ihrer Freude – keine Gelegenheit sich bieten, vor der nebenan lauschenden Schwester mit dem Beispiel weiblicher Standhaftigkeit zu prunken. Denn um Tugend zu verteidigen, ist bekanntlich nötig, dass sie vorerst bestürmt werde. Dieser Sturm der Leidenschaft aber wollte bei Sylvander sich durchaus nicht regen, nur ein kärglich blasses Windchen von Höflichkeit überkräuselte matten Atems sein Gespräch, und die Flöten, die allmählich vom Nebengemach her ihre dringlichen Stimmen erhoben, sprachen zärtlicher als dieses Knaben roter und sonst wohl begehrlicher Mund. Ununterbrochen erzählte er nur von Wettkämpfen und Kriegsfahrten, nicht anders, als ob er im Kreise männlicher Tafelgenossen säße, und seine Gleichgültigkeit war so meisterlich gespielt, dass sie Sophia vollkommen sorglos machte. Ohne Bedenken genoß sie die gefährlich gewürzten Speisen und den heimlich einlullenden Wein. Ja, ungeduldig und allmählich ärgerlich, dass dieser Kühle nicht die geringste Veranlassung bot, die Hartnäckigkeit ihrer Tugend zu beweisen und sich vor ihrer Schwester mit schönem Unmut zu bewähren, begann sie schließlich selber die Gefahr herauszufordern. Von ungefähr fand sie ein Lachen in der Kehle, ihr selber fremd, eine muntere Lust, auszufahren und sich zurückzuwerfen in heiterem Übermut, aber sie zähmte sich nicht und schämte sich nicht, war doch Mitternacht nicht mehr ferne, der Dolch nah ihrer Hand und dieser vorgeblich so hitzige Jüngling kälter als jenes Messers eiserne Schneide. Näher und näher rückte sie ihm zu, damit endlich ihre Tugend Gelegenheit fände zu glorreicher Verteidigung, und unwillentlich entfaltete die Eitle aus der ehrgeizigen Lust, ihre Festigkeit zu erweisen, genau dieselben Künste der Verlockung, die sonst ihre buhlerische Schwester um allzu irdischen Lohn ausübte. Aber man soll, wie ein weises Sprichwort sagt, auch nicht ein Haar von des Teufels Bart streifen, sonst faßt er einen unversehens am Genick. Und ähnlich erging es auch hier der kampfbegierig eitlen Streiterin. Denn ungewohnt des Weins, dessen lüsterne Beize sie nicht ahnte, verwirrt von dem allmählich aufschwülenden Duft des Rauchwerks, süß entkräftet vom saugenden Getön der Flöten, wurden ihr die Sinne allmählich verworren. Ihr Lachen schwankte in Lallen, ihr Übermut in Kitzel hinüber, und kein Doktor beider Fakultäten hätte vermocht, vor Gericht zu bekunden, ob es im Wachen geschehen oder im Schlummer, ob in Nüchternheit oder Trunkenheit, ob mit ihrem Willen oder dawider – kurz, es geschah, noch lange, bevor es Mitternacht schlug, was Gott oder sein Widerpart will, dass zwischen Frau und Mann schließlich geschehe. Mit einmal klirrte aus gelöstem Kleide der heimlich gerüstete Dolch auf den marmornen Estrich; doch sonderbar, die ermüdete Fromme hob ihn nicht als eine andere Lukretia empor, um ihn gegen den gefährlichen nahen Jüngling zu zücken, kein Weinen und Wehren wurde vernommen im Nebengemach. Und als triumphierend um Mitternacht die verderbte Schwester mit ihrer Dienerschar einbrach in die bräutlich gewordene Kammer und eine neugierige Fackel über das Lager der Besiegten schwang, da gab es kein Verschweigen mehr und kein Sich-Schämen. So streuten die frechen Mägde nach heidnischer Art Rosen auf das Ruhebett, röter als die Wangen der Errötenden, die jetzt taumelnd und zu spät ihr frauliches Missgeschick gewahrte. Aber die Schwester nahm die Verwirrte heiß in die Arme, die Flöten jauchzten, die Zimbeln schmetterten, als wäre Pan wieder heimgekehrt auf die christliche Erde, frech entblößt tanzten die Mägde und riefen Eros, den verstoßenen Gott, lobpreisend an. Dann aber entzündete die bacchantisch wirbelnde Schar ein Feuer von duftenden Hölzern, und mit gierigen Zungen fraßen die Flammen das zum Spott erniedrigte fromme Gewand. Der neuen Hetäre aber, die sich schämte, ihre Niederlage zu gestehen, und wirr lächelnd tat, als habe sie freien Willens dem schönen Jüngling sich hingegeben, legten sie die gleichen Rosen wie ihrer Schwester um, und nun die beiden nebeneinander standen, glühend die eine vor Scham und die andere im Feuer des Triumphes, hätte keiner mehr vermocht, Sophia und Helena, die Scheinbar-Demütige von der Hoffärtigen, zu unterscheiden, und des Jünglings Blicke schwankten begehrend zwischen beiden hin, in erneutem und zwiefach ungeduldigem Gelüst. Unterdes hatte die übermütige Rotte unter Lärm Tore und Fenster des Palastes geöffnet. Nachtschwärmer und rasch erwecktes lockeres Volk strömte lachend herzu, und noch ehe die Sonne über die Dächer floss, lief die Kunde schon wie Wasser von allen Traufen durch die Straßen, welchen herrlichen Sieg Helena über die weise Sophia, die Unkeuschheit über die Keuschheit errungen. Kaum aber vernahmen die Männer der Stadt, dass diese langbewahrte Tugend gefallen, so eilten sie schon hitzig herbei, und sie fanden (die Schande sei nicht verschwiegen) guten Empfang, denn Sophia blieb, ebenso rasch umgewandelt wie umgewandet, bei Helena, ihrer Schwester, und suchte es ihr gleich zu tun an Eifer und Feurigkeit. Nun war alles Streitens und Neidens ein Ende, und seit sie dem gleichen schnöden Gewerbe sich zugewandt, lebten die schlimmen Schwestern fortan in munterster Eintracht nebeneinander im Hause. Sie trugen gleiche Haartracht, gleichen Schmuck, genau dieselbe Gewandung, und da die Zwillinge auch in Lachen und Liebeswort nicht mehr unterscheidbar waren, so begann für die Lüstlinge ein immer erneutes, üppiges Spiel, ein Rätselraten mit Blicken und Küssen und Zärtlichkeit, welche es sei, die sie gerade im Arm hielten, die buhlerische Helena oder die einstens fromme Sophia. Doch nur selten gelang es einem, zu wissen, bei welcher er sein Geld vertan, so vollkommen ähnlich erschienen die beiden, und überdies machte das kluge Paar sich’s zur besonderen Lust, die Neugierigen zu narren. So hatte, und nicht zum erstenmal in unserer trüglichen Welt, Helena gesiegt über Sophia, Schönheit über Weisheit, das Laster über die Tugend, das allzeit willige Fleisch über den schwanken und selbstherrlichen Geist, und abermals wurde bewiesen, was schon Hiob beklagte in seiner denkwürdigen Rede, dass es dem Bösen wohl erginge auf Erden, indes der Fromme zuschanden komme und ein Spott werde der Gerechte. Denn kein Zollmeister und kein Steuereinnehmer, kein Küfer und Pfandleiher, kein Goldschmied und Bäckermeister, kein Beutelschneider und Kirchenräuber im ganzen Land sackte mit saurer Arbeit so viel Geld wie die beiden Schwestern mit ihrem linden Eifer. Treulich gesellt, melkten sie die dicksten Felleisen und löcherten sie die vollsten Truhen, Geld und Juwelen liefen ihnen hurtig wie Mäuse allnächtens ins Haus. Und da die beiden von ihrer Mutter zu der Schönheit auch den sorglichen Krämersinn geerbt hatten, vertaten die Zwillingsschwestern dieses Gold durchaus nicht, wie die meisten ihrer Art, in eitlen Nichtigkeiten; nein, klüger als jene, liehen sie ihr Geld sorglich auf Wucher und Zins, gaben es zur Mästung an Christen, Heiden und Juden und scharrten so kräftig mit dem Wucherrechen, dass bald nirgends so viel Reichtum aufgehäuft war an Münzen und Kameen, sicheren Verschreibungen und gültigen Pfandbriefen wie in jenem argen Haus. Kein Wunder, dass, mit solchem Beispiel vor Augen, die jungen Mädchen des Landes nicht mehr Scheuerfrauen werden wollten und sich die Finger blaufrieren am Waschtrog, und bald war diese Stadt berüchtigt unter den Städten als ein neues Sodom dank der schlimmen Gegenwart der endlich einig gewordenen Schwestern. Doch auch dies ist wahr in den alten Sprüchen, wenn sie sagen: Wie rasch der Teufel auch reitet, schließlich bricht er doch vor dem Ziele das Bein. Und so sollte auch hier das Ärgernis noch erbaulich enden. Denn wie die Jahre gingen und vergingen, wurden die Männer des immer gleichen Rätselspiels allmählich müde. Seltener kamen Gäste, früher löschten die Fackeln im Haus, schon wussten längst alle anderen, und nur die Schwestern wussten es nicht, was der Spiegel stumm den flackernden Lichtern erzählte: dass kleine Falten nisteten unter den übermütigen Augen und das Perlmutter zu blättern begann von der mählich erschlaffenden Haut. Vergebens, dass sie jetzt mit Künsten rückzukaufen suchten, was Natur, die mitleidlose, stündlich ihnen nahm, vergebens, dass sie das Grau löschten um die Schläfen, die Runzeln mit elfenbeinernen Messern strichen und rot sich die Lippen malten und um den ermüdeten Mund; die Jahre, die stürmisch durchlebten, waren nicht länger zu verhehlen, und kaum dass die Jugend von den Schwestern ging, wurden auch die Männer der beiden satt. Denn indes jene abblühten, wuchsen rings in den Straßen immer wieder junge Mädchen auf, jedes Jahr ein anderes Geschlecht, süße Wesen mit kleinen Brüsten und schelmischen Locken, doppelt verlockend der männlichen Neugier durch Unberührtheit des Leibes. Immer stiller wurde es darum im Hause auf dem Marktplatz, die Angeln der Türe begannen zu rosten, vergeblich brannten die Fackeln und dufteten die Harze, niemandem zur Wärme wartete der Kamin und der Schwestern geschmückter Leib. Gelangweilt übten die Flötenspieler, denen keiner zu lauschen kam, statt ihrer schmeichlerischen Kunst endlose Würfelspiele, und der Pförtner[44 - Pförtner der; -s, -; – jemand, der beruflich den Eingang eines großen Gebäudes bewacht] , der allnächtens der Gäste warten sollte, wurde rundlich vom Übermaß unbehelligten Schlafes. Ganz einsam aber saßen oben die beiden Schwestern an der langen Tafel, die einstmals klirrte vom Andrang des Gelächters, und da kein Liebhaber mehr Zeitvertreib brachte, hatten sie höchlichst Musse, sich des Vergangenen zu erinnern. Insbesondere Sophia dachte mit Wehmut der Zeiten, da sie, abgewandt von aller irdischen Wollust, einzig ernstem und gottgefälligem Wandel gedient; oftmals nahm sie darum wieder die verstaubten frommen Bücher zur Hand, denn gern zieht ja die Weisheit bei Frauen ein, sobald die Schönheit flieht. Und so bereitete sich allmählich eine wunderbare Umkehr des Sinnes in den beiden Schwestern vor, denn so wie in den Tagen ihrer Jugend Helena, die Buhlerin, gesiegt über Sophia, die Fromme, so geschah es, dass Sophia nun spät allerdings und nach reichlicher Sündigkeit – bei ihrer allzu irdischen Schwester Gehör fand, wenn sie zu Verzicht mahnte. Ein heimlich Kommen und Gehen begann in den Morgenstunden: erst war es Sophia, die in das Siechenhaus schlich, das sie so beleidigend verlassen, um Verzeihung zu erbitten, dann war es Helena, die sie begleitete, und als die beiden erklärten, sie wollten ihr lästerlich zusammengerafftes Geld restlos diesem Hause für alle Ewigkeit übermachen, durften selbst die Misstrauischsten nicht länger den Ernst ihrer Buße bezweifeln. So kam es, dass eines Morgens, als der Pförtner noch schlummerte, zwei Frauen, einfach gekleidet und verhüllten Gesichts, wie Schatten aus dem üppigen Hause am Marktplatz traten, nicht unähnlich in ihrem scheudemütigen Gang jener Frau, ihrer Mutter, da sie vor fünfzig Jahren aus raschem Reichtum zurückschlich in die niedere Gasse ihrer Armut. Vorsichtig glitten sie durch den zaghaft geöffneten Türspalt, und die ein Leben lang in wetteiferndem Unmaß der Eitelkeit die Aufmerksamkeit eines ganzen Landes für sich gefordert, nun deckten sie ängstlich ihr Antlitz, dass keiner um ihren Weg wisse und in verborgener Demut ihr Schicksal vergessen sei: in einem Frauenkloster fremden Landes, wo niemand ihre Herkunft ahnte, sollen sie – niemand weiß es genau – nach Jahren schweigsamer Zurückgezogenheit gestorben sein. So reichlich aber waren die Schätze, die sie dem frommen Asyl[45 - Asyl das; -(e)s, -e; nur Sg; – der Aufenthalt, den ein Staat einem Ausländer gewährt, um ihn vor Verfolgung zu schützen] hinterließen, so viele Scheffel Goldes wurden aus den Spangen und Münzen und Edelsteinen und Schuldverschreibungen gelöst, dass man beschloss, ein neues und herrliches Siechenhaus zu Schmuck und Krönung der Stadt zu entrichten, schöner und größer, als jemals eines gesehen wurde im aquitanischen Land. Ein nordischer Meister entwarf den Riss, zwanzig Jahre baute Tag und Nacht die werkende Schar, und als endlich das hohe Werk sich enthüllte, stand abermals staunend die Menge. Denn nicht wie bislang Brauch war, hob hier über das Viereck des Hauses ein einziger Turm sein vierkantiges Haupt trotzig gequadert zur Höhe – nein, hier stieg weibisch schlank und in steinerne Spitzen gehüllt zur Rechten einer empor und einer zur Linken, so völlig einander gleich in Wuchs und Maßen und der zarten Anmut des gemeißelten Steins, dass bereits vom ersten Tage an die Leute die beiden Türme „die Schwestern“ nannten – mag sein, bloß um ihrer äußeren Ebenmäßigkeit willen, vielleicht aber auch, weil man im Volke, das ja allezeit denkwürdige Begebenheiten durch Jahre und Jahrhunderte gerne überliefert, die ungebührliche Legende von Weltfahrt und Wandlung der beiden gleichungleichen Schwestern nicht vergessen wollte, die mir jener biedere Bürger, vielleicht ein wenig vom Weine beschwingt, im Mondlicht der Mitternacht erzählte. Die Liebe der Erika Ewald Camill Hoffmann in inniger Freundschaft … Aber das ist die Geschichte aller jungen Mädchen, dieser sanften Dulderinnen. Sie sagen nie, dass sie leiden. Die Frauen sind zum Dulden geschaffen. Es ist gewiss so ihr Schicksal, sie erfahren es früh und sind darüber so wenig erstaunt, dass sie noch immer sagen, das Übel sei nicht da, wenn es längst gekommen…     Barbey d’Aurevilly Erika Ewald trat langsam ein, mit dem vorsichtigleisen Gang einer Zuspätkommenden. Der Vater und die Schwester saßen schon beim Abendessen; beim Geräusch der Türe blickten sie auf, um der Eintretenden flüchtig zuzunicken, dann klang nur wieder das Klingen der Teller und das Klappern der Messer durch den matterhellten Raum. Gesprochen wurde selten, nur hie und da fiel ein Wort, und das flatterte wie ein aufgeworfenes Blatt haltlos in der Luft, um dann ermattet zu Boden zu sinken. Sie hatten sich alle wenig zu sagen. Die Schwester war unscheinbar und hässlich; eine jahrelange Erfahrung, stets überhört oder bespöttelt zu werden, hatte ihr jene altjüngferliche stumpfe Resignation gegeben, die jeden Tag mit einem Lächeln scheiden sieht. Den Vater hatte eine langjährige gleichfarbige Bureautätigkeit der Welt entfremdet, und insbesondere seit dem Tode seiner Frau umfing ihn jene harte Verstimmung und trotzige Schweigsamkeit, mit der alte Leute gerne ihre physischen Leiden verbergen. Auch Erika schwieg meistens an diesen eintönigen Abenden. Sie fühlte es, dass sich gegen die graue Stimmung, die sich wie dicke drohende Wetterwolken über diese Stunden legte, nicht ankämpfen lasse. Und dann war sie zu müde dazu. Die quälende Tagesarbeit, die sie von Stunde zu Stunde hetzte und sie zwang, Disharmonien, tastende Akkorde, unmusikalische Brutalitäten mit rastloser Sanftmut zu ertragen, löste in ihr ein dumpfes Ruhebedürfnis aus, ein wortloses Verströmen aller Empfindungen, die die Gewalt des Tages überwuchert hatte. Sie liebte es, in diesen wachen Träumen sich selbst anzuvertrauen, weil ihr eine fast überreizte Schamhaftigkeit nie gestattete, anderen nur eine Andeutung ihrer seelischen Erlebnisse zu geben, ob auch ihre Seele unter dem Drucke ihrer ungesprochenen Worte bebte, wie ein überreifer Obstbaumzweig unter der Last seiner Früchte schwankt. Und nur ein leichter, ganz unmerklich feiner Zug um die schmalen blassen Lippen verriet, dass Kampf und Ringen in ihr war und eine unbändige Sehnsucht, die sich nicht von Worten tragen lassen wollte und nur manchmal ein wildes Beben[46 - Beben nur Sg; – der Zustand, in dem etwas bebt] um den festgeschlossenen Mund legte wie von jähem Schluchzen. Das Abendessen war bald zu Ende. Der Vater erhob sich, sagte kurz einen Gutenachtgruß und ging in sein Zimmer, um sich die Pfeife anzuzünden. Das war so jeden Tag in diesem Hause, wo auch die gleichgültigste Tätigkeit zu starrer Gewohnheit versteinerte. Und auch Jeanette, ihre Schwester holte sich wie immer ihr Nähzeug her und begann beim Lampenlicht, stark vorgebeugt wegen ihrer Kurzsichtigkeit, mechanisch zu sticken. Erika ging in ihr Zimmer und begann sich langsam zu entkleiden. Es war diesmal noch sehr früh. Sonst pflegte sie bis tief in die Nacht hinein zu lesen, oder sie lehnte in einem süßen Gefühle am Fenster und blickte hoch von oben über die hellen mondscheinbeleuchteten Dächer, die sich in lichter Silberflut badeten. Sie hatte da nie klare, zielstrebende Gedanken, nur das unbestimmte Gefühl einer Liebe für das Schimmernde, Blitzende und doch so sanft Verströmende des Mondlichtes, das die Tausende von Scheiben blank spiegelte, hinter denen sich die Geheimnisse des Lebens bargen. Aber heute empfand sie eine sanfte Mattigkeit, eine selige Schwere, die sich sehnt, von milden, warm anschmiegenden Decken getragen zu werden. Eine. Schläfrigkeit, die nichts anderes ist als Sehnsucht nach süßen, seligen Träumen, rann durch alle Glieder wie ein sacht erkaltendes, betäubendes Gift. Sie raffte sich auf, warf beinahe mit Hast die letzten Kleidungsstücke von sich, verlöschte die Kerze. Einen Augenblick noch – und dann dehnte sie sich im Bette… Wie ein hurtiges Schattenspiel tanzten noch einmal die seligen Erinnerungen des Tages vorbei. Sie war heute bei ihm gewesen…. Gemeinsam hatten sie wieder geprobt zu ihrem Konzert, wo ihr Spiel seine Geige begleiten sollte. Und dann spielte er ihr vor – Chopin, die Ballade ohne Worte. Und dann die sanften lieben Worte, die er ihr sagte, die vielen lieben Worte! Die Bilder eilten immer rascher vorbei, sie führten sie wieder nach Hause zu sich selbst, um rasch wieder hinwegzuirren in die Vergangenheit, zu dem Tag, da sie ihn zuerst kennengelernt hatte. Und bald stürmten sie heraus über die Enge der Zeit und des Erlebens und wurden immer wilder und bunter. Noch hörte Erika, wie ihre Schwester nebenan zu Bette ging. Und ein toller merkwürdiger Gedanke kam ihr, ob er sie wohl auch zu sich gebeten hätte. Ein frohes übermütiges Lächeln wollte sich noch matt auf ihre Lippen schleichen, aber sie war schon zu schlaftrunken. Und einige Minuten später trug sie ein sicherer Schlaf zu seligen Träumen. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/stefan-cveyg/die-hochzeit-von-lyon-novellen-svadba-v-lione-novelly-kniga-d/?lfrom=334617187) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом. notes Примечания 1 lapidar (oft überraschend) – kurz und präzise formuliert = prägnant 2 Guillotine die; -, -n; – eine Maschine, mit der (besonders zur Zeit der Französischen Revolution) durch ein herabfallendes Beil Menschen der Kopf abgeschlagen wurde 3 Dekret das; -(e)s, -e; veraltend – eine offizielle Verordnung von einer Behörde 4 lethargisch – teilnahmlos 5 Riegel der; -s, -; – ein Stab aus Metall oder Holz, den man vor etwas schiebt, um es so zu sichern 6 Magisterbeamte der; -(e)s, -e; – der Beamte einer Behörde, der eine Stadt oder eine Gemeinde verwaltet 7 Denunziation die – eine Anzeige in der Polizei, dass jemand eine Straftat begangen hat (besonders in einem totalitären Staat aus politischen Gründen) 8 Kruzifix das; -es, -e; – eine Darstellung oder Nachbildung des Kreuzes, an dem Jesus Christus gestorben ist 9 Gatte der; -n, -n; – der Ehemann 10 François fr. [frã́sua:] – der männliche Name 11 Garçon fr. [gársõ:] – der Kellner, der Ober 12 Pinie die; -n; – ein Fichtenbaum 13 Ersparnisse die pl – Spargelder 14 Kurve die; -, -n; – eine Biegung an der Straße 15 Serpentine die; -, -n; – eine steile Straße oder ein steiler Weg mit vielen engen Kurven 16 Coupe (fr.) das; -s; -s; – ein Zugabteil 17 Palisade die; -, -n; – ein starker Holzpfahl 18 Zypresse die; -, -n; – ein hoher schmaler (Nadel)Baum (besonders in den Mittelmeerländern), dessen Nadeln wie Schuppen übereinander liegen 19 azurn – leuchtend blau 20 Schurke der; -n, -n; – jemand, der böse Dinge tut = Schuft 21 speien (spie, hat gespien) – sich erbrechen 22 Gerümtel das; -s; nur Sg, – alte Dinge, die kaputt oder nutzlos sind (und irgendwo aufbewahrt werden) 23 pendeln – etwas hängen lassen und hin und her schwingen 24 Saite die; -, -n; – eine Art Faden oder Draht aus Metall, Tierdarm oder Kunststoff, der an einem Musikinstrument die Töne erzeugt, wenn man ihn streicht oder zupft 25 Maintenant je veux danser moimême (fr.) – Wollen sie tanzen! 26 Excusez, messieurs, un instant (fr.) – Moment, bitte! 27 Ottomane die; -n – eine Art des Sofas 28 servil Adj – bereit, jedem, der einen höheren Rang hat, zu schmeicheln und ihn zu bedienen = unterwürfig, kriecherisch 29 Krokus der; -, -se; – eine kleine, meist weiße, gelbe oder violette Blume, die im Frühling blüht 30 Bischof der; -s, Bischöfe; (Rel) – ein Priester mit hohem Rang, der alle Kirchen und Priester eines großen Gebietes (eines Bistums oder einer Diözese) unter sich hat 31 taufen (taufte, hat getauft) – jemandem die Taufe (und dabei einen Namen) geben 32 Krämer (-in) veraltend – jemand, der (die) ein kleines (Lebensmittel) Geschäft besitzt 33 Linnen veraltend d.h. Leinen – ein sehr fester und glatter Stoff (aus Flachs) 34 Edelstein der – ein Stück eines seltenen, wertvollen Minerals 35 Falkner der; -s, -; – jemand, der Falken für die Jagd dressiert 36 Trabant der; -en, -en; – Begleiter; Edelleute; astron. Mond; Satellit 37 Edelleute veraltet – adelige Leute 38 Brokat der; -(e)s, -e; meist Sg; – ein schwerer, wertvoller Stoff, meist mit Metallfäden 39 Ketzer der; -s, -; – jemand, dessen Glauben nicht mit den 40 fromm – in festem Glauben an eine Religion (und in festem Gehorsam gegenüber ihren Geboten) sein 41 Knecht der; -(e)s, -e; veraltend – ein Arbeiter, der bei einem Bauern angestellt ist 42 Pilger der; -s, -; – jemand, der eine (weite) Reise zu einem heiligen Ort macht, um dort zu beten 43 Magd die; -, Mägde; veraltend – eine Frau, die als Arbeiterin auf einem Bauernhof tätig ist 44 Pförtner der; -s, -; – jemand, der beruflich den Eingang eines großen Gebäudes bewacht 45 Asyl das; -(e)s, -e; nur Sg; – der Aufenthalt, den ein Staat einem Ausländer gewährt, um ihn vor Verfolgung zu schützen 46 Beben nur Sg; – der Zustand, in dem etwas bebt
КУПИТЬ И СКАЧАТЬ ЗА: 164.00 руб.